In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden zwei Arten von
Nationalismus: der jüdische Nationalismus, der in der Zionistischen
Organisation konkrete Formen annahm, und der palästinensische, der integraler
Bestandteil der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung war. Sie standen
sich in Palästina gegenüber, da beide dieses Land als ihr Staatsgebiet
beanspruchten – ersterer in Form eines Plans, letzterer auf der
Grundlage einer offensichtlichen Realität, die auf einer mindestens dreizehn
Jahrhunderte langen Geschichte beruht. Aus dieser Koexistenz entstand ein
schmerzlicher Konflikt zwischen den beiden Arten von Nationalismus, der als
"israelisch-arabischer" oder "israelisch-palästinensischer
Konflikt" bekannt ist.
Dieser
Konflikt besteht nun schon seit mehr als hundert Jahren und hat
verschiedenartige Formen angenommen, darunter auch eine Reihe
aufeinanderfolgender, blutiger Kriege, in denen viel Blut floss und viel
Unrecht geschah. Das Hauptopfer des Konflikts war das palästinensische Volk:
Ein großer Teil von ihm wurde gewaltsam an die Peripherie seines Heimatlandes
gedrängt, während der andere vor Ort blieb, dort aber mit einer heiklen
Situation konfrontiert und seiner grundlegendsten Rechte beraubt wurde.
Vor
ungefähr zehn Jahren wurde glücklicherweise ein Friedensprozess in Gang
gesetzt. Aber heute wissen wir, dass dieser Friedensprozess einen schlechten
Start hatte und sich in einer Weise entwickelte, die keineswegs zu einem
gerechten und dauerhaften Frieden führen konnte. Die zweite Intifada ist
lediglich die direkte Folge dieser durch Unsicherheit und Missverständnisse
gekennzeichneten Entwicklung. Wir befinden uns gegenwärtig allesamt in einer
absurden Situation, die nicht weiter andauern darf und uns nicht gleichgültig
lassen kann. Für den israelisch-palästinensischen Konflikt ist die Stunde
der Wahrheit gekommen. Es ist dringend nötig, sich dieser Wahrheit zu
stellen, der man sich nicht entziehen kann, wenn man allen Beteiligten viel
Leid und unschuldiges Blutvergießen ersparen will.
Hat die Theologie zu diesem Konflikt etwas zu sagen?… In diesem
Beitrag möchte ich die theologischen Implikationen beleuchten, die den
Konflikt auf die eine oder andere Weise in seinem geschichtlichen Verlauf
begleitet haben. Es versteht sich von selbst, dass der hier vertretene
Standpunkt der eines christlichen Palästinensers ist. In der Stunde der
Wahrheit müssen unbedingt alle Stimmen angehört werden, um eine gerechte,
friedliche Zukunft für ein Land zu schaffen, das diese auf so tragische Weise
benötigt. Das gilt für uns alle, nicht nur für die direkt betroffenen
Parteien.
1. Politische Projekte und theologische Rechtfertigungen
Es ist unbestreitbar, dass der Konflikt von Anfang an einen religiösen
Charakter angenommen hat, da die Zionistische Organisation sowohl in ihrem säkularen
als auch in ihrem religiösem Zweig ihren Anspruch auf Palästina als
Staatsgebiet biblisch begründete. Trotz des in diesem Bereich sehr weitgefächerten
jüdischen Denkens bleibt festzuhalten, dass die Gründung des Staates Israel
für die meisten durch biblische Texte gerechtfertigt wird, die entweder als
Ausdruck eines göttlichen Willens oder als historischer und kultureller
Beweis für die Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Land Palästina
betrachtet werden. Aus dieser Überzeugung heraus, die zusätzlich durch den
berühmten (aber falschen) zionistischen Slogan "Ein Land ohne Volk für
ein Volk ohne Land" gestützt wurde, brachen die ersten
"Pioniere" zur Eroberung Palästinas auf – bald durch
Besiedelung (im ursprünglichsten Sinne dieses Wortes), bald durch
Waffengewalt.
Bei den Christen – hauptsächlich
natürlich im Westen – konnte eine solche Einstellung, die in
erster Linie auf einer fundamentalistischen Auslegung der Bibel beruhte,
insbesondere in gewissen protestantischen Kreisen ohne weiteres an Stärke
gewinnen. Die mit den israelischen Extremisten in Verbindung stehende
"Christliche Vertretung in Jerusalem" ist gegenwärtig eine der unglücklichen
und irrigen Erscheinungsformen dieser Einstellung. Aber bald entwickelte sich
in derselben Richtung insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg in den Kreisen
des jüdisch-christlichen Dialogs eine spezielle katholische Theologie, die in
bestimmten katholischen Kreisen immer weitere Verbreitung findet.
Es ist freilich nicht möglich,
hier detailliert auf die Einzelheiten und Nuancen dieser biblischen und
theologischen Visionen einzugehen. Es lässt sich jedoch – auch
auf die Gefahr hin, zu sehr zu schematisieren – sagen, dass diese
Visionen in unterschiedlichem Maße auf eine theologische Rechtfertigung für
die Rückkehr der Juden ins Gelobte Land und die Gründung des Staates Israel
hinauslaufen. Dies führt teilweise zu politischen Positionen, die am Rande
des rationalen Denkens angesiedelt sind.
Es versteht sich von selbst, dass diese Theologie – oder
vielmehr: diese Theologien – die Palästinenser zumindest ratlos
machen. Sie sehen darin nämlich:
-
Die
religiöse Rechtfertigung eines politischen Vorhabens:
Wir wissen, dass die Theologie, wenn sie sich in den Dienst einer Politik
stellt, möglicherweise beabsichtigte oder unbeabsichtigte tragische
Konsequenzen auslöst. Es muss gesagt werden, dass ein solches Denken mehr
ideologisch denn theologisch ist und schon über viele Leichen gegangen ist.
