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Zu Beginn möchte ich der
Sektion Pax Christi Frankreich unter dem Vorsitz von Bischof Derouet danken,
die diese Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Institut Catholique de Paris
organisiert hat, dessen Direktor, Herrn Valdrini, ich herzlich begrüße.
Vielen Dank.
Aus Jerusalem grüße ich Sie alle hier Anwesenden ganz herzlich. Mein Gruß
ist ein Friedenswunsch an Sie alle, die Sie am Frieden im Heiligen Land
Interesse haben, ein Wunsch, dass alle, Israelis, Palästinenser, die
arabische Welt und die internationale Gemeinschaft zusammen am Bau der neuen
Gesellschaft im Heiligen Land mitarbeiten, die eine palästinensische und
israelische sein wird.
Gerade in diesen Tagen erleben wir im Heiligen Land, in Palästina und
Israel, den Ausbruch von Gewalt: Am Ostertag, in der Nacht, und in den
darauffolgenden Nächten haben die christlichen Städte Beit-Jala, Betlehem
und Beit Sahur, sowie andere palästinensische Regionen, vor allem der
Gaza-Streifen, ein Bombardement erleben müssen.
Mit dieser Situation, die für die israelische Entscheidung, durch militärische
Gewalt den palästinensischen Widerstand zu verringern, und für die
Entschlossenheit der Palästinenser steht, zu bleiben und ebenfalls mit Gewalt
zu reagieren, befinden wir uns in einem Teufelskreis der Gewalt, den zu
durchbrechen jemand den Mut aufbringen muss.
1. Das Heilige Land
Das Heilige Land ist das historische Palästina. Es liegt zwischen dem
Jordan im Osten und dem Mittelmeer im Westen und wird im Norden von Syrien und
dem Libanon, und im Süden von Ägypten begrenzt. Es heißt heute Israel und
Palästina (oder besetzte Palästinensische Gebiete). Der Staat Israel umfasst
78 % des historischen Palästina; die übrigen 22 % wurden von
Israel im Jahre 1967 besetzt und haben jetzt den Status der besetzten Gebiete
bzw. der palästinensischen Autonomiegebiete. Diese 22 % des historischen
Palästina werden heute von den Palästinensern eingefordert, um dort ihren
eigenen Staat gründen zu können.
Kirchenrechtlich
gesehen umfasst das Heilige Land nach Auffassung aller in Jerusalem
vertretenen katholischen, orthodoxen und protestantischen Kirchen Palästina,
Israel und Jordanien. Doch der Konflikt bzw. die derzeitige Gewalt ist auf die
Länder Israel und Palästina begrenzt.
2. Die Christen im Heiligen Land
Der Besuch des Heiligen Vaters, Papst Johannes Paul II, im Jahre 2000 lenkte
die Aufmerksamkeit der Welt auf die kleine, aber lebendige Gemeinschaft der
arabischen, palästinensischen und jordanischen Christen im Heiligen Land.
Diese Gemeinschaft sorgt dort seit den Anfängen bis in unsere Tage hinein für
den Fortbestand der christlichen Präsenz in Form verschiedener Riten und
Sprachen, insbesondere durch die arabische Sprache, Kultur und Geschichte, zu
der diese Kirche bzw. diese Kirchen gehören. Wir sind nämlich mehrere
Kirchen, dreizehn insgesamt: katholische, orthodoxe und protestantische. Als
wir am 04. Dezember 1999 gemeinsam die Eröffnung des Jubiläumsjahres 2000
feierten, wurde das Evangelium von der Geburt des Herrn Jesus Christus in
allen Riten, dem griechischen, lateinischen, syrischen oder aramäischen,
armenischen, koptischen und äthiopischen und außerdem auf Arabisch und
Englisch verkündet. Die Christen in Palästina zeigen sich somit in einer
Vielfalt von Kirchen in Gemeinschaft mit dem Osten und dem Westen.
Abgesehen von den alten liturgischen Sprachen, die auch
Nationalsprachen waren, ist das Arabische mit Ausnahme der äthiopischen
Gemeinschaft die gemeinsame Sprache aller Christen. Es darf auch die hebräischsprachige
Gemeinschaft nicht vergessen werden, die ein integraler Bestandteil der Kirche
des Heiligen Landes ist. Sie ist noch klein, ihre Sprache ist Hebräisch, und
sie gehört durch ihre Kultur und Geschichte zur israelischen Gesellschaft.
