THE VOICE OF THE LATIN PATRIARCH OF JERUSALEM

FIRST HAND DOCUMENTS FROM PATRIARCH MICHEL SABBAH

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Palästina, die Christen und der Friede[1]

Dieser Vortrag wurde am 23.04.2001 vom lateinischen Patriarchen von Jerusalem, 

Michel Sabbah, im Institut Catholique de Paris gehalten.

 

Zu Beginn möchte ich der Sektion Pax Christi Frankreich unter dem Vorsitz von Bischof Derouet danken, die diese Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Institut Catholique de Paris organisiert hat, dessen Direktor, Herrn Valdrini, ich herzlich begrüße. Vielen Dank.

Aus Jerusalem grüße ich Sie alle hier Anwesenden ganz herzlich. Mein Gruß ist ein Friedenswunsch an Sie alle, die Sie am Frieden im Heiligen Land Interesse haben, ein Wunsch, dass alle, Israelis, Palästinenser, die arabische Welt und die internationale Gemeinschaft zusammen am Bau der neuen Gesellschaft im Heiligen Land mitarbeiten, die eine palästinensische und israelische sein wird.

Gerade in diesen Tagen erleben wir im Heiligen Land, in Palästina und Israel, den Ausbruch von Gewalt: Am Ostertag, in der Nacht, und in den darauffolgenden Nächten haben die christlichen Städte Beit-Jala, Betlehem und Beit Sahur, sowie andere palästinensische Regionen, vor allem der Gaza-Streifen, ein Bombardement erleben müssen.

Mit dieser Situation, die für die israelische Entscheidung, durch militärische Gewalt den palästinensischen Widerstand zu verringern, und für die Entschlossenheit der Palästinenser steht, zu bleiben und ebenfalls mit Gewalt zu reagieren, befinden wir uns in einem Teufelskreis der Gewalt, den zu durchbrechen jemand den Mut aufbringen muss.

1. Das Heilige Land

Das Heilige Land ist das historische Palästina. Es liegt zwischen dem Jordan im Osten und dem Mittelmeer im Westen und wird im Norden von Syrien und dem Libanon, und im Süden von Ägypten begrenzt. Es heißt heute Israel und Palästina (oder besetzte Palästinensische Gebiete). Der Staat Israel umfasst 78 % des historischen Palästina; die übrigen 22 % wurden von Israel im Jahre 1967 besetzt und haben jetzt den Status der besetzten Gebiete bzw. der palästinensischen Autonomiegebiete. Diese 22 % des historischen Palästina werden heute von den Palästinensern eingefordert, um dort ihren eigenen Staat gründen zu können.

Kirchenrechtlich gesehen umfasst das Heilige Land nach Auffassung aller in Jerusalem vertretenen katholischen, orthodoxen und protestantischen Kirchen Palästina, Israel und Jordanien. Doch der Konflikt bzw. die derzeitige Gewalt ist auf die Länder Israel und Palästina begrenzt.

2. Die Christen im Heiligen Land

Der Besuch des Heiligen Vaters, Papst Johannes Paul II, im Jahre 2000 lenkte die Aufmerksamkeit der Welt auf die kleine, aber lebendige Gemeinschaft der arabischen, palästinensischen und jordanischen Christen im Heiligen Land. Diese Gemeinschaft sorgt dort seit den Anfängen bis in unsere Tage hinein für den Fortbestand der christlichen Präsenz in Form verschiedener Riten und Sprachen, insbesondere durch die arabische Sprache, Kultur und Geschichte, zu der diese Kirche bzw. diese Kirchen gehören. Wir sind nämlich mehrere Kirchen, dreizehn insgesamt: katholische, orthodoxe und protestantische. Als wir am 04. Dezember 1999 gemeinsam die Eröffnung des Jubiläumsjahres 2000 feierten, wurde das Evangelium von der Geburt des Herrn Jesus Christus in allen Riten, dem griechischen, lateinischen, syrischen oder aramäischen, armenischen, koptischen und äthiopischen und außerdem auf Arabisch und Englisch verkündet. Die Christen in Palästina zeigen sich somit in einer Vielfalt von Kirchen in Gemeinschaft mit dem Osten und dem Westen.