In der Geschichte der Religionen gibt es genügend unerfreuliche Beispiele dafür.
In Palästina hat dieses Denken dazu geführt, dass die Palästinenser einer
der schreiendsten Ungerechtigkeiten des vergangenen Jahrhunderts unterworfen
wurden – was man in den günstigsten wie ungünstigsten Momenten
zu wiederholen verstehen muss.
-
Die
Befürwortung der Unterdrückung:
Das palästinensische Volk ist, nachdem es Opfer von Ungerechtigkeit geworden
ist, weiterhin den verschiedensten unerträglichen Formen von Unterdrückung
ausgesetzt. Eine solche Theologie kann nur ein unterstützendes Werkzeug der
Unterdrückung sein, wobei dessen Unabsichtlichkeit oder Unbewusstheit keine
Entschuldigung darstellt. Sie bringt ihre Anhänger in jedem Falle in eine
psychische Verfassung, die diese daran hindert, die Wirklichkeiten so
wahrzunehmen, wie sie sind. Denn wenn man ein politisches Vorhaben auf Gott
zurückführt, hat dies a priori die Unschuld des Vorhabens zur Folge. Führt
uns all das nicht zu einer Theologie, die andere unterdrückt?
-
Eine
Theologie, die ebenso aus dem psychologischen wie auch aus dem streng
theologischen Bereich stammt:
Wir wissen, dass sich diese Theologie hauptsächlich in einem Westen
entwickelt hat, der vom Phänomen des Antisemitismus, dessen teuflischste
Ausdrucksform die Schoa mit ihren unvorstellbaren Grausamkeiten war, zu Recht
traumatisiert war. Dieses Phänomen hat die theologische Reflexion über
Israel und den israelisch-palästinensischen Konflikt enorm beeinflusst. Der
Antisemitismus und seine zahlreichen alten wie neuen Ausdrucksformen, die
allesamt irrig sind, haben nämlich im Westen zu einem Schuldkomplex gegenüber
dem jüdischen Volk geführt. Ein solcher Komplex ist aber keine gesunde,
leidenschaftslose Basis für die Entwicklung einer ausgeglichenen Theologie zu
den Fragen, die der Konflikt im Heiligen Land aufwirft. Es ist in einer
solchen Reflexion nämlich schwierig, die Grenze zwischen dem Psychologischen
und dem Theologischen zu ziehen. Kann man nicht der Auffassung sein, dass
Antisemitismus wie Philosemitismus einer mitunter aus dem Gleichgewicht
gekommenen psychischen Haltung entspringen, die in der Theologie zumindest
anfechtbare Rechtfertigungsgründe zu finden sucht? Solange man unter dem
Druck dieses psychologischen Einflusses verbleibt, stehen Mythen, Tabus,
okkulten Mächten und unbewussten Beweggründen, die allesamt zu einem
entfremdeten und entfremdenden Denken führen, Tür und Tor offen. Nur die
Wahrheit macht frei.
-
Eine
selektive Theologie:
Eine Theologie, die von Psychologie und Ideologie abhängt, kann nur
reduzierend und selektiv sein; reduzierend sowohl, was die biblische
Offenbarung, als auch, was die tatsächlichen geschichtlichen Fakten in Palästina
betrifft. Es kommt nämlich nicht selten vor, dass sich eine solche Theologie
auf gewisse Texte der biblischen Offenbarung stützt (indem sie sie aus ihrem
Zusammenhang reißt) und andere außer Acht lässt, die nicht in die Richtung
gewisser vorab getroffener Entscheidungen gehen. (Handelt es sich dabei nicht
um einen Missbrauch der Bibel?) Im selben Sinne ist eine solche Theologie
reduzierend – und dies mitunter auf krasse Art und Weise – bezüglich
der tatsächlichen geschichtlichen Wirklichkeiten Palästinas (beispielsweise
dann, wenn man den Palästinensern die Bezeichnung "Volk"
verweigert) und der konkreten Wirklichkeiten im Heiligen Land. Hat man nicht
das Recht, einer solchen Theologie zu misstrauen?
2. Theologische Fragen
Die religiösen Implikationen des israelisch-palästinensischen
Konflikts sind eine Aufforderung an uns, wichtige theologische Fragen zu
stellen, denen nicht aus dem Weg gegangen werden kann. Diese Fragen sind zum einen allgemeiner, zum anderen eher spezifischer Art.
A.
Fragen allgemeiner Art:
Die Fragen allgemeiner Art können drei Gruppen zugeordnet werden: Wer
ist Gott? Wer ist der andere? Wer bin ich?
– Wer ist Gott?
Die Frage scheint unbedeutend. Aber im Kontext des israelisch-palästinensischen
Konfliktes (und der Neubesinnung auf die Religion, die fast überall
anzutreffen ist) wird sie zu einer dringlichen Frage, die eine gedankliche
Auseinandersetzung verdient. Die Eroberung Palästinas mit allen
Ungerechtigkeiten, die mit ihr einhergingen, fand nämlich im Namen Gottes und
seiner Verheißungen statt. Ein Palästinenser kann sich unweigerlich nur die
folgenden brennenden, bangen Fragen stellen: Aber wer ist denn dieser Gott, in
dessen Namen wir ein solches Unrecht erleiden mussten? Ist das ein
partikularistischer, nationaler Gott, ein Stammesgott, oder aber ein
universaler Gott, dessen Erbarmen und Mitleid alle Völker einschließt? Ist
es ein Gott, der sich gegen die Unterdrückten auf die Seite der Unterdrücker
stellt? Ist der Staat Israel ein 'Gottesstaat', der aufgrund eines göttlichen
Diktats, das keinerlei Ausweg bietet, akzeptiert werden muss? Ist Gott ein
Landverteiler, der die einen bevorzugt und die anderen ausschließt? Ist Gott
ein Götze, in dessen Namen es erlaubt ist, Unrecht zu begehen, oder ein
geheimnisvoller Gott, der zu Mitleid und Erbarmen aufruft?