2.1
Das Wort "arabisch" war und ist auch heute noch für viele
ein Synonym für "muslimisch", obwohl die Christen aller Riten schon
seit Jahrhunderten ein integraler Bestandteil dieser arabischen Welt sind – insbesondere
in den Ländern des Nahen Ostens.
In
Palästina und in Israel gibt es Bestrebungen, die Christen davon zu überzeugen,
dass sie als religiöse Gemeinschaft eine Minderheit darstellen und zu keinem
Volk gehören, was absurd ist. Ein Christ gehört nämlich überall, wo er
sich befindet, zu seinem Grund und Boden, zu seinem Volk und zu seinem Land.
Der französische Christ ist Franzose, der italienische Italiener usw. Ebenso
ist es mit dem palästinensischen Christen: Er ist Palästinenser.
2.2.
Dies bringt uns zu der Frage nach den Beziehungen zwischen Christen und
Muslimen. Auch hier läuft seit einigen Jahren eine Kampagne, mit der man eine
angebliche Verfolgung der Christen durch Muslime herauszustellen sucht. Dass
es aus dem einen oder anderen Grund Schwierigkeiten in den Beziehungen
zwischen Mehrheiten und Minderheiten in Gesellschaften geben mag, ist verständlich
und kommt allenthalben vor, so z. B. in der israelischen Gesellschaft in
den Beziehungen unter israelischen Bürgern selbst, den jüdischen und
arabischen. Trotz aller demokratischen Strukturen führt die Diskriminierung
aufgrund von Rasse und Religion zu Problemen in den Beziehungen, ohne jedoch
das Leben für die einen oder anderen unmöglich zu machen.
Die
Beziehungen zwischen Muslimen und arabischen Christen im Allgemeinen, und
zwischen Muslimen und palästinensischen Christen im Besonderen beruhen auf
zwei Überlegungen. Die erste ist historischer Art: Ob Christen oder Muslime – wir
sind ein Volk. Wir haben unsere
Wurzeln in demselben Land, nämlich Palästina. Wir gehören gemeinsam zu dem
Boden, zu dem Land, und wir gestalten heute gemeinsam unsere Geschichte, unabhängig
von den inneren oder äußeren Schwierigkeiten, mit denen wir in unserem täglichen
persönlichen, öffentlichen oder nationalen Leben konfrontiert sein mögen.
Die
zweite Überlegung ist theologischer Art: Wir Christen in Palästina und
anderswo in den Ländern des Nahen Ostens, sind dazu aufgerufen, in unseren
arabischen und muslimischen Gesellschaften zu leben. Ein Teil der arabischen
und muslimischen Gesellschaft zu sein, ist unsere Berufung. Das ist der Sinn
unseres christlichen Glaubens und unserer Gegenwart in unseren Ländern. Wenn
diese Berufung Schwierigkeiten mit sich bringt, heißt das nicht, dass wir sie
ablehnen werden. Im Übrigen gibt es Gott sei Dank auch noch etwas anderes als
Schwierigkeiten. Es gibt eine gemeinsame Reflexion von Christen und Muslimen,
die auf allen Ebenen stattfindet, um mehr Stabilität und Gleichgewicht in den
Beziehungen zu erreichen.
2.3
Unsere Berufung besteht somit darin, in einer arabischen und muslimischen
Gesellschaft zu leben. Und im Heiligen Land, dem Ort der Begegnung der drei
Religionen, ist unsere Berufung die unseres Landes, nämlich in unserem
arabischen und muslimischen palästinensischen Volk zu leben, zusammen mit dem
jüdischen Volk, mit dem wir heute das Drama des Konflikts und morgen, wie wir
hoffen, den Frieden der Aussöhnung in Gerechtigkeit erleben.
2.4
Eine Frage wird uns häufig gestellt: Habt ihr nicht Angst, dass der neue palästinensische
Staat ein muslimischer Staat sein könnte? Darauf antworten wir einfach so: Es
wäre nicht der erste muslimische Staat, der im Nahen Osten gegründet wird.
In der Region gibt es bereits mehrere muslimische Staaten, wie den Irak,
Syrien, Ägypten, Jordanien; den Libanon lasse ich wegen seines speziellen
Gepräges außer Acht. Ein neuer arabischer Staat, in dem Christen leben, wäre
somit keine neue Erfahrung, die uns Angst machen müsste. Außerdem werden
wir, wie schwierig die Zukunft sich auch immer gestalten mag, ganz einfach
versuchen, uns ihr zu stellen und nicht nachzulassen, die besten Wege der
Koexistenz in unserer Gesellschaft zu suchen, in die uns unser christlicher
Glaube entsendet.