      Abgesehen von den alten liturgischen Sprachen, die auch Nationalsprachen waren, ist das Arabische mit Ausnahme der äthiopischen Gemeinschaft die gemeinsame Sprache aller Christen. Es darf auch die hebräischsprachige Gemeinschaft nicht vergessen werden, die ein integraler Bestandteil der Kirche des Heiligen Landes ist. Sie ist noch klein, ihre Sprache ist Hebräisch, und sie gehört durch ihre Kultur und Geschichte zur israelischen Gesellschaft.

2.1              Das Wort "arabisch" war und ist auch heute noch für viele ein Synonym für "muslimisch", obwohl die Christen aller Riten schon seit Jahrhunderten ein integraler Bestandteil dieser arabischen Welt sind – insbesondere in den Ländern des Nahen Ostens.

In Palästina und in Israel gibt es Bestrebungen, die Christen davon zu überzeugen, dass sie als religiöse Gemeinschaft eine Minderheit darstellen und zu keinem Volk gehören, was absurd ist. Ein Christ gehört nämlich überall, wo er sich befindet, zu seinem Grund und Boden, zu seinem Volk und zu seinem Land. Der französische Christ ist Franzose, der italienische Italiener usw. Ebenso ist es mit dem palästinensischen Christen: Er ist Palästinenser.

2.2. Dies bringt uns zu der Frage nach den Beziehungen zwischen Christen und Muslimen. Auch hier läuft seit einigen Jahren eine Kampagne, mit der man eine angebliche Verfolgung der Christen durch Muslime herauszustellen sucht. Dass es aus dem einen oder anderen Grund Schwierigkeiten in den Beziehungen zwischen Mehrheiten und Minderheiten in Gesellschaften geben mag, ist verständlich und kommt allenthalben vor, so z. B. in der israelischen Gesellschaft in den Beziehungen unter israelischen Bürgern selbst, den jüdischen und arabischen. Trotz aller demokratischen Strukturen führt die Diskriminierung aufgrund von Rasse und Religion zu Problemen in den Beziehungen, ohne jedoch das Leben für die einen oder anderen unmöglich zu machen.

Die Beziehungen zwischen Muslimen und arabischen Christen im Allgemeinen, und zwischen Muslimen und palästinensischen Christen im Besonderen beruhen auf zwei Überlegungen. Die erste ist historischer Art: Ob Christen oder Muslime – wir sind ein Volk. Wir haben unsere Wurzeln in demselben Land, nämlich Palästina. Wir gehören gemeinsam zu dem Boden, zu dem Land, und wir gestalten heute gemeinsam unsere Geschichte, unabhängig von den inneren oder äußeren Schwierigkeiten, mit denen wir in unserem täglichen persönlichen, öffentlichen oder nationalen Leben konfrontiert sein mögen.

Die zweite Überlegung ist theologischer Art: Wir Christen in Palästina und anderswo in den Ländern des Nahen Ostens, sind dazu aufgerufen, in unseren arabischen und muslimischen Gesellschaften zu leben. Ein Teil der arabischen und muslimischen Gesellschaft zu sein, ist unsere Berufung. Das ist der Sinn unseres christlichen Glaubens und unserer Gegenwart in unseren Ländern. Wenn diese Berufung Schwierigkeiten mit sich bringt, heißt das nicht, dass wir sie ablehnen werden. Im Übrigen gibt es Gott sei Dank auch noch etwas anderes als Schwierigkeiten. Es gibt eine gemeinsame Reflexion von Christen und Muslimen, die auf allen Ebenen stattfindet, um mehr Stabilität und Gleichgewicht in den Beziehungen zu erreichen.

2.3 Unsere Berufung besteht somit darin, in einer arabischen und muslimischen Gesellschaft zu leben. Und im Heiligen Land, dem Ort der Begegnung der drei Religionen, ist unsere Berufung die unseres Landes, nämlich in unserem arabischen und muslimischen palästinensischen Volk zu leben, zusammen mit dem jüdischen Volk, mit dem wir heute das Drama des Konflikts und morgen, wie wir hoffen, den Frieden der Aussöhnung in Gerechtigkeit erleben.

2.4 Eine Frage wird uns häufig gestellt: Habt ihr nicht Angst, dass der neue palästinensische Staat ein muslimischer Staat sein könnte? Darauf antworten wir einfach so: Es wäre nicht der erste muslimische Staat, der im Nahen Osten gegründet wird. In der Region gibt es bereits mehrere muslimische Staaten, wie den Irak, Syrien, Ägypten, Jordanien; den Libanon lasse ich wegen seines speziellen Gepräges außer Acht. Ein neuer arabischer Staat, in dem Christen leben, wäre somit keine neue Erfahrung, die uns Angst machen müsste. Außerdem werden wir, wie schwierig die Zukunft sich auch immer gestalten mag, ganz einfach versuchen, uns ihr zu stellen und nicht nachzulassen, die besten Wege der Koexistenz in unserer Gesellschaft zu suchen, in die uns unser christlicher Glaube entsendet.