– Wer ist der
andere? In einem historischen Kontext, in dem die soziale Mobilität, die
Transportmittel, das Migrationsphänomen und die Kommunikationsmittel die Völker
mehr und mehr miteinander in Kontakt bringen, ist die Andersheit mehr denn je
eine der großen Fragen der Menschheit. Im Heiligen Land mit all dessen
Problemen erhält diese Frage eine besondere Färbung und Dringlichkeit. Die
Frage nach der Beziehung des Staates Israel zu den Bewohnern des Landes steht
im Mittelpunkt der Diskussion. Von welcher Art ist die Beziehung dieses
Staates zu den anderen Bewohnern des Landes? Welche Beziehung haben diese
Bewohner zu dem Land? Sind sie lediglich "Fremde" und "Gäste"?
Reichen diese biblischen Begriffe aus, um ihre Identität und ihre Gleichheit
mit den Juden zu bestimmen? Sind die Palästinenser in den besetzten Gebieten
ihrerseits einfache Bewohner, auf die lediglich die Menschenrechte, oder sind
sie vielmehr ein Volk, auf das die grundlegenden Völkerrechte Anwendung
finden? Führt der ausschließliche Begriff des "Eretz-Israel" mit
seinen extremistischen Anwendungen nicht zu einer ebenso extremistischen
Reaktion bei gewissen Palästinensern, die "Ganz Palästina ist
unser" sagen und uns somit alle in eine Sackgasse und in den Strudel der
Gewalt hineintreiben? All diese Fragen sind bei weitem nicht akademischer Art.
Sie berühren das Problem an seinen empfindlichsten Punkten und stellen die
israelische Gesellschaft vor Entscheidungen, die den gesamten Konflikt
grundlegend verändern können. Deshalb sind sie auch nicht ausschließlich
politischer Art. Sie entfachen auch eine theologische Diskussion.
– Wer bin ich?
Im Heiligen Land sehen wir uns zwei widerstreitenden Identitäten gegenüber,
die sich auf dasselbe Recht auf Land berufen. Müssen sie exklusiv sein
("ich oder er")? Muss die eine die andere auslöschen, um zu überleben?
Wer ist Jude (wenn das überhaupt eine theologische Frage ist)?… Wir wissen,
dass sich in Israel seit der Staatsgründung an dieser Frage eine heiße
Diskussion entzündet hat, ohne bis heute ein definitives Endergebnis zu
erbringen. Aber die Begriffe, die in der Diskussion verwendet werden,
betreffen nur die Juden. Müsste man die Diskussion nicht ausweiten, um sich
zu fragen, ob die Nicht-Juden (in diesem Falle die Palästinenser, die im
Staat Israel leben) nicht in organischer und konstituierender Weise in die
Definition des Staates Israel eingehen? Fügt sich das palästinensische
Element nicht als ein wesentliches Element in die Diskussion ein?
B.
Fragen eher spezifischer Art
Zu den Fragen allgemeiner Art kommen Fragen eher spezifischer Art
hinzu. Sie betreffen die biblischen Begriffe, die für die Rechtfertigung des
Staates Israel als theologische Basis dienten: die Verheißungen, die Erwählung,
das Land, das Volk… In diesem Zusammenhang drängen sich zahlreiche Fragen
auf: Reichen die Interpretationen, die man diesen biblischen Realitäten
gemeinhin und traditionellerweise gibt, aus, um alle aktuellen Fragen zu
beantworten, welche die Realität des Heiligen Landes stellt? Ist das Land
wichtiger als der Mensch? Besteht nicht die Gefahr, dass der berühmte Begriff
vom "Eretz-Israel" die Stelle Gottes und des Menschen einnimmt,
indem er die Form eines Götzen annimmt? Wie sollen die Verheißung und die
Erwählung verstanden werden? In exklusivem oder inklusivem Sinne, und auf
welche Weise? Müssen sie im Sinne von Macht und Überlegenheit, oder im Sinne
von Dienst und Sendung verstanden werden? Und wie sehen Dienst und Sendung
aus? Man wiederholt immer wieder die Treue Gottes zu seinen Verheißungen. Um
welche Treue handelt es sich? Was bedeutet sie? Welchen Sinn hat die Erwählung
eines Volkes? Welche Beziehung gibt es zwischen dem Universalen (allen Völkern)
und dem Besonderen (einem bestimmten Volk)? Sind sie ineinander
eingeschlossen, oder schließen sie einander aus, und auf welche Weise? Warum
werden so wesentliche biblische Begriffe wie die der Ungerechtigkeit und
Unterdrückung, die den Kern der prophetischen Botschaften ausmachen, außer
Acht gelassen?… Welchen Sinn erhalten diese Begriffe mit und durch Jesus
Christus? Hat die Botschaft der Evangelien diese Begriffe nicht von innen
aufbrechen lassen, um ihnen einen inklusiveren und universaleren Sinn zu
verleihen? Die Liste ließe sich bis ins Unendliche fortsetzen.
Es wird aber deutlich, dass
diese Fragen nicht lediglich intellektueller Art oder einfache Gedankenspiele
sind. Es sind Fragen von höchster Wichtigkeit mit einer Tragweite, die
konkret das Schicksal von Völkern betrifft. Im Falle des palästinensischen
Volkes stellen diese einseitig und missbräuchlich interpretierten biblischen
Begriffe die Basis einer Ideologie der Enteignung und der Ungerechtigkeit dar,
unter der dieses Volk nicht aufhört, unerträglich zu leiden.
C.
