Brüder und Schwestern!
1. Der Friede Christi sei mit euch. Beginnen wir unser Fasten am Aschermittwoch
in Erinnerung an die Passion unseres Herrn Jesus Christus, an seinen Tod
und seine glorreiche Auferstehung. Er ist unser Vorbild: So wie er vierzig
Tage hindurch in der Wüste von Jericho gefastet und gebetet hat, so
fasten auch wir die vierzig Tage, die dem Osterfest vorausgehen.
Jesus begann seine Predigt indem er sagte: „Kehrt um, tut Buße,
denn das Reich Gottes ist Nahe.“ (vgl. Mk 1,15). Das Reich Gottes ist die
Gegenwart Gottes in uns, denn er hat uns nach seinem Bild und Gleichnis
geschaffen. Das Reich Gottes ist Gott, der uns begleitet in den gegenwärtigen
Herausforderungen durch die er heute unsere Geschichte konstruiert.
2. In diesen Tagen habe ich einige Pfarreien in Palästina besucht
und den Gläubigen zugehört. Ich habe auch die zivile Autoritäten
gehört. Ihre Worte sind jene aller Pfarreien, und Ihre Sorgen sind
jene von euch allen. Die erste Sorge, die alle anderen mit einschließt,
betrifft die schwierige politische Situation dieser Tage: Die blockierten
Straßen, die Besatzung der Städte und Dörfer, die Arbeitslosigkeit,
das fortwährende israelische Bombardement, die Zerstörung der
Häuser, und zudem die verschiedenen internen Schwierigkeiten der palästinensischen
Gesellschaft und der Gedanke an die Emigration. Trotz der Herausforderungen,
der Sorgen, und des Gedankens der Emigration, habe ich den starken Willen
gesehen, zu widerstehen und sich zu gedulden, solange, bis uns unsere Freiheit
wieder zurückgegeben ist und bis sich das Bild Gottes in uns und auch
in jenen, die uns unterdrücken, realisiert.
3. Was die Emigration angeht, fügen wir unsere Stimme all jenen
hinzu, die geduldig sind, und wir sagen euch: Brüder und Schwester,
verlasst nicht euer Land. Geduldet euch. Hier ist es, wo Gott euch gläubig
sehen möchte und als Zeugen Jesu Christi, in seinem Land. Bleibt an
den Heiligen Orte und um sie. Ihr seid, in diesem Land, Teil des göttlichen
Geheimnisses. Versucht darüber nachzudenken und kommt dahin, Gott
und den Nächsten zu sehen und versteht den Sinn unserer Präsenz
gerade hier. Ihr seid zu einem schwierigen Leben gerufen: Habt den Mut
dieses schwierige Leben zu akzeptieren, zu dem Gott uns ruft. Einige sagen:
„Die Zukunft ist nicht klar.“ Die Zukunft hängt davon ab, was ihr
heute tut, oder von dem ihr Angst habt es zu tun. Und warum sollte man
es anderen überlassen, eure Zukunft zu bestimmen? Das ist eine Zeit,
in der der Gläubige, in der Freiheit der Kinder Gottes sagt, was er
sagen muss und konkret beiträgt an der Gestaltung seiner Zukunft,
auf der soliden Basis von Frieden, Gerechtigkeit und Liebe.
4. Zudem wisst ihr, dass die Hilfe von uns selbst kommt und von unserer
gegenseitigen Liebe. Der, der Not leidet, suche den auf, der in noch größerer
Not steckt und gebe ihm die notwendige Hilfe mit dem Wenigen oder Vielen,
das er hat. Allen die Hunger haben sagen wir: Wir wollen mit euch euren
Hunger teilen und mit euch unser Brot teilen. Wir laden die Gläubigen
all unseren Pfarreien, die Ordensmänner und Ordensfrauen ein, ihr
Brot mit jenen zu teilen, die es notwendig brauchen, sei es, indem die
Hungrigen an den Tisch geladen werden, oder indem der Caritas oder anderen
wohltätigen Einrichtungen eine Geldsumme gegeben wird, die der finanziellen
Aufwendung für das eigene tägliche Essen entspricht. Wir erleben
einen Krieg, der uns auferlegt wurde. Wir müssen unseren Lebensstil
den Gegebenheiten anpassen und uns gewöhnen sowohl an die Entbehrungen
als auch an die Großzügigkeit allen Brüdern in Not gegenüber.
