THE VOICE OF THE LATIN PATRIARCH OF JERUSALEM
FIRST HAND DOCUMENTS FROM HIS BEATITUDE PATRIARCH MICHEL SABBAH
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 INTERVIEW WITH THE PATRIARCH SABBAH
Die Fragen stellte Wiltrud Rösch-Metzler 
7 January 2001
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Bei der letzten Pax Christi Delegiertenkonferenz auf Burg Rotenfels hat Pax Christi eine Erklärung zur Situation im Nahen Osten verabschiedet. Davor gab es eine heiße Debatte um die Frage: Schicken Palästinenser im Kampf ihre Kinder vor? Herr Patriarch, wie sehen Sie das?

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass das die falsche Frage ist. Die richtige müsste lauten: Weshalb werfen diese palästinensischen Jugendlichen und Kinder mit Steinen? Ich frage mich, weshalb wurde diese Frage nicht gestellt? Es gibt weitere Fragen unsererseits: Weshalb kritisiert man nicht eine Armee eines demokratischen Staates? Wie kommt es, dass eine gut ausgebildete Armee Angst vor den Steinen unserer Kinder hat? Die israelischen Soldaten haben die Anweisung gezielt zu schießen, zu töten. Niemand gibt unseren Kindern den Befehl nach vorne zu gehen und Steine zu werfen. Sie wachsen jedoch schon seit langem unter schlimmen Bedingungen auf und sie sehen auch wie ihre Eltern täglich in ihrer Menschenwürde verletzt werden, so dass sie nur schwer ruhig bleiben können. Steine werfen ist ihre Art ihren Ärger und ihre Frustration auszudrücken.

Was soll mit diesen Aktionen erreicht werden?

Die Palästinenser fordern ihre Freiheit. Sie leben seit 33 Jahren unter israelischer Militärbesatzung, und sie sagen nun: gebt uns unsere Freiheit zurück. Ohne Freiheit wird kein Friede in dieses Heilige Land und in die Region einkehren.

In Ihrer Weihnachtsbotschaft haben Sie darauf hingewiesen, dass die Palästinserinnen und Palästinenser in einer Zeit leben, in der Friede nicht anwesend ist. Ist das Krieg?

Aufgrund von Angst wird dem palästinensischen Volk seine Freiheit verweigert. Und aufgrund dieser Angst treten Tod und Zerstörung an Stelle von Rechtschaffenheit, und Hass und Groll an Stelle von Liebe und Frieden. Wir haben in den vergangenen Monaten Tod und Zerstörung erfahren. Unsere Häuser und Kirchen wurden bombardiert. Unsere Städte und Dörfer stehen unter Belagerung und die Menschen leiden. Die Bewohner können ihre Orte nicht verlassen, Besucher können sie nicht betreten. Das Blutvergießen ist eine Stufe des Krieges. Deshalb muss es ein Ende finden.

Wie geht es palästinensischen Christen und Christinnen in einer solchen Sitation?

Das Geheimnis Gottes macht uns deutlich, dass wir, die Christen dieses Landstrichs, Jesus in seinem Land bezeugen. Dies ist ein fundamentaler Gesichtspunkt unserer Identität. Gott will, dass wir hier Christen sind, nicht anderswo auf der Erde. Egal ob wir nun im Krieg leben oder in der Intifada, ob unsere Häuser zerstört, unsere Brüder verletzt oder getötet
werden, Gott will, dass wir hier Christen sind. Das ist unser Land, das wir beanspruchen und unsere Freiheit inmitten der zerstörten Häuser und belagerten Städte und Dörfer. Dieses Geheimnis verdeutlicht uns auch, dass wir in einer arabisch christlichen und muslimischen Gesellschaft Christen sind und außerdem in einer palästinensischen Gesellschaft, die ihre
Freiheit einfordert. Wir sind ein integraler Bestandteil dieser Gesellschaft. Wir sind in ihrem Herzen, wir sind weder Außenseiter noch einfach Beobachter. Zusammengefasst lässt sich sagen, sei es nun inmitten von Krieg, Zerstörung und dem Anspruch auf Freiheit, hier in dieser Gesellschaft möchte Gott, dass wir Christen sind.

Sie gehen von einem einvernehmlichen Miteinander in der palästinensischen Gesellschaft aus. Gewinnen derzeit nicht gerade islamische Extremisten die Oberhand?

Wenn man über religiösen Extremismus spricht, sollte man die ganze Wirklichkeit betrachten. Extremismus und Gewalt werden in Situationen von Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Verletzung der Menschenwürde und Armut geboren. Das religiöse Vakuum, das sich in der modernen westlichen Welt ausbreitet, lädt ebenfalls dazu ein, dass religiöser Extremismus gedeiht. Um Gefahren zu vermeiden, die aus dem Extremismus herrühren, sollten die Führer für mehr Gerechtigkeit und Gleichheit unter den Völkern arbeiten und mehr für Gegenwart Gottes in der Gesellschaft. Was Palästina und Israel angeht, sollten die Führer mehr für die von den Palästinensern geforderte Gerechtigkeit arbeiten, was im Gegenzug die beste Sicherheit sein würde, wie sie von Israel und allen Bewohnern der Region verlangt wird.

Bemühen Sie sich auch um einen Dialog mit den Juden?