Fragen nach der Interpretation der Bibel
Wir sehen, dass die Bibel im Mittelpunkt der theologischen Diskussion
steht. Die christlichen Palästinenser wurden des Markionismus beschuldigt, d. h.
dass sie danach streben, das Alte Testament abzulehnen. Unbestreitbar ist,
dass der christliche Palästinenser bei der Lektüre der Bibel ein gewisses
Unbehagen verspürt. Er kommt nicht umhin, das, was er darin liest, auf die
aktuelle Situation zu übertragen, die er gerade erlebt. In diesem Falle
verwandelt sich das Unbehagen in Angst. Der Palästinenser fragt sich, ob die
Heilsgeschichte nicht vielleicht eine Geschichte ist, die sich auf seine
Kosten entwickelt. Es muss an dieser Stelle jedoch unterstrichen werden, dass
der Palästinenser nicht mit der Bibel an sich (Altes und Neues Testament)
Schwierigkeiten hat, an die er als integralem Bestandteil seines apostolischen
Glaubens glaubt, sondern mit deren Interpretationen, wie sie häufig auf
selektive, oberflächliche und ideologische Weise dargestellt werden. Wer könnte
ihm das verübeln? Wenn er sieht, wie die jüdischen Siedler mit der Bibel
unter dem Arm die besetzten Gebiete bestellen, und wie sie den Boden der palästinensischen
Bauern im Namen des Wortes Gottes gewaltsam und arrogant konfiszieren, wie
kann er dann umhin, sich Fragen zu stellen? Oder wenn er in der Jerusalem
Post Leserbriefe von Christen liest, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung
biblisch begründen, oder wenn er sieht, dass gewisse Tatsachen des Alten
Testamentes zumindest in verletzender Art auf ihn selbst angewendet werden
(Amalekiter=Palästinenser...), wie wird er dann wohl reagieren? Oder wenn er
theologische Ausführungen über Israel (Staat, Volk, Land...) liest, ohne
dass sein eigenes Drama überhaupt erwähnt wird, was soll er dann schon
denken? Wenn sich der Palästinenser einerseits von einer gewissen einseitigen
Theologie verraten sieht und sich andererseits von seiner eigenen Kirche
schlecht geleitet fühlt, wie kann er dann anders, als der Angst und
Verwirrung anheim fallen?
Die Interpretation der Bibel in diesen theologischen Kreisen ist häufig
selektiver Art. Sie bleibt bei Texten stehen, die möglicherweise der – bewussten
oder unbewussten – Ideologie dienen könnten, von der sie sich
leiten lassen, und lässt andere unbeachtet, die störend oder lästig sein könnten.
Die Interpretation ist oberflächlich, denn sie beschränkt sich mit Wonne auf
Dinge, die ihre ideologischen Absichten nur noch stützen und verzerrt andere,
die ihrer Sache nicht dienlich sind. All dies fällt klar in den Bereich der
Ideologie im Sinne einer vorgefassten Meinung, die man durch theologische
Gedankenflüge zu rechtfertigen sucht, die das Wort Gottes nur deshalb prüfen,
um es in den Dienst dieser Ideologie zu stellen. Hat man (und dieses
"man" umfasst zahlreiche katholische Fanatiker) in einem Augenblick,
als die Begeisterung aus dem Gleichgewicht geriet, nicht Moshe Dayan nach dem
Krieg vom Juni 1967 mit Moses verglichen? Man kann sich ausmalen, wohin eine
solche Ideologie führen kann und wie sie dazu geeignet ist, unterdrückerischen
Praktiken den Weg zu ebnen, vor denen man lieber die Augen schließt, um nicht
von ihnen gestört zu werden.
All dies fordert zu einer Interpretation der Bibel auf, die die gesamte
Bibel und alle wirklichen Gegebenheiten im Heiligen Land berücksichtigt.
3. Hermeneutische Anhaltspunkte
Aus allem bisher Gesagten ergibt sich ganz sicher eine hermeneutische
Frage. Wie soll die Bibel interpretiert werden? Es ist weder unsere Absicht
noch sind wir dazu fähig, hier eine umfassende biblische Hermeneutik zu
liefern – das wäre anmaßend. Wir begnügen uns damit, einige
Anhaltspunkte zur Diskussion zu stellen, die dazu beitragen könnten, eine
Hermeneutik zu entwickeln, die zu einem besseren Verständnis der Bibel (und
folglich auch zu einer inklusiveren Theologie) führen und dazu imstande sein
könnte, in die Situation des Heiligen Landes, welche komplexer ist, als man
denkt, mehr Licht zu bringen.
A.
Die Hermeneutik der Fragen
Die Theologie läuft wie jedes Denken Gefahr, von gewissen unerschütterlichen
und unbestreitbaren A priori auszugehen, die man nicht in Zweifel zu ziehen
wagt. Kann man z. B. von der alleinigen Überzeugung ausgehen, Palästina
sei ein Land, das dem Volk Israel bedingungslos versprochen sei, und darauf
eine ganze Theologie aufbauen, die lediglich diesen Aspekt des Problems
betrachtet und – freiwillig oder unfreiwillig – andere
Aspekte (z. B. die Realität des palästinensischen Volkes) ausgrenzt,
die Nuancierungen oder gar Korrekturen mit sich bringen könnten, welche
wiederum die Elemente der Fragestellung vollkommen verändern würden? Um ein
weiteres Beispiel anzuführen: Kann man sich ebenso damit begnügen, eine
komplette Theologie über die Bedeutung des Staates Israel zu entwickeln, die
auf der fest verankerten, unbestreitbaren Gewissheit beruht, Israel sei ein
besonderer Staat für ein besonderes Volk in einer besonderen Geschichte? Läuft
man nicht Gefahr, zu der Behauptung zu gelangen, die Regeln des allgemeinen
Urteils fänden auf diesen Staat keine Anwendung? Handelt es sich in letzter
Konsequenz nicht um eine Form von verstecktem, aber realem Rassismus (Erwählung-Elitisierung-Rassismus)?
Es ist gut erkennbar, dass in diesem Falle der Weg frei ist für Ignoranz oder
Verkennung des Unrechts, das dieser Staat begehen kann, und selbst des
Unrechts, auf dem er selbst basiert.