In allen obengenannten arabischen Ländern garantieren die Verfassungen die Gleichheit der Bürger. Es muss freilich noch einiges getan werden, um zu einem größeren Gleichgewicht zwischen den Mehrheiten und Minderheiten zu gelangen, aber dies gilt in allen Ländern, ob aus religiösen oder anderen Gründen. Die Frage der Minderheiten oder kleinen Gruppen ist keine typisch palästinensische Frage.

Abgesehen davon achten Präsident Arafat und die Palästinensische Autonomiebehörde darauf, dass in der muslimisch-christlichen palästinensischen Gesellschaft ein gewisses Gleichgewicht und eine gewisse Stabilität aufrechterhalten werden. Sie sind damit mehr oder weniger erfolgreich in einer Gesellschaft, die für alle Strömungen und alle Arten von Manipulation offen ist.

2.5 Eine hochrangige Kommission, die von der amerikanischen Administration einberufen wurde, reiste unlängst durch den Nahen Osten, um unter besonderer Berücksichtigung der Beziehungen zwischen Muslimen und Christen Erhebungen über die Religionsfreiheit durchzuführen. Wir haben unser Zeugnis abgelegt. Aber ebenso wichtig wie die Religionsfreiheit ist unsere Freiheit als menschliche Wesen, d. h. unsere politische Freiheit, die durch die militärische Besetzung der Palästinensergebiete begrenzt bzw. mit dieser verbunden ist.

2.6 Es gibt heute etwa 500.000 christliche Palästinenser, wobei diese Zahl sowohl die vor Ort, also in Israel und Palästina Gebliebenen, als auch die durch Emigration und die Kriege von 1948 und 1967 Verstreuten umfasst. Diese Zahl entspricht 10 % aller weltweit lebenden Palästinenser. Lediglich 170.000 von ihnen leben heute in Israel (120.000) und Palästina (50.000); dies entspricht 2 % der arabischen Bevölkerung.

Sind wir eine Gemeinschaft, die im Verschwinden begriffen ist? Viele würden gerne so denken – wegen der kontinuierlichen Emigration und auch wegen des Konflikts, der offenbar nicht auf sein Ende zugeht. In Wirklichkeit handelt es sich heute um eine sehr lebendige Gemeinschaft, die am gesamten kirchlichen und gesellschaftlichen Leben teilnimmt. Es stimmt, dass sich einige unserer Gläubigen vom täglichen Kampf zermürben lassen und schließlich die Emigration wählen, um ein friedlicheres Leben führen zu können. Andere dagegen bleiben. Im Heiligen Land wird es immer eine kleine christliche Gemeinschaft geben, die von Jesus in seinem Land Zeugnis ablegt. Für uns ist unser Dasein im Heiligen Land nicht nur durch historische und menschliche Umstände bedingt, sondern stellt auch und vor allem die Fortführung des Mysteriums der Ablehnung dar, die Jesus genau in diesem Land erfuhr; und, wie Jesus zu seinen Aposteln gesagt hatte, sind und bleiben wir über die Jahrhunderte hinweg Christi Zeugen in seinem Land: "(...) ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8).

2.7 Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Heilige Land ist ein Land der ständigen Begegnung mit Gott und mit allen Menschen, die es bewohnen. Für die Christen ist es auch das Land des täglichen Lebens, das Land der Rechte und Pflichten, und ein Land des Konflikts, um das immer noch gerungen wird. Unsere Geschichte und unsere permanente Anwesenheit in diesem Land waren beständig – mitten im Auf und Ab der Geschichte und der Aufeinanderfolge von Eroberern und Völkern – dank unseres Glaubens, den wir stets aufrechterhielten und von Generation zu Generation weitergaben.

3. Die Christen und der Friede

Unsere Rolle als Christen für den Frieden

Als christliche Palästinenser sind wir Teil des palästinensischen Volkes, wir sind im Handeln dieses Volkes präsent, in seinen Anstrengungen im politischen und religiösen Bereich und in seinem Kampf um Freiheit, der auch ein Kampf um Frieden ist. Im politischen Handeln, unter den Toten, Verletzten, in den zerstörten Häusern sind die Christen wie alle anderen Palästinenser auch gegenwärtig.