In
allen obengenannten arabischen Ländern garantieren die Verfassungen die
Gleichheit der Bürger. Es muss freilich noch einiges getan werden, um zu
einem größeren Gleichgewicht zwischen den Mehrheiten und Minderheiten zu
gelangen, aber dies gilt in allen Ländern, ob aus religiösen oder anderen Gründen.
Die Frage der Minderheiten oder kleinen Gruppen ist keine typisch palästinensische
Frage.
Abgesehen
davon achten Präsident Arafat und die Palästinensische Autonomiebehörde
darauf, dass in der muslimisch-christlichen palästinensischen Gesellschaft
ein gewisses Gleichgewicht und eine gewisse Stabilität aufrechterhalten
werden. Sie sind damit mehr oder weniger erfolgreich in einer Gesellschaft,
die für alle Strömungen und alle Arten von Manipulation offen ist.
2.5
Eine hochrangige Kommission, die von der amerikanischen Administration
einberufen wurde, reiste unlängst durch den Nahen Osten, um unter besonderer
Berücksichtigung der Beziehungen zwischen Muslimen und Christen Erhebungen über
die Religionsfreiheit durchzuführen. Wir haben unser Zeugnis abgelegt. Aber
ebenso wichtig wie die Religionsfreiheit ist unsere Freiheit als menschliche
Wesen, d. h. unsere politische Freiheit, die durch die militärische
Besetzung der Palästinensergebiete begrenzt bzw. mit dieser verbunden ist.
2.6
Es gibt heute etwa 500.000 christliche Palästinenser, wobei diese Zahl sowohl
die vor Ort, also in Israel und Palästina Gebliebenen, als auch die durch
Emigration und die Kriege von 1948 und 1967 Verstreuten umfasst. Diese Zahl
entspricht 10 % aller weltweit lebenden Palästinenser. Lediglich 170.000
von ihnen leben heute in Israel (120.000) und Palästina (50.000); dies
entspricht 2 % der arabischen Bevölkerung.
Sind
wir eine Gemeinschaft, die im Verschwinden begriffen ist? Viele würden gerne
so denken – wegen der kontinuierlichen Emigration und auch wegen
des Konflikts, der offenbar nicht auf sein Ende zugeht. In Wirklichkeit
handelt es sich heute um eine sehr lebendige Gemeinschaft, die am gesamten
kirchlichen und gesellschaftlichen Leben teilnimmt. Es stimmt, dass sich
einige unserer Gläubigen vom täglichen Kampf zermürben lassen und schließlich
die Emigration wählen, um ein friedlicheres Leben führen zu können. Andere
dagegen bleiben. Im Heiligen Land wird es immer eine kleine christliche
Gemeinschaft geben, die von Jesus in seinem Land Zeugnis ablegt. Für uns ist
unser Dasein im Heiligen Land nicht nur durch historische und menschliche Umstände
bedingt, sondern stellt auch und vor allem die Fortführung des Mysteriums der
Ablehnung dar, die Jesus genau in diesem Land erfuhr; und, wie Jesus zu seinen
Aposteln gesagt hatte, sind und bleiben wir über die Jahrhunderte hinweg
Christi Zeugen in seinem Land: "(...) ihr
werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis
an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8).
2.7
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Heilige Land ist ein Land der ständigen
Begegnung mit Gott und mit allen Menschen, die es bewohnen. Für die Christen
ist es auch das Land des täglichen Lebens, das Land der Rechte und Pflichten,
und ein Land des Konflikts, um das immer noch gerungen wird. Unsere Geschichte
und unsere permanente Anwesenheit in diesem Land waren beständig – mitten
im Auf und Ab der Geschichte und der Aufeinanderfolge von Eroberern und Völkern – dank
unseres Glaubens, den wir stets aufrechterhielten und von Generation zu
Generation weitergaben.
3. Die Christen und der Friede
Unsere Rolle als Christen für den Frieden
Als christliche Palästinenser sind wir Teil des palästinensischen Volkes,
wir sind im Handeln dieses Volkes präsent, in seinen Anstrengungen im
politischen und religiösen Bereich und in seinem Kampf um Freiheit, der auch
ein Kampf um Frieden ist. Im politischen Handeln, unter den Toten, Verletzten,
in den zerstörten Häusern sind die Christen wie alle anderen Palästinenser
auch gegenwärtig.