Leider ist die moderne
Geschichte des Staates Israel und der mit ihm verknüpften Theologie voll von
diesen Vorurteilen, die man nicht zur Diskussion zu stellen wagt und die
letztlich zu Mythen und Tabus werden, mit Auswüchsen, deren Tragweite das
Schicksal von Millionen von Männern und Frauen betrifft. Es ist an der Zeit,
in gesunder und besonnener Art eine Bresche in dieses Denksystem zu schlagen,
was nur heilsam für alle sein kann. Die Hermeneutik der Fragen besteht darin,
sich Fragen zu stellen, und sogar, sich selbst in Frage zu stellen, um einer
Reflexion den Weg über eine Frage zu eröffnen, die komplexer nicht sein könnte.
B.
Die Dynamik der Heilsgeschichte
Das Heil ist eine Geschichte. Wer "Geschichte" sagt, meint
Bewegung, und zwar Bewegung nach vorne. Die Heilsgeschichte ist keine
statische, sondern eine dynamische Geschichte, getragen von einem Gott der
Liebe, der sich in der konkreten Geschichte der Menschen einen Weg bahnt.
In diesem Bereich sind zwei
Gefahren möglich: Die erste besteht
darin, ein Kapitel der Heilsgeschichte (z. B. über das Land)
herauszugreifen und es so, wie es ist, unterschiedslos auf eine gegebene
Situation anzuwenden. Bedeutet das nicht, die Heilsgeschichte unter
Missachtung der späteren Entwicklungen (selbst innerhalb des Alten
Testaments) erstarren zu lassen und den Hauptakteur dieser Geschichte (Gott
selbst) in einen Götzen zu verwandeln, der im Dienste unserer menschlichen Pläne
steht? Die zweite Gefahr besteht
darin, eine gewisse Auswahl aus den biblischen Texten zu treffen, und nur
diejenigen zu berücksichtigen, die in die Richtung der eigenen
Entscheidungen, wenn nicht gar politischen und ideologischen Vorurteile,
gehen. Läuft das nicht darauf hinaus, die Heilsgeschichte zu verzerren und
ihrer inneren Dynamik Grenzen aufzuerlegen? Ich habe den Eindruck, dass sich
die besagte Theologie auf die eine oder andere Weise in diese beiden
Richtungen hat treiben lassen.
In die Dynamik der
Heilsgeschichte einzutreten bedeutet, sich in die Vorwärtsbewegung einer
heiligen Geschichte zu integrieren, in der ein Abschnitt den vorigen in sich
einschließt und ihn zu neuen Horizonten mitnimmt, deren Vollendung das Reich
Gottes ist. Freilich ist das Werkzeug dieser Dialektik das Wort Gottes selbst,
aber es sind auch "die Zeichen der Zeit", die das Wort Gottes in
diese Bewegung zu integrieren hilft. Mir scheint, dass ein solches Herangehen
an die Heilsgeschichte Gefilde erschließen kann, die fortwährend an Weite
und Tiefe gewinnen in einem weniger exklusiven und isolierenden, als vielmehr
inklusiven und umfassenden Sinne. Die immer wieder neuen Dimensionen Gottes
schreiben sich immer auch in die neuen Dimensionen der menschlichen Geschichte
ein.
C.
Der christologische Ansatz
Für einen Christen ist Jesus Christus der zentrale Mittelpunkt dieser
Dynamik der Heilsgeschichte. Alles bewegt sich auf ihn hin, und alles geht von
ihm aus. Nun hat Jesus Christus aber alle Gegebenheiten der Heilsgeschichte
von innen her gesprengt, um ihnen eine universelle Dimension zu verleihen,
ohne natürlich das Besondere zu vernachlässigen, das er vielmehr in die
Dynamik einer Menschheit einschloss, die auf dem Weg zu Gottes Reich ist. Für
den Christen hat die Treue Gottes zu seinen Verheißungen seither einen Namen,
um den man nicht herumkommt: Jesus
Christus. Dieser bleibt für den Christen ein Weg, den jede Reflexion über
die Wirklichkeiten des Alten Testamentes, wie z. B. das Land, die Verheißung,
das Volk usw. einschlagen muss. Er nämlich war es, der in seinem eigenen Leib
die trennende Wand zwischen den beiden Gemeinschaften niedergerissen hat, um
eine einzige aus ihnen zu machen und Frieden zwischen ihnen zu stiften (vgl.
Eph 2,11-22).
Man
mag freilich einwenden, dies gelte nur für die Christen und binde sonst
niemanden. In gewissem Sinne stimmt das. Aber mir scheint es, dass man noch
mehr dazu sagen kann. Jesus Christus hat mitten in die Menschheitsgeschichte
Werte eingepflanzt, die nach und nach zum Erbe der Menschheit geworden sind.
Kann man z. B. nicht – weitab von einem Geist des falschen
Nutzens – sagen, dass die heute allgemein anerkannten
Menschenrechte die Frucht der Werte des Evangeliums sind, die Christus uns
gebracht hat? In dem Fall, der hier für uns von Interesse ist (die
theologischen Implikationen des Konflikts im Heiligen Land), können wir
sagen, dass es nicht mehr möglich ist, über die Wirklichkeiten des Alten
Testamentes (wie Land, Volk etc.) nachzudenken, ohne sich auf den Fortschritt
im menschlichen Denken seit der Ankunft Jesu Christi zu beziehen. Kann man in
diesem Falle wirklich eine Landtheologie entwickeln, indem man sich streng auf
die Worte der Bibel beschränkt, ohne die späteren Entwicklungen und die
menschlichen Werte (wie z. B. die Würde des Menschen) mit einzubeziehen,
die wiederum zu Anhaltspunkten geworden sind, die den Wert von Land
relativieren können (ist Land wichtiger als der Mensch?)? Gott spricht auch
durch diese menschlichen Werte zum Menschen von heute.
D.