3.1  Im religiösen Bereich gibt es den Dialog zwischen Christen und Muslimen, der sich im Laufe der Zeit auf verschiedene Weise fortsetzt. Es gibt auch einen Dialog zwischen Christen und Juden. In Israel gibt es mehrere Vereinigungen oder Gruppen zur Förderung des Dialogs. Größtenteils sind die christlichen Partner dabei Christen aus dem Westen. Es gibt aber auch Begegnungen zwischen palästinensischen Christen einerseits und israelischen Juden andererseits, mit dem Ziel des interreligiösen Dialogs, durch den das erlebte Drama reflektiert werden soll.

3.2  Neben diesen Aspekten versucht die Kirche, ihre Stimme zu erheben. Nicht immer wird sie verstanden. Sie wird leicht pro-palästinensisch und anti-israelisch eingestuft. Faktisch bleibt sie die Kirche, die christlich und palästinensisch ist, und der es um jeden Menschen geht, ob Palästinenser oder Israeli. Ihr liegt der Friede zwischen dem israelischen und palästinensischen Volk am Herzen. Im Übrigen sieht sie ganz klar, dass sich der Friede für das eine Volk nicht vom Frieden für das andere unterscheiden kann.

Wir verurteilen die Gewalt. Aber wir sagen auch: Die militärische Besetzung selbst ist ein Akt der Gewalt. Ihre Durchführung, die Beschränkung der Freiheiten und die dreiunddreißig Jahre lange Unterwerfung eines Volkes unter ein Regime der militärischen Besetzung sind Akte der Gewalt. Dem muss sehr wohl ein Ende gemacht werden. Der palästinensische Widerstand nimmt auch gewalttätige Formen an, wie dies leider in jeder Art von Befreiungskrieg in der Geschichte der Völker der Fall gewesen ist. Aber wir glauben auch, dass der gewaltlose Widerstand ebenfalls wirkungsvoll sein kann.

Die Kirche besteht im Namen aller auf der Würde des Menschen und auf der Gleichheit aller Menschen, ob arabischer oder jüdischer, palästinensischer oder israelischer Herkunft, und ob jüdischer, muslimischer oder christlicher Religionszugehörigkeit. Alle sind gleich, weil alle von ein und demselben Schöpfer, nach seinem Bilde und ihm ebenbildlich geschaffen wurden. Diese Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist die grundlegende Basis der menschlichen Würde in einem jeden, in den beiden Parteien, selbst im Konflikt und in Situationen der Gewalt, oder in Beziehungen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Inmitten der Bombardierungen, des Steinewerfens, der zerstörten Häuser, des Hasses spricht die Kirche von Vergebung und Versöhnung. Dies ist für alle eine schwer zu verstehende Sprache. Sie spricht von Versöhnung und von Frieden auf der Basis von Gerechtigkeit. Denn eines Tages wird die Versöhnung stattfinden. Aber niemand scheint die Lektion der Geschichte lernen zu wollen, jeder macht zu seinem eigenen Nachteil nochmals die Erfahrung, dass alle Befreiungskriege, wenngleich die beiden Gegenspieler immer ein Starker und ein Schwacher waren, stets mit dem Sieg des Schwachen durch die Erringung seiner Freiheit geendet haben. Durch das Lernen aus der Geschichte hätte man sich so viel Gewalt erspart und direkt auf einen aufrichtigen Dialog hingearbeitet, der dem Ziel gedient hätte, dem palästinensischen Volk die Freiheit und gleichzeitig dem israelischen Volk die Sicherheit wiederzugeben.

3.3 Die Medien versuchen, den aktuellen Konflikt als ein Problem der palästinensischen Gewalt darzustellen: Wenn diese Gewalt aufhörte, käme alles wieder in Ordnung. Die Gewalt ist jedoch nur ein Aspekt des Problems. Das Grundproblem ist die militärische Besetzung der Palästinensergebiete durch Israel im Jahre 1967. Ein anderes Grundproblem ist die Sicherheit für den Staat Israel.

Es gab eine Zeit, in der sich die arabische Welt weigerte, den neuen Staat Israel anzuerkennen. Beginnend mit der Konferenz von Madrid und mit dem Friedensprozess fand diese Anerkennung statt. Was heute noch verwirklicht werden muss, ist die Anerkennung des Staates Palästina, der noch in den 1967 besetzten Gebieten errichtet werden muss.