5. Im Hinblick auf die Häuser, die weiterhin Ziele des israelischen
Bombardements sind, sagen wir den Israelis: Zerstört unsere Kirchen,
aber verschont die Häuser unserer Gläubigen. Wenn ihr um jeden
Preis eine Kollektivstrafe verhängen müsst, und wenn dafür
Lösegeld bezahlt werden muss, die Ruhe der unschuldigen Kinder und
der Familien wieder zurückzubekommen, dann opfern wir unsere Kirchen:
Zerstört sie; wir finden andere Orte um zu beten und wir hören
nicht auf für uns und euch zu beten. Und den militanten Palästinensern,
die meinen, dass es notwendig sei, auf Israelis inmitten bewohnter
Häuser zu schießen – doch um die Ordnung klar zu nennen: verwandelt
nicht die ruhigen Häuser in einen Kriegsschauplatz – auch ihnen sage
ich: Gehorcht den Bestimmungen, bewahrt den Zusammenhalt der israelischen
Gesellschaft und verschont die Häuser der Unschuldigen. Wir willigen
ein unsere Kirchen als Lösegeld für alle Häuser zu geben,
die zerstört werden sollen. Aber wir können nicht einwilligen,
dass die Häuser unserer Kinder zerstört werden und dass sie gezwungen
werden ihr Land zu verlassen.
6. Wir beten in diesen Tagen und gehen auf dem Weg der Buße, um
Gott zu begegnen. So sagen wir jedem Palästinenser und jedem Israeli
der den Frieden liebt und die Sicherheit erbittet: Versucht mit uns Gott
zu sehen. Den Israelis sagen wir: In der Vision Gottes, versucht zu sehen,
dass der Palästinenser, Christ oder Muslime, nicht das Bild ist, das
ihr zu sehen entschieden habt. Er ist weder ein Terrorist noch ein Mensch,
der hassen und töten will. Versucht zu sehen, dass eure Belagerung
seines Landes seit 1967, die Entziehung seiner Freiheit und, heute, die
Besatzung der Städte und Dörfer mit all den Leiden die
daraus folgen; versucht zu sehen, dass all dies zu dem führt, was
ihr Terrorismus nennt, während es sich im Gegenteil ganz einfach handelt
um den Schrei des Armen und Unterdrückten, der nach seiner Freiheit
und Würde verlangt. Es gab eine Zeit, in der ihr selbst nach der Freiheit
verlangt habt und den gleichen Schrei der Unterdrückung getan habt.
Erinnert euch daran und seid heute gerecht. All jenes, was ihr Sicherheitsmaßnahmen
nennt ist ganz einfach eine Einladung zu noch mehr Gewalt. Gebt das Land
an seine Besitzer zurück, gebt ihnen ihre Freiheit wieder; hört
die Stimme des Unterdrückten und Armen, denn er schreit auf zu Gott
und eines Tages wird Gott ihn hören und erhören.
7. Und allen unseren Kindern die leiden sagen wir, habt Geduld. Wir
erinnern euch an das schwierige Gebot der Feindesliebe: „Liebt eure Feinde
und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures
Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über
Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“
(Mt 5,44f) Die Liebe ist keine Schwäche und auch keine Flucht. Sie
ist die Vorstellung des Antlitzes Gottes in einem jeden Menschen, dem Palästinenser
und dem Israeli. Der Israeli, der unsere Freiheit beeinträchtigt bleibt
Träger des Antlitzes Gottes. Mit dieser Perspektive reinige ich mein
Herz von jeglicher Rache und bitte ihn mit der Kraft des Geistes und der
Wahrheit, ein Ende zu setzen der Unterdrückung, ein Ende zu
setzen der Besatzung des Landes und der Entbehrung der Freiheit.
Wir verlangen nach Gerechtigkeit und Frieden, denn Gott ist Gerechtigkeit
und Frieden. Dafür beten und fasten wir in diesen Tagen, um uns von
unseren Sünden zu reinigen und Mitarbeiter Gottes bei der Gestaltung
unserer neuen Geschichte zu werden. Hier, in unserem Land, hat Gott sich
offenbart und seine Liebe zu allen Menschen manifestiert. So bitten wir
Gott uns in die Tiefe seines Geheimnisses einzuführen, um es zu sehen
und zu lieben: So werden wir fähig sein, alle zusammen, ihn zu sehen
in all seinen Geschöpfen und ihn zu lieben in all seinen Kindern,
in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Ich bitte Gott, euch die Kraft der Geistes und der Liebe zu geben, so
dass wir alle gemeinsam bereit sind, seine glorreiche Auferstehung zu erwarten.
Amen.
+ Michel Sabbah, Patriarca
Jerusalem, 1. März 2001
|