Geschichtliche Wirklichkeiten und Heilsgeschichte
Die menschlichen und historischen Wirklichkeiten sind integraler
Bestandteil des Heilsgeheimnisses. Sie stellen einen Appell dar und umhüllen
eine geheimnisvolle göttliche Gegenwart, über die nachgedacht werden muss,
um ihren Sinn und Aufruf zu erkennen. Es wäre ungeschickt zu denken, die
Geschichte Palästinas sei im Jahre 70 (mit der Zerstörung Jerusalems durch
die Römer) zu Ende gegangen. Ebenso falsch wäre es zu denken, sie habe im
Jahre 1948 angehalten, und es habe ein geschichtliches Vakuum gegeben, das man
durch die Gründung des Staates Israel füllte (der Slogan "Ein Land ohne
Volk für ein Volk ohne Land" ist voller Präsuppositionen), sowie einen
Stillstand in der Heilsgeschichte, die durch diese Staatsgründung erneut in
Gang gebracht wurde.
Die Geschichte geht weiter
ihren Gang, und Gott begleitet sie weiterhin mit seiner geheimnisvollen
Gegenwart. Er lädt die Menschen ein, sich in die Dynamik der Geschichte
einzufügen, die ihren Weg bis hin zur letzten, heilbringenden Vollendung
fortsetzt. Leider hat sich das theologische Denken häufig von der – vielleicht
mehr impliziten als expliziten – Vorstellung von diesem Vakuum und
diesem Stillstand her entwickelt. Man versteift sich beispielsweise darauf, über
den Tempelplatz zu sprechen und vergisst darüber ganz die Realität der
Aqsa-Moschee, so als befinde sie sich außerhalb der menschlichen Geschichte.
Was sagen dem Theologen die historischen Realitäten, die sich im Heiligen
Land überlagert haben? Ist es möglich, auf diese Realitäten einen
theologischen Blick zu werfen, und was für einen Blick?
Ich habe den Eindruck, dass diese hermeneutischen Gegebenheiten
geeignet sind, die Theologie von ihrer Undurchsichtigkeit zu befreien, um eine
inklusive, integrierende Theologie aus ihr zu machen. Ich bin mir dessen
bewusst, dass dieses theologische Terrain sehr schwierig ist, aber es ist es
wert, scharfsinnig erforscht zu werden, um alle möglichen theologischen
Schlussfolgerungen aus ihm abzuleiten.
4. Das palästinensische Volk als Frage an die Theologie
Die Existenz des palästinensischen Volkes im Heiligen Land ist weder
zufälliger noch vorübergehender oder nebensächlicher Art. Das palästinensische
Volk ist weder "Fremder" noch "Gast" in seinem Land. Die
Palästinenser sind integraler Bestandteil der Identität des Heiligen Landes,
und dieses ist wiederum integraler Bestandteil der Identität der Palästinenser.
Jede Fehleinschätzung dieser Wahrheit führt im politischen wie auch im
theologischen Bereich zu einer reduzierenden Sichtweise, deren praktische
Anwendungen nur ungerecht sein können.
Leider wurde diese
Wirklichkeit von der Theologie fast völlig ignoriert, da sie als marginal und
bedeutungslos betrachtet wurde. Die Theologie beschäftigte sich vielmehr mit
der Bedeutung des Landes und des Volkes, sowie mit deren Beziehungen
zueinander. Eine solche voreingenommene Sichtweise öffnet der Kolonisierung
der besetzten Gebiete (die mit den klassischsten Kolonisierungsmethoden
durchgeführt wird) Tür und Tor, die häufig als ein Rückkauf (im religiösen
Sinne) des Landes dargestellt wird. Die Konfiszierung palästinensischen
Bodens durch Ausübung von Macht und Gewalt
geschieht im Namen dieser Sichtweise (die "Sicherheit" ist lediglich
ein Vorwand).
Es stimmt, dass einige die
Palästinenser – durch Großzügigkeit am falschen Ort, wenn nicht
gar scheinheiligen Edelmut – in die Kategorie der
"Menschenrechte" einordnen, aber sie sind nicht dazu fähig, den
Sprung zu machen, sie als ein Volk zu betrachten, das ausgehend von dieser
Realität eine theologische Reflexion verdient. Nun scheint es mir aber, dass
eine Theologie Israels in dessen gegenwärtiger historischer Realität
unvollständig, wenn nicht gar verzerrend und unterdrückerisch bleibt,
solange sie nicht das palästinensische Volk und dessen geschichtliche
Erfahrung, ob gegenwärtig oder vergangen, in ihr Denken einbezieht. Der Logik
der obengenannten hermeneutischen Anhaltspunkte folgend, ist das palästinensische
Volk ein wichtiges Element für die theologische Reflexion. Es kann sogar ein
entscheidendes Element für eine ausgewogene Theologie sein, die imstande ist,
dazu beizutragen, einen Weg zu einem gerechten und wahren Frieden in der
Region zu eröffnen.
Im Markus-Evangelium (10,13-16) saßen die Jünger mit ihrer Mentalität
und ihren Vorurteilen mit Jesus beisammen und vernahmen voller Freude seine göttlichen
Lehren, als sich Kinder unter die Zuhörer mischten, die wie lästige
Eindringlinge wirkten. Die spontane Reaktion der Jünger bestand darin, die Störenfriede
wegzuschicken. Jesus jedoch empörte sich darüber, nahm die Kinder liebevoll
auf und stellte sie in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit und seiner Lehre.
Im Evangelium heißt es außerdem: "Und er nahm die Kinder in seine Arme;
dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie" (Mk 10,16). Dies kann
bedeuten, dass Jesus diese "Unnützen" in die Heilsgeschichte
einbezog, somit der Borniertheit seiner Jünger die Stirn bot und sie dazu
einlud, einen weiteren und wahrhaftigeren Blick für das Gottesreich zu haben.
