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1.
Jedes Jahr vesammeln wir uns am Pfingstfest an diesem heiligen Ort, um uns das
erste Pfingstfest ins Gedächtnis zu rufen. Jedes Jahr kommen wir an diesem
Tag hierher, um unser Beten mit dem der benediktinischen Gemeinschaft in
diesem Kloser zu vereinen und uns an den ersten Augenblick der Geburt der
Kirche, unserer Kirche von Jerusalem und aller Kirchen der Welt, zu erinnern.
Während
der Fastenzeit und der Heiligen Woche haben wir die schwierigen Augenblicke
dieser Geburt erfahren: Das Leiden und den Tod am Kreuze. Während der
Osterzeit durften wir die Freude über die Auferstehung, den Triumph über Sünde
und Tod erfahren. Heute erfüllt sich sich das Versprechen Jesu an seine
Apostel: „Ich werde euch einen anderen Beistand
geben, damit er immer bei euch sei, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht
geben kann... den Heiligen Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird;
er wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich gesagt habe“.
2.
Wir hörten in der ersten Lesung den Bericht dieser Erfüllung: „ Sie
befanden sich alle an ein und demselben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her
ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze
Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich
verteilten; auf
jeden von ihnen
ließ sich eine nieder“. So
beschreibt die Apostelgeschichte das Ereignis. Und anschließend die
Wirkungen: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in
fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“. Zahlreiche
Pilger, die aus verschiedenen Ländern gekommen waren, hörten sie und waren
erstaunt, daß jeder sie in seiner Sprache reden hörte: „ Wir hören sie
in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“.
3.
Wie am Pfingstfest, so wendet sich auch heute der Heilige Geist in Jerusalem
an zahlreiche und verschiedene Menschen: zahlreich und verschieden in unseren
Kirchen, in den Riten, Kulturen und Nationalitäten. Jerusalem ist heute wie
damals; es bleibt das Pilgerzentrum von Millionen Gläubiger, die kommen um
Gott zu suchen und ihn in seinem Heiligtum zu finden.
„
Jeder hörte sie in seiner Sprache reden“. Auch
wir mit allen unseren Verschiedenheiten und Unterschieden möchten ebenfalls
die gleiche Stimme hören und die gleiche Sache verstehen; wir möchten alle
Jesus Christus sehen trotz unterschiedlicher Sprachen, Kulturen und
Standpunkte. Wir möchten uns treffen an dem Punkt, wie wir Gott sehen, der
vom Heiligen Geist geoffenbart wurde. Wird Gott in Jerusalem überhaupt
verstanden und gehört? Wird ein jeder von uns eines Tages offen bekennen, daß
wir trotz aller unserer Unterschiede, unseres derzeitigen Zustandes, unserer
religiösen und politischen Konflikte den Heiligen Geist von Gott reden hören?
Wird ein jeder von uns in seiner je eigenen persönlichen oder öffentlichen
Situation ihn im andern, im Bruder und der Schwester, sehen und verstehen können?
4.
Wird dieses Land bei der Suche nach Gott endlich eereichen Gott zu begegnen?
Denn grundsätzlich stimmt es, daß der Konflikt, unter dem wir schon seit
Jahren leiden – und besonders heute -, sich hier geballt und verschärft
hat, weil Gott von hier vorbeigegangen ist, und jeder möchte ihn hier wieder
finden. Daher ist es verständlich, daß kein einziger ganz allein Gott finden
wird. Kein einziger kann Gott zu seinem ausschließlichen Eigentum machen. Die
Begegnung mit Gott ereignet sich im Nächsten, im Bruder und der Schwester –
in jedem Bruder und jeder Schwester -, in denen, die zu uns gehören und zur
Gegenseite, zu unserer Religion
und zu einer anderen Religion; denn alle sind Kinder Gottes, das heißt,
im anderen werden wir Gott begegnen können. Die Begegnung mit Gott wird uns
lehren, sein Land zu teilen, das er als ein Land zum Leben und nicht zum
Sterben gewollt hat. Solange der Feind ein Feind zum Töten ist, und dem man
mißtraut, bleibt Gott fern und auch der Friede. So möge jeder sein Gewissen
über die ganze Würde der Gegenseite erforschen, über seine Würde als
Mensch und Kind Gottes, moge der Palestinenser und der Israeli sehen jeder im
anderen ein Mensch und ein Kind Gottes, der seine Freiheit und seine Wurde als
Mensch und als Kind Gottes einfordert, so wird jeder im anderen Gott sehen,und
damit wird sich die Türe zum Frieden öffnen. Wir sind also alle auf der
Suche nach Gott und somit auf der Suche nach dem Bruder.
5.
Der Heilige Vater hat in diesen Tagen einen Sondergesandten in der Person
seiner Eminenz Kardinal Pio Laghi mit einer Friedensbotschaft zu den
israelischen und palästinensischen Autoritäten des Landes gesandt. Gottes
Geist möge ihn in seiner Mission begleiten, die für uns und alle Bewohner
des Landes ein Zeichen der Sorge des Heiligen Vaters um uns alle ist. Wir sind
dafür dankbar und wollen hoffen, daß sie Frucht tragen wird; möge sie die
Tage des Leidens und des Todes abkürzen und die Morgenröte eines neuen
Lebens anbrechen lassen.
6.
Hier in Jerusalem und an diesem Pfingsttag hat der Geist Gottes die Kirche
gegründet. Der Geist Gottes
allein kann auch unsere Erde neu schaffen und ihr ihre humane Stabilität
geben. Er allein kann uns lehren, auf den anderen in seiner Verschiedenheit zu
hören, ihn zu verstehen, ihn zum Bruder und zur Schwester zu machen und
gemeinsam dieses Land wieder aufzubauen und daraus das Heiligtum zu machen, wo
jeder Gott begegnen kann.
Die
erste Gemeinde von Jerusalem, die an Pfingsten in dieser Stadt geboren wurde,
setzen wir heute fort, in Demut und in den Schwierigkeiten der früheren und
gegenwärtigen Geschichte.Wir erleben die Gegenwart des heiligen Geistes
mitten unter uns, aber wir leben auch in der gleichen Erwartung: Möge der
Heilige Geist mit seinem Hauch alle unsere Kirchen und die ganze Umgebung von
Jerusalem erfüllen und erneuern. Wir erwarten, daß wir ein Land und eine
Gemeinde werden, die ganz und gar durch den Heiligen Geist neugestaltet
werden; er kann in uns neue Verhaltensweisen und eine neue Vision schaffen,
und zwar die Vision Gottes. „Der Geist macht uns zu Söhnen Gottes, zu
Freien, ohne Furcht“, sagt Paulus in seinem Römerbrief (vgl. Rö. 8,
15.16). Diese Freiheit erflehen wir heute im Heiligen Geist und die Fähigkeit,
uns zusammen an unseren gemeinsamen Vater wenden zu können, indem wir
sprechen: „Abba, Vater“. Amen.
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