3.1
Im religiösen Bereich gibt es den Dialog zwischen Christen und
Muslimen, der sich im Laufe der Zeit auf verschiedene Weise fortsetzt. Es gibt
auch einen Dialog zwischen Christen und Juden. In Israel gibt es mehrere
Vereinigungen oder Gruppen zur Förderung des Dialogs. Größtenteils sind die
christlichen Partner dabei Christen aus dem Westen. Es gibt aber auch
Begegnungen zwischen palästinensischen Christen einerseits und israelischen
Juden andererseits, mit dem Ziel des interreligiösen Dialogs, durch den das
erlebte Drama reflektiert werden soll.
3.2
Neben diesen Aspekten versucht die Kirche, ihre Stimme zu erheben.
Nicht immer wird sie verstanden. Sie wird leicht pro-palästinensisch und
anti-israelisch eingestuft. Faktisch bleibt sie die Kirche, die christlich und
palästinensisch ist, und der es um jeden Menschen geht, ob Palästinenser
oder Israeli. Ihr liegt der Friede zwischen dem israelischen und palästinensischen
Volk am Herzen. Im Übrigen sieht sie ganz klar, dass sich der Friede für das
eine Volk nicht vom Frieden für das andere unterscheiden kann.
Wir
verurteilen die Gewalt. Aber wir sagen auch: Die militärische Besetzung
selbst ist ein Akt der Gewalt. Ihre Durchführung, die Beschränkung der
Freiheiten und die dreiunddreißig Jahre lange Unterwerfung eines Volkes unter
ein Regime der militärischen Besetzung sind Akte der Gewalt. Dem muss sehr
wohl ein Ende gemacht werden. Der palästinensische Widerstand nimmt auch
gewalttätige Formen an, wie dies leider in jeder Art von Befreiungskrieg in
der Geschichte der Völker der Fall gewesen ist. Aber wir glauben auch, dass
der gewaltlose Widerstand ebenfalls wirkungsvoll sein kann.
Die
Kirche besteht im Namen aller auf der Würde des Menschen und auf der
Gleichheit aller Menschen, ob arabischer oder jüdischer, palästinensischer
oder israelischer Herkunft, und ob jüdischer, muslimischer oder christlicher
Religionszugehörigkeit. Alle sind gleich, weil alle von ein und demselben Schöpfer,
nach seinem Bilde und ihm ebenbildlich geschaffen wurden. Diese
Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist die grundlegende Basis der
menschlichen Würde in einem jeden, in den beiden Parteien, selbst im Konflikt
und in Situationen der Gewalt, oder in Beziehungen von Ungerechtigkeit und
Unterdrückung.
Inmitten
der Bombardierungen, des Steinewerfens, der zerstörten Häuser, des Hasses
spricht die Kirche von Vergebung und Versöhnung. Dies ist für alle eine
schwer zu verstehende Sprache. Sie spricht von Versöhnung und von Frieden auf
der Basis von Gerechtigkeit. Denn eines Tages wird die Versöhnung
stattfinden. Aber niemand scheint die Lektion der Geschichte lernen zu wollen,
jeder macht zu seinem eigenen Nachteil nochmals die Erfahrung, dass alle
Befreiungskriege, wenngleich die beiden Gegenspieler immer ein Starker und ein
Schwacher waren, stets mit dem Sieg des Schwachen durch die Erringung seiner
Freiheit geendet haben. Durch das Lernen aus der Geschichte hätte man sich so
viel Gewalt erspart und direkt auf einen aufrichtigen Dialog hingearbeitet,
der dem Ziel gedient hätte, dem palästinensischen Volk die Freiheit und
gleichzeitig dem israelischen Volk die Sicherheit wiederzugeben.
3.3
Die Medien versuchen, den aktuellen Konflikt als ein Problem der palästinensischen
Gewalt darzustellen: Wenn diese Gewalt aufhörte, käme alles wieder in
Ordnung. Die Gewalt ist jedoch nur ein Aspekt
des Problems. Das Grundproblem ist die militärische Besetzung der Palästinensergebiete
durch Israel im Jahre 1967. Ein anderes Grundproblem ist die Sicherheit für
den Staat Israel.