Die grundlegende Frage lautet daher: Sind Israel und die internationale Gemeinschaft dazu bereit, diesen palästinensischen Staat anzuerkennen? In seiner jüngsten Erklärung sagte Ariel Sharon, er sei dazu bereit, den Palästinensern lediglich 42 % der 1967 besetzten Gebiete zurückzugeben; dies bedeutet, dass wir uns in einer Sackgasse und im Teufelskreis der Gewalt befinden.

3.4 Das zweite Grundproblem ist die Sicherheit Israels. Israel hat bis heute eine Militärmacht aufgebaut, durch die es all seine Kriege gewonnen hat und auch alle weiteren gewinnen wird. Aber den Frieden hat Israel noch nicht gewonnen, und Friede wird auch nicht die Frucht der militärischen Gewalt sein. Letztere kann zwar vielleicht Friedensverträge auf Papier und zwischen Regierungen bewirken, aber weder in den Herzen noch zwischen den Völkern. Die militärische Gewalt wird, so groß sie auch sein mag, lediglich noch mehr Widerstand in den Herzen erzeugen und dem Kreislauf der Gewalt und somit auch der Unsicherheit weiter Nahrung geben.

Wie soll man dann Sicherheit erreichen? Für Ariel Sharon durch die Politik der "verbrannten Erde", durch Repressalien, Belagerung, Bombardements, Entwurzeln von Bäumen, Zerstörungen mit dem Bulldozer. All dies führt zu Tod, Furcht und Erniedrigungen, aber gleichzeitig auch zum palästinensischen Widerstand und zur Unsicherheit für Israel. Die Besetzung dauert seit dreiunddreißig Jahren an. Was es heute an palästinensischem Widerstand und israelischen Vergeltungsschlägen gibt, ist lediglich eine Wiederholung dessen, was schon früher da gewesen ist. Es braucht Verantwortliche, denen es gelingt, aus der Vergangenheit zu lernen und der Besetzung, jeglicher Art von Gewalt, dem Tod und dem Hass ein Ende zu bereiten. Dreiunddreißig Jahre lang haben die Besetzung der Palästinensergebiete, die militärische Übermacht und die Repressalien dem Staat Israel keine Sicherheit geben können. Nur eines kann diese Sicherheit schenken: die Freundschaft des palästinensischen Volkes. Solange man einen Feind zum Nachbarn hat, wird man sich immer vor ihm fürchten. Das palästinensische Volk kann ein Volk von Freunden werden, wenn ihm das zurückgegeben wird, was ihm weggenommen worden ist, nämlich seine Freiheit und sein Land. Dieses heute beanspruchte Land macht nicht mehr als 22 % von ganz Palästina aus. Das palästinensische Volk hat Konzessionen gemacht in Form der 78 % von Palästina, auf denen sich heute der Staat Israel befindet.

3.5 Es stellt sich die Frage, ob das palästinensische und das jüdische Volk dazu fähig sind, Tür an Tür in Frieden zu leben? Auch dazu liegt schon eine Erfahrung vor: Mitten in Israel gibt es eine Million Palästinenser, die als israelische Bürger fünfzig Jahre lang mit ihren jüdischen Mitbürgern in Frieden gelebt und zu ihnen Beziehungen der Freundschaft und Zusammenarbeit in allen Bereichen aufgebaut haben. Dasselbe kann sich mit den Palästinensern in ihrem zukünftigen Staat wiederholen, sobald sie ihre Freiheit, ihre Würde und ihre Rechte wiedererlangt haben.

4. Ist der Friede möglich?

Der Friede muss möglich sein. Wir sind nicht dazu verdammt, auf unbestimmte Zeit im Krieg zu leben. Die gegenwärtigen Gewaltmaßnahmen sind vielleicht das letzte Zucken vor dem Tod, d. h. vor dem Ende dieses schon mehr als ein Jahrhundert lang andauernden Konflikts zwischen dem palästinensischen und dem israelischen Volk. Der Friede ist an der Zeit. Die aktuelle Gewalt kann nur eine Übergangsphase bedeuten, die vielleicht einige Jahre andauert, die vielleicht letzte Phase vor der Ruhe des gerechten Friedens, der durch Dialog erreicht wird und zu einem Ziel führen wird, das für beide Seiten recht und billig ist.

