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Bei der letzten Pax Christi Delegiertenkonferenz auf Burg Rotenfels
hat Pax Christi eine Erklärung zur Situation im Nahen Osten verabschiedet.
Davor gab es eine heiße Debatte um die Frage: Schicken Palästinenser
im Kampf ihre Kinder vor? Herr Patriarch, wie sehen Sie das?
Zunächst einmal möchte ich sagen, dass das die falsche Frage
ist. Die richtige müsste lauten: Weshalb werfen diese palästinensischen
Jugendlichen und Kinder mit Steinen? Ich frage mich, weshalb wurde diese
Frage nicht gestellt? Es gibt weitere Fragen unsererseits: Weshalb kritisiert
man nicht eine Armee eines demokratischen Staates? Wie kommt es, dass eine
gut ausgebildete Armee Angst vor den Steinen unserer Kinder hat? Die israelischen
Soldaten haben die Anweisung gezielt zu schießen, zu töten.
Niemand gibt unseren Kindern den Befehl nach vorne zu gehen und Steine
zu werfen. Sie wachsen jedoch schon seit langem unter schlimmen Bedingungen
auf und sie sehen auch wie ihre Eltern täglich in ihrer Menschenwürde
verletzt werden, so dass sie nur schwer ruhig bleiben können. Steine
werfen ist ihre Art ihren Ärger und ihre Frustration auszudrücken.
Was soll mit diesen Aktionen erreicht werden?
Die Palästinenser fordern ihre Freiheit. Sie leben seit 33 Jahren
unter israelischer Militärbesatzung, und sie sagen nun: gebt uns unsere
Freiheit zurück. Ohne Freiheit wird kein Friede in dieses Heilige
Land und in die Region einkehren.
In Ihrer Weihnachtsbotschaft haben Sie darauf hingewiesen, dass die
Palästinserinnen und Palästinenser in einer Zeit leben, in der
Friede nicht anwesend ist. Ist das Krieg?
Aufgrund von Angst wird dem palästinensischen Volk seine Freiheit
verweigert. Und aufgrund dieser Angst treten Tod und Zerstörung an
Stelle von Rechtschaffenheit, und Hass und Groll an Stelle von Liebe und
Frieden. Wir haben in den vergangenen Monaten Tod und Zerstörung erfahren.
Unsere Häuser und Kirchen wurden bombardiert. Unsere Städte und
Dörfer stehen unter Belagerung und die Menschen leiden. Die Bewohner
können ihre Orte nicht verlassen, Besucher können sie nicht betreten.
Das Blutvergießen ist eine Stufe des Krieges. Deshalb muss es ein
Ende finden.
Wie geht es palästinensischen Christen und Christinnen in einer
solchen Sitation?
Das Geheimnis Gottes macht uns deutlich, dass wir, die Christen dieses
Landstrichs, Jesus in seinem Land bezeugen. Dies ist ein fundamentaler
Gesichtspunkt unserer Identität. Gott will, dass wir hier Christen
sind, nicht anderswo auf der Erde. Egal ob wir nun im Krieg leben oder
in der Intifada, ob unsere Häuser zerstört, unsere Brüder
verletzt oder getötet
werden, Gott will, dass wir hier Christen sind. Das ist unser Land,
das wir beanspruchen und unsere Freiheit inmitten der zerstörten Häuser
und belagerten Städte und Dörfer. Dieses Geheimnis verdeutlicht
uns auch, dass wir in einer arabisch christlichen und muslimischen Gesellschaft
Christen sind und außerdem in einer palästinensischen Gesellschaft,
die ihre
Freiheit einfordert. Wir sind ein integraler Bestandteil dieser Gesellschaft.
Wir sind in ihrem Herzen, wir sind weder Außenseiter noch einfach
Beobachter. Zusammengefasst lässt sich sagen, sei es nun inmitten
von Krieg, Zerstörung und dem Anspruch auf Freiheit, hier in dieser
Gesellschaft möchte Gott, dass wir Christen sind.
Sie gehen von einem einvernehmlichen Miteinander in der palästinensischen
Gesellschaft aus. Gewinnen derzeit nicht gerade islamische Extremisten
die Oberhand?
Wenn man über religiösen Extremismus spricht, sollte man die
ganze Wirklichkeit betrachten. Extremismus und Gewalt werden in Situationen
von Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Verletzung der Menschenwürde
und Armut geboren. Das religiöse Vakuum, das sich in der modernen
westlichen Welt ausbreitet, lädt ebenfalls dazu ein, dass religiöser
Extremismus gedeiht. Um Gefahren zu vermeiden, die aus dem Extremismus
herrühren, sollten die Führer für mehr Gerechtigkeit und
Gleichheit unter den Völkern arbeiten und mehr für Gegenwart
Gottes in der Gesellschaft. Was Palästina und Israel angeht, sollten
die Führer mehr für die von den Palästinensern geforderte
Gerechtigkeit arbeiten, was im Gegenzug die beste Sicherheit sein würde,
wie sie von Israel und allen Bewohnern der Region verlangt wird.
Bemühen Sie sich auch um einen Dialog mit den Juden?
In Israel existieren zahlreiche interreligiöse christlich-jüdische
Zusammenschlüsse. Ihr Dialog ist eine Fortsetzung oder Teil des Christlich-Jüdischen
Dialogs, der im Westen nach dem II Vatikanum begann. Er bleibt international,
und bezieht die tägliche Wirklichkeit Israels, wo Christen im selben
Land leben und die Wirklichkeit von Palästina und Israel nicht ein.
In Palästina und Israel sollte ein jüdisch christlicher Dialog
sich mit den täglichen Beziehungen zwischen christlichen Palästinensern
und israelischen Juden beschäftigen, insbesondere mit Gerechtigkeit,
Frieden und Gleichheit. Diese Art von Dialog gibt es und hat derzeit in
den Palästinensergebieten eine sehr diskrete und bescheidene Existenz
aus dem
einfachen Grund: der schwelende Konflikt.
Der Konflikt erschwert das Alltagsleben in Palästina. An vielen
Tagen sind die Grenzen der Westbank und des Gazastreifens blockiert. Wie
sieht die wirtschaftliche Situation aus?
Die Abriegelung der palästinensischen Gebiete hat zu einer sehr
schlechten wirtschaftlichen Lage geführt. Dazu kommt noch die Schwierigkeit
sich zwischen palästinensischen Städten zu bewegen. Viele unserer
jungen Männer arbeiten im Pilger- und Tourismusbereich. Das Fehlen
der Pilger wirkt sich aus. Tausende von Familien haben nicht genügend
Ressourcen, um ein Leben in Würde führen zu können. Wir
appellieren deshalb an alle, sich für die Hinterbliebenen und Familien
in Not, die Verletzten, die Obdachlosen, die Katholischen Schulen des Lateinischen
Patriarchats und für die Universität Betlehem einzusetzen, die
kämpfen, um weitermachen zu können.
Israelische Soldaten haben am 9. Januar auf ein Auto eines katholischen
Bischofs in der Nähe von Nazareth geschossen. Es war Gott sei Dank
niemand verletzt worden. Wer kann Palästinenser schützen?
Die internationale Gemeinschaft muss sich für einen gerechten Frieden
einsetzen nach internationalem Recht. Sie muss Einfluss nehmen auf die
politischen Führer in der Region, damit der Tod Unschuldiger und die
Zerstörung von Häusern und Bäumen beendet wird. Solange
wir Palästinenser uns nicht selbst schützen können, brauchen
wir internationalen Schutz.
Können Sie sich einen Weg zum Frieden in der derzeitigen Situation
vorstellen?
Der einzige Weg, der in ruhigere Zeiten zurückführt, ist zu
den Friedensgesprächen zurückzukehren, und zu schauen, wie man
zurückkommt auf die Lage, die vor 1967 herrschte. Durch die Stationierung
von Soldaten, Militärfahrzeugen und Raketen wird keine Ruhe einkehren,
nur durch Gerechtigkeit. Der Weg in Richtung Gerechtigkeit war in den Friedensverhandlungen
offen und man war dabei sein Ziel zu erreichen: er sollte wieder aufgenommen
werden. Genug Blutvergießen. Das Volk sollte sein Lebensrecht bekommen
und das Recht auf Selbstbestimmung. Der Palästinensische Staat muss
geboren werden und die Stabilität haben, die es ihm erlaubt seine
eigenen Angelegenheiten, interne und externe, zu regeln. Das palästinensische
Jerusalem sollte die Hauptstadt Palästinas sein und Westjerusalem
die Hauptstadt Israels. Und darüber hinaus sollte es die heilige Stadt
bleiben. Ihre Heiligkeit sollte durch ihre eigenen
Regierenden und durch die Anforderungen, die ihre Heiligkeit an die
gesamte internationale Gemeinschaft stellt geschützt und respektiert
werden.
Nur noch wenige Pilgergruppen, reisen ins heilige Land. Jene, die
reisten, standen oft vor abgeriegelten Grenzen. Ermutigen Sie Pilgergruppen
nach Jerusalem, Betlehem oder Nazaret zu fahren?
Ich habe verschiedenen katholischen, orthodoxen und protestantischen
Kirchen auf der Welt, die ihre Solidarität mit uns bekundet haben,
zu danken. Ich spreche von den Kirchen in den USA, Canada, Europa, Australien,
Neu Seeland, Asien und Afrika. Ich heiße Pilger in meinen Gottesdiensten
willkommen. Ich begrüße ihren Mut bei uns zu sein, und dass
sie an unserem schwierigen Leben und unserem Gebet teilhaben.
Haben Sie irgendwelche Erwartungen an die Deutsche Pax Christi Bewegung?
Zunächst würde ich mir ihr Mitgefühl wünschen. Die
scherzlichen und blutigen Ereignisse, die wir heute erleben und die auf
die Provokation von religiösen Gefühlen auf dem Haram-As-Sharif
folgten, zeigen eines: Die Palästinenser beanspruchen Leben und Freiheit.
Und früher oder später werden wir Leben und Freiheit haben. Wir
hoffen, dass dies eher früher ist als später. Es ist nicht vergebens,
dass die Lage plötzlich so explodiert ist. Jene jungen und alten,
die ihr Leben geben, tun es nicht, um jemanden anzugreifen. Sie verteidigen
nur ihre heiligen Stätten, ihre Freiheit und ihr Leben. Das Blut schreit
zu Gott um Gerechtigkeit und Menschenwürde.
Vielen Dank, Herr Patriarch
Die Fragen stellte Wiltrud Rösch-Metzler
Pax Christi - Germany
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