Es
gab eine Zeit, in der sich die arabische Welt weigerte, den neuen Staat Israel
anzuerkennen. Beginnend mit der Konferenz von Madrid und mit dem
Friedensprozess fand diese Anerkennung statt. Was heute noch verwirklicht
werden muss, ist die Anerkennung des Staates Palästina, der noch in den 1967
besetzten Gebieten errichtet werden muss.
Die
grundlegende Frage lautet daher: Sind Israel und die internationale
Gemeinschaft dazu bereit, diesen palästinensischen Staat anzuerkennen? In
seiner jüngsten Erklärung sagte Ariel Sharon, er sei dazu bereit, den Palästinensern
lediglich 42 % der 1967 besetzten Gebiete zurückzugeben; dies bedeutet,
dass wir uns in einer Sackgasse und im Teufelskreis der Gewalt befinden.
3.4
Das zweite Grundproblem ist die Sicherheit Israels. Israel hat bis heute eine
Militärmacht aufgebaut, durch die es all seine Kriege gewonnen hat und auch
alle weiteren gewinnen wird. Aber den Frieden hat Israel noch nicht gewonnen,
und Friede wird auch nicht die Frucht der militärischen Gewalt sein. Letztere
kann zwar vielleicht Friedensverträge auf Papier und zwischen Regierungen
bewirken, aber weder in den Herzen noch zwischen den Völkern. Die militärische
Gewalt wird, so groß sie auch sein mag, lediglich noch mehr Widerstand in den
Herzen erzeugen und dem Kreislauf der Gewalt und somit auch der Unsicherheit
weiter Nahrung geben.
Wie
soll man dann Sicherheit erreichen? Für Ariel Sharon durch die Politik der
"verbrannten Erde", durch Repressalien, Belagerung, Bombardements,
Entwurzeln von Bäumen, Zerstörungen mit dem Bulldozer. All dies führt zu
Tod, Furcht und Erniedrigungen, aber gleichzeitig auch zum palästinensischen
Widerstand und zur Unsicherheit für Israel. Die Besetzung dauert seit
dreiunddreißig Jahren an. Was es heute an palästinensischem Widerstand und
israelischen Vergeltungsschlägen gibt, ist lediglich eine Wiederholung
dessen, was schon früher da gewesen ist. Es braucht Verantwortliche, denen es
gelingt, aus der Vergangenheit zu lernen und der Besetzung, jeglicher Art von
Gewalt, dem Tod und dem Hass ein Ende zu bereiten. Dreiunddreißig Jahre lang
haben die Besetzung der Palästinensergebiete, die militärische Übermacht
und die Repressalien dem Staat Israel keine Sicherheit geben können. Nur
eines kann diese Sicherheit schenken: die Freundschaft des palästinensischen
Volkes. Solange man einen Feind zum Nachbarn hat, wird man sich immer vor ihm
fürchten. Das palästinensische Volk kann ein Volk von Freunden werden, wenn
ihm das zurückgegeben wird, was ihm weggenommen worden ist, nämlich seine
Freiheit und sein Land. Dieses heute beanspruchte Land macht nicht mehr als 22 %
von ganz Palästina aus. Das palästinensische Volk hat Konzessionen gemacht
in Form der 78 % von Palästina, auf denen sich heute der Staat Israel
befindet.
3.5
Es stellt sich die Frage, ob das palästinensische und das jüdische Volk dazu
fähig sind, Tür an Tür in Frieden zu leben? Auch dazu liegt schon eine
Erfahrung vor: Mitten in Israel gibt es eine Million Palästinenser, die als
israelische Bürger fünfzig Jahre lang mit ihren jüdischen Mitbürgern in
Frieden gelebt und zu ihnen Beziehungen der Freundschaft und Zusammenarbeit in
allen Bereichen aufgebaut haben. Dasselbe kann sich mit den Palästinensern in
ihrem zukünftigen Staat wiederholen, sobald sie ihre Freiheit, ihre Würde
und ihre Rechte wiedererlangt haben.
4.
Ist der Friede möglich?
Der Friede muss möglich sein. Wir sind nicht dazu verdammt, auf unbestimmte
Zeit im Krieg zu leben. Die gegenwärtigen Gewaltmaßnahmen sind vielleicht
das letzte Zucken vor dem Tod, d. h. vor dem Ende dieses schon mehr als
ein Jahrhundert lang andauernden Konflikts zwischen dem palästinensischen und
dem israelischen Volk. Der Friede ist an der Zeit. Die aktuelle Gewalt kann
nur eine Übergangsphase bedeuten, die vielleicht einige Jahre andauert, die
vielleicht letzte Phase vor der Ruhe des gerechten Friedens, der durch Dialog
erreicht wird und zu einem Ziel führen wird, das für beide Seiten recht und
billig ist.