Seit der Konferenz von Madrid hat man sich auf den Weg gemacht: In der Einstellung beider Parteien ist Friede möglich und muss erreicht werden. Die gegenwärtige Gewalt wird dieses Stück Wegs, das wir bereits zurückgelegt haben, nicht rückgängig machen. Der erste Versuch von Oslo war ein Misserfolg, aber kein voller. Durch ihn wurden zunächst Tatsachen zum Thema "Land", über die Palästinensische Autonomiebehörde und an die Palästinenser zurückgegebene Gebiete geschaffen. Es handelt sich bei letzteren zwar um isolierte Gebiete, die immer noch vollständig von Israel abhängen und sich immer noch unter israelischer Militärhoheit befinden, wie es auch der gegenwärtige Zustand ist. Aber die Osloer Konferenz hat auch einen neuen Geist hervorgebracht und Perspektiven eröffnet.

Trotz aller vorhandenen Gewalt sieht man auf beiden Seiten, dass das Tor zum Frieden offen steht. Dazu bleibt aber eine neue Erziehung zum Frieden unabdingbare Voraussetzung.

Eines Tages wird es auf dem Papier einen Friedensvertrag geben, der dann in die Herzen übertragen werden muss. Denn in der heutigen Erziehung zielt man auf beiden Seiten darauf ab, im Anderen den Feind zu sehen, ihn zu hassen und zu töten. Die neue Erziehung zum Frieden und zum gegenseitigen Einander-Annehmen muss die Palästinenser und Israelis bei der Erkenntnis unterstützen, dass der Andere nicht der zu hassende und zu tötende Feind ist, sondern der Bruder, mit dem zusammen die neue israelische und palästinensische Gesellschaft aufgebaut werden muss. Gegenwärtig gibt es zwei Friedensverträge auf dem Papier und zwischen den Regierungen, zwischen Ägypten und Israel sowie Jordanien und Israel. Aber beide Verträge haben nicht ihren Weg in die Herzen gefunden. Warum nicht? Weil die Unterdrückung des palästinensischen Volkes weiter anhält. Der Kern des Konflikts ist das aus seinem Land vertriebene und seiner Freiheit beraubte palästinensische Volk.

Es ist notwendig, einen neuen Dialog zu beginnen, um die aktuelle Gewalt zu beenden, aber es muss ein ehrlicher Dialog sein, in dem beide Seiten in dieselbe Richtung blicken, nämlich, der Besetzung ein Ende zu bereiten und den palästinensischen Staat zu gründen, mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem; all dies, um auch das andere Ziel, nämlich Sicherheit für Israel, zu erreichen.

Überdies benötigen wir für einen definitiven Frieden einen umfassenden Frieden an allen Fronten gleichzeitig: in Palästina, Syrien, im Libanon und im Irak, der ein notwendiger Partner für den Frieden im Nahen Osten ist und den man heute gerne einfach neutralisieren würde. Das bedeutet jedoch, das Problem zu vertagen und den Frieden unter Bedrohung aufrechtzuerhalten. Der zentrale Konfliktherd ist wirklich das Palästinenserproblem. Aber der definitive und umfassende Friede darf keinen Seitentrieb übergehen. Auf allen Gebieten müssen sich die Vorstellungen ändern: die Vorstellung vom terroristischen Araber, ebenso wie die vom israelischen Eindringling und Feind. Von beiden Seiten und überall, auf allen Gebieten und an allen Fronten, muss die Vorstellung von zwei Partnern entstehen, die gemeinsam am Frieden bauen. Dazu braucht es Offenheit und Mut, um die Freiheit und die besetzten Gebiete zurückzugeben. Ein solches gegenseitiges Vertrauen ist noch nicht vorhanden, aber es kann durch ehrliche und mutige Gesten vorbereitet werden. Es ist erforderlich hinzuzufügen, dass der Friede politische Verantwortliche braucht, die eine Vision und Mut besitzen, um in Richtung ihrer Vision vorwärts zu gehen, und die dazu bereit sind, ihre Positionen aufzugeben und vielleicht auch ihr Leben zu opfern.


[1] Dieser Vortrag wurde am 23.04.2001 vom lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Michel Sabbah, im Institut Catholique de Paris gehalten. Wir danken dem Lateinischen Patriarchat Jerusalem, Pax Christi France und dem Institut Catholique de Paris, die uns freundlicherweise die Genehmigung zur Übersetzung und Veröffentlichung erteilt haben. (Anm. d. Hg.)

 

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