In Israel existieren zahlreiche interreligiöse christlich-jüdische Zusammenschlüsse. Ihr Dialog ist eine Fortsetzung oder Teil des Christlich-Jüdischen Dialogs, der im Westen nach dem II Vatikanum begann. Er bleibt international, und bezieht die tägliche Wirklichkeit Israels, wo Christen im selben Land leben und die Wirklichkeit von Palästina und Israel nicht ein. In Palästina und Israel sollte ein jüdisch christlicher Dialog sich mit den täglichen Beziehungen zwischen christlichen Palästinensern und israelischen Juden beschäftigen, insbesondere mit Gerechtigkeit, Frieden und Gleichheit. Diese Art von Dialog gibt es und hat derzeit in den Palästinensergebieten eine sehr diskrete und bescheidene Existenz aus dem
einfachen Grund: der schwelende Konflikt. 

Der Konflikt erschwert das Alltagsleben in Palästina. An vielen Tagen sind die Grenzen der Westbank und des Gazastreifens blockiert. Wie sieht die wirtschaftliche Situation aus? 

Die Abriegelung der palästinensischen Gebiete hat zu einer sehr schlechten wirtschaftlichen Lage geführt. Dazu kommt noch die Schwierigkeit sich zwischen palästinensischen Städten zu bewegen. Viele unserer jungen Männer arbeiten im Pilger- und Tourismusbereich. Das Fehlen der Pilger wirkt sich aus. Tausende von Familien haben nicht genügend Ressourcen, um ein Leben in Würde führen zu können. Wir appellieren deshalb an alle, sich für die Hinterbliebenen und Familien in Not, die Verletzten, die Obdachlosen, die Katholischen Schulen des Lateinischen Patriarchats und für die Universität Betlehem einzusetzen, die kämpfen, um weitermachen zu können. 

Israelische Soldaten haben am 9. Januar auf ein Auto eines katholischen Bischofs in der Nähe von Nazareth geschossen. Es war Gott sei Dank niemand verletzt worden. Wer kann Palästinenser schützen?

Die internationale Gemeinschaft muss sich für einen gerechten Frieden einsetzen nach internationalem Recht. Sie muss Einfluss nehmen auf die politischen Führer in der Region, damit der Tod Unschuldiger und die Zerstörung von Häusern und Bäumen beendet wird. Solange wir Palästinenser uns nicht selbst schützen können, brauchen wir internationalen Schutz.

Können Sie sich einen Weg zum Frieden in der derzeitigen Situation vorstellen?

Der einzige Weg, der in ruhigere Zeiten zurückführt, ist zu den Friedensgesprächen zurückzukehren, und zu schauen, wie man zurückkommt auf die Lage, die vor 1967 herrschte. Durch die Stationierung von Soldaten, Militärfahrzeugen und Raketen wird keine Ruhe einkehren, nur durch Gerechtigkeit. Der Weg in Richtung Gerechtigkeit war in den Friedensverhandlungen offen und man war dabei sein Ziel zu erreichen: er sollte wieder aufgenommen werden. Genug Blutvergießen. Das Volk sollte sein Lebensrecht bekommen und das Recht auf Selbstbestimmung. Der Palästinensische Staat muss geboren werden und die Stabilität haben, die es ihm erlaubt seine eigenen Angelegenheiten, interne und externe, zu regeln. Das palästinensische Jerusalem sollte die Hauptstadt Palästinas sein und Westjerusalem die Hauptstadt Israels. Und darüber hinaus sollte es die heilige Stadt bleiben. Ihre Heiligkeit sollte durch ihre eigenen
Regierenden und durch die Anforderungen, die ihre Heiligkeit an die gesamte internationale Gemeinschaft stellt geschützt und respektiert werden.

Nur noch wenige Pilgergruppen, reisen ins heilige Land. Jene, die reisten, standen oft vor abgeriegelten Grenzen. Ermutigen Sie Pilgergruppen nach Jerusalem, Betlehem oder Nazaret zu fahren?

Ich habe verschiedenen katholischen, orthodoxen und protestantischen Kirchen auf der Welt, die ihre Solidarität mit uns bekundet haben, zu danken. Ich spreche von den Kirchen in den USA, Canada, Europa, Australien, Neu Seeland, Asien und Afrika. Ich heiße Pilger in meinen Gottesdiensten willkommen. Ich begrüße ihren Mut bei uns zu sein, und dass sie an unserem schwierigen Leben und unserem Gebet teilhaben.

Haben Sie irgendwelche Erwartungen an die Deutsche Pax Christi Bewegung?

Zunächst würde ich mir ihr Mitgefühl wünschen. Die scherzlichen und blutigen Ereignisse, die wir heute erleben und die auf die Provokation von religiösen Gefühlen auf dem Haram-As-Sharif folgten, zeigen eines: Die Palästinenser beanspruchen Leben und Freiheit. Und früher oder später werden wir Leben und Freiheit haben. Wir hoffen, dass dies eher früher ist als später. Es ist nicht vergebens, dass die Lage plötzlich so explodiert ist. Jene jungen und alten, die ihr Leben geben, tun es nicht, um jemanden anzugreifen. Sie verteidigen nur ihre heiligen Stätten, ihre Freiheit und ihr Leben. Das Blut schreit zu Gott um Gerechtigkeit und Menschenwürde.

Vielen Dank, Herr Patriarch
Die Fragen stellte Wiltrud Rösch-Metzler 
Pax Christi - Germany
 

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