Seit der Konferenz von Madrid hat man sich auf den Weg gemacht: In der
Einstellung beider Parteien ist Friede möglich und muss erreicht werden. Die
gegenwärtige Gewalt wird dieses Stück Wegs, das wir bereits zurückgelegt
haben, nicht rückgängig machen. Der erste Versuch von Oslo war ein
Misserfolg, aber kein voller. Durch ihn wurden zunächst Tatsachen zum Thema
"Land", über die Palästinensische Autonomiebehörde und an die Palästinenser
zurückgegebene Gebiete geschaffen. Es handelt sich bei letzteren zwar um
isolierte Gebiete, die immer noch vollständig von Israel abhängen und sich
immer noch unter israelischer Militärhoheit befinden, wie es auch der gegenwärtige
Zustand ist. Aber die Osloer Konferenz hat auch einen neuen Geist
hervorgebracht und Perspektiven eröffnet.
Trotz aller vorhandenen Gewalt sieht man auf beiden Seiten, dass das Tor zum
Frieden offen steht. Dazu bleibt aber eine neue Erziehung zum Frieden
unabdingbare Voraussetzung.
Eines Tages wird es auf dem Papier einen Friedensvertrag geben, der dann in
die Herzen übertragen werden muss. Denn in der heutigen Erziehung zielt man
auf beiden Seiten darauf ab, im Anderen den Feind zu sehen, ihn zu hassen und
zu töten. Die neue Erziehung zum Frieden und zum gegenseitigen
Einander-Annehmen muss die Palästinenser und Israelis bei der Erkenntnis
unterstützen, dass der Andere nicht der zu hassende und zu tötende Feind
ist, sondern der Bruder, mit dem zusammen die neue israelische und palästinensische
Gesellschaft aufgebaut werden muss. Gegenwärtig gibt es zwei Friedensverträge
auf dem Papier und zwischen den Regierungen, zwischen Ägypten und Israel
sowie Jordanien und Israel. Aber beide Verträge haben nicht ihren Weg in die
Herzen gefunden. Warum nicht? Weil die Unterdrückung des palästinensischen
Volkes weiter anhält. Der Kern des Konflikts ist das aus seinem Land
vertriebene und seiner Freiheit beraubte palästinensische Volk.
Es ist notwendig, einen neuen Dialog zu beginnen, um die aktuelle Gewalt zu
beenden, aber es muss ein ehrlicher Dialog sein, in dem beide Seiten in
dieselbe Richtung blicken, nämlich, der Besetzung ein Ende zu bereiten und
den palästinensischen Staat zu gründen, mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem;
all dies, um auch das andere Ziel, nämlich Sicherheit für Israel, zu
erreichen.
Überdies benötigen wir für einen definitiven Frieden einen umfassenden
Frieden an allen Fronten gleichzeitig: in Palästina, Syrien, im Libanon und
im Irak, der ein notwendiger Partner für den Frieden im Nahen Osten ist und
den man heute gerne einfach neutralisieren würde. Das bedeutet jedoch, das
Problem zu vertagen und den Frieden unter Bedrohung aufrechtzuerhalten. Der
zentrale Konfliktherd ist wirklich das Palästinenserproblem. Aber der
definitive und umfassende Friede darf keinen Seitentrieb übergehen. Auf allen
Gebieten müssen sich die Vorstellungen ändern: die Vorstellung vom
terroristischen Araber, ebenso wie die vom israelischen Eindringling und
Feind. Von beiden Seiten und überall, auf allen Gebieten und an allen
Fronten, muss die Vorstellung von zwei Partnern entstehen, die gemeinsam am
Frieden bauen. Dazu braucht es Offenheit und Mut, um die Freiheit und die
besetzten Gebiete zurückzugeben. Ein solches gegenseitiges Vertrauen ist noch
nicht vorhanden, aber es kann durch ehrliche und mutige Gesten vorbereitet
werden. Es ist erforderlich hinzuzufügen, dass der Friede politische
Verantwortliche braucht, die eine Vision und Mut besitzen, um in Richtung
ihrer Vision vorwärts zu gehen, und die dazu bereit sind, ihre Positionen
aufzugeben und vielleicht auch ihr Leben zu opfern.
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