In diesem Abschnitt des Evangeliums sind wir mit einer Begebenheit
konfrontiert, in der die Vergessenen, "die Gekränkten und
Erniedrigten", die Marginalisierten der Menschheitsgeschichte zu
wesentlichen Elementen der Heilsgeschichte werden. Kommt das Heil nicht häufig
vonseiten derer, die am Rande stehen?
Meine Lesart dieses
Abschnitts ist, wie unschwer zu erahnen ist, nicht unschuldiger Art. Es
scheint mir nämlich, dass das palästinensische Volk das Element ist, das von
der besagten Theologie ignoriert wird, weil von der Vorstellung ausgegangen
wird, dass es kein wesentliches Element von Interesse ist. Man könnte sogar
behaupten, es wirke wie ein Störfaktor in einem Denksystem, das sich lieber
in festgefügte Schemata flüchtet. Ich bin sicher, dass dieses vergessene
Element, dessen Vorhandensein störend wirkt, zu dem Element werden kann, das
diese Theologie von ihren einseitigen und voreingenommenen Sichtweisen heilt.
In diesem Falle muss sich die
Theologie einer Reihe von Fragen stellen: Welche theologische Bedeutung hat
die Zerstörung von vierhundert palästinensischen Städten und Dörfern durch
die israelische Armee während und nach dem Krieg von 1948? Was bedeutet die
damalige Vertreibung von beinahe einer Million Palästinensern (heute sind es
mehr als drei Millionen) aus ihrem Land, im Austausch gegen neue jüdische
Einwanderer? Welche Bedeutung hat die Anwendung aller Arten von Unterdrückung
gegenüber den Palästinensern in den besetzten Gebieten während mehr als
dreißig Jahren Besetzung? Wie muss man die Tatsache werten, dass die palästinensischen
Bürger des Staates Israel als Bürger zweiter Klasse betrachtet werden, und
was für eine theologische Sichtweise liegt einer solchen Wirklichkeit
zugrunde? Zu welchem Ergebnis führt eine götzendienerische Sichtweise des
Landes, und welche Folgen hat sie? Ist das Land wichtiger als Gott und die
Menschen? Was sagt die Bibel zu Unterdrückung?… Man könnte die Liste der
Fragen bis ins Unendliche fortsetzen.
In jedem Falle hat die
Reflexion über die theologische Bedeutung Israels und des israelischen
Staates keinen Sinn oder bleibt zumindest unvollständig, wenn sie kein tiefgründiges
Nachdenken über die Bedeutung des palästinensischen Volkes beinhaltet, ohne
freilich auch dabei in die ideologische Falle zu geraten. Es ist eine Frage
der Glaubwürdigkeit, der intellektuellen Integrität, und ein Beweis des
guten Willens. Der Exodus des jüdischen Volkes ist nicht vom Exodus des palästinensischen
Volkes zu trennen. Beide bedingen sich gegenseitig und stellen füreinander
eine Befreiung dar. Wie man sieht, ist es mit dem Heil des palästinensischen
Volkes ebenso wie mit dem des jüdischen Volkes. Umso mehr erscheint es mir,
dass die tatsächliche und maßgebliche Berücksichtigung des palästinensischen
Volkes sehr wohl die letzte Rettung für das jüdische Volk im Heiligen Land
bedeuten kann. Die Juden in Israel müssen letztlich begreifen, dass sie nur
über das Heil der Palästinenser selbst zum Heil gelangen können (und auch
umgekehrt).
5. Die christliche Gemeinschaft in Palästina
Man ist erstaunt, wenn man hört, wie ein bedeutender kirchlicher Würdenträger
unserer Tage, nämlich Kardinal C. M. Martini, Erzbischof von Mailand,
auf einer Konferenz zum Thema "Jerusalem" die hebräischsprachige
christliche Gemeinschaft nennt, um sich zu fragen, "welche theologische
Bedeutung der Neubeginn einer Gemeinschaft von Judenchristen in
Jerusalem"
haben könne, ohne es gleichzeitig für nötig zu erachten, die zweitausend
Jahre alte palästinensische christliche Gemeinschaft zu erwähnen und die
Frage nach deren theologischer Bedeutung in Jerusalem zu stellen. Ich möchte
damit nur zum Ausdruck bringen, dass die christliche Gemeinschaft ebenso wie
das palästinensische Volk das verkannte
oder ignorierte Element ist, so als wäre sie nicht Teil dieser
Heilsgeschichte, die sich auf dieser Erde fortsetzt. Die geringe Anzahl
ihrer Mitglieder entschuldigt dieses Versäumnis nicht (muss ich auf die
Bedeutung des Kleinen und Vergessenen zurückkommen?). Es ist an der Zeit,
dieser Vernachlässigung ein Ende zu bereiten – auf politischer
ebenso wie auf religiöser und theologischer Ebene.
Diese christliche Gemeinschaft ist den Blicken aller ausgesetzt. Von
den Israelis wird sie durch die Erfahrung der Schoa oder durch die Tatsache,
dass ihre Angehörigen Palästinenser sind, betrachtet. Häufig wird sie auch
als eine archaische Gemeinschaft angesehen, die in den Diskussionen, die die
Region in Unruhe versetzen, keinerlei Bedeutung oder Gewicht hat. Von ihren
muslimischen Mitbürgern wird sie häufig durch die Brille eines christlichen
Westens betrachtet, den sie als Quelle allen Übels ansehen. Von ihren
christlichen Brüdern hauptsächlich im Westen werden sie verkannt, oder man
kennt sie kaum. Und wenn diese christlichen Brüder sie kennen, dann sind sie
verunsichert durch die Vielfalt, die sie von außen sehen, ohne deren Reichtum
erkennen zu können. Man stellt sie bisweilen als Opfer zwischen Hammer und
Amboss dar, und sie selbst lassen sich mitunter von einer Opfermentalität
ergreifen und ein ungewisses Schicksal beklagen. Doch wie sehen sich die Angehörigen
der christlichen Gemeinschaft selbst – inmitten all dieser
Zerrspiegel? Sie wissen jedenfalls, was sie sind: Araber,
Palästinenser, Christen. Sie wissen auch, wie die Palästinenser
allgemein, dass das Heilige Land ein wesentlicher Teil ihrer Identität ist,
so, wie sie auch ein wesentlicher Teil der Identität des Heiligen Landes
sind, d. h. das Heilige Land wäre ohne sie nicht das Heilige Land. Und
von dort aus versuchen sie trotz immenser Schwierigkeiten, einen Platz unter
der Sonne zu finden im Wirbelsturm der Ereignisse, die das Heilige Land
bewegen. Sie sind laufend auf der Suche, um sich in einem Kontext zu
situieren, der schwieriger denn je ist.
Es muss gesagt werden, dass diese kleine Gemeinschaft diejenige ist,
die am meisten unter diesem theologischen Mangel gelitten hat, den wir
aufzuzeigen und zu erklären versucht haben. Natürlich waren die christlichen
Palästinenser von dieser Theologie, deren Widerhall sie auf die eine oder
andere Weise erreichte, in Verlegenheit gebracht, wenn nicht gar in Entrüstung
und Angst versetzt. Sie waren auf diese theologische Diskussion schlecht
vorbereitet. Aber sie konnten nicht anders, als sich zu fragen, wie es sich
eine solche Theologie erlauben kann, das Leid dieses Volkes zu vergessen und
einer christlichen Gemeinschaft wenig Beachtung zu schenken, die eine so
bewegte Geschichte überlebt hat. Stehen sie am Rande der Geschichte des
Heiligen Landes? Befinden sie sich am Rande der Heilsgeschichte? Stellen sie
ein überschüssiges Element in der menschlichen und religiösen Geographie
Palästinas dar? Ist in der uns betreffenden Diskussion nicht auch ein Wort über
sie zu verlieren? Haben sie nicht auch selbst etwas dazu zu sagen? Ihre
Verlegenheit, ihre Entrüstung und Angst sind nur allzu verständlich.
Sie waren verlegen, entrüstet
und gekränkt, aber sie begnügten sich nicht damit, es zu sein. In den
siebziger Jahren, die für die Geschichte des Nahen Ostens im Allgemeinen und
die des Heiligen Landes im Besonderen entscheidende Jahre waren, begannen sie,
über den Sinn ihrer Präsenz, ihrer Berufung, ihres Zeugnisses und ihrer
Sendung nachzudenken, indem sie zunächst in kleinen Kreisen, dann
organisierter und systematischer versuchten, sich selbst zu definieren und zu
situieren. Wir haben nicht die Absicht, uns über die Einzelheiten dieser
Reflexion auszulassen, können jedoch sagen, dass diese Jahre reich an
Lebensfermenten waren. In einer solchen Atmosphäre entstand Stück für Stück
eine palästinensische Theologie, die bestrebt war, ausgehend vom realen,
konkreten Kontext des Heiligen Landes eine Reflexion zu entwickeln. Diese
Reflexion besitzt bereits einen ziemlich bedeutsamen theologischen Bestand.
Man musste bei Null anfangen, was diese Reflexion auch getan hat. In den
verschiedenen christlichen Kirchen des Heiligen Landes, vor allem in den
katholischen und protestantischen, haben Theologen begonnen, wieder auf die
Beine zu kommen und nach dem zu suchen, was sie allein aus ihrer tatsächlichen
Situation heraus sagen konnten. Es ist offensichtlich, dass die von Israel und
durch die Gründung des Staates Israel hervorgerufenen theologischen Fragen im
Mittelpunkt dieser Reflexion standen.
Die Frage, die sich in dem
Kontext, der uns hier betrifft, stellt, ist folgende: Welche theologische
Bedeutung hat diese Gemeinschaft inmitten verschiedener menschlicher und
religiöser Gruppen im Heiligen Land? Inmitten der Ruinen ehemaliger Kirchen
in unserem Land findet man nicht selten Baptisterien, in denen zahlreiche
Generationen im Lande geborener Christen die Gnade der Taufe erhalten haben,
durch die sie in die Heilsgeschichte aufgenommen wurden. Diese Gnade wird in
unseren immer noch lebendigen Kirchen weiterhin gespendet. Welche Rolle spielt
dieser kleine Überrest in der weltlichen und religiösen Geschichte des
Heiligen Landes? Was stellt er dar? Welche Berufung hat er, welche Sendung,
und welcher Art ist sein Zeugnis? Was für eine heilbringende Saat trägt
diese Gemeinschaft in sich?… Eine solche Reflexion wird sehr intensiv
betrieben. Wir haben nicht die Absicht, all ihre Elemente darzulegen, aber es
gibt sie, und sie verdient die Aufmerksamkeit aller. Die Gemeinschaft muss
befragt werden, wenn eine Theologie entwickelt werden soll, die alle Probleme
des Heiligen Landes betrifft. Sie stellt nämlich einen Ort von Gottes Wort
dar, auf dessen Lektüre und Reflexion man sich verstehen muss.
6. Jerusalem als theologische Herausforderung
Es ist nicht leicht, über Jerusalem zu sprechen, da es eine schwierige
Stadt ist, die sich nur schwer mitteilt. Viel Zeit und ein gehöriges Maß an
Innenschau sind nötig, wenn man das Geheimnis dieser Stadt aufspüren oder
vielmehr sich von diesem erfüllen lassen möchte. Jerusalem ist eine Stadt,
die verletzt und heilt, die aufwühlt und beruhigt. Sie ist die österliche
Stadt schlechthin. Für einen Christen – und für einen palästinensischen
Christen – bedeutet das viel.
Über das Heilige Land mit seinen verschiedenen (politischen, religiösen,
kirchlichen...) Aspekten zu sprechen, ohne dabei länger bei Jerusalem zu
verweilen, ist aus meiner Sicht ein unverzeihlicher Fehler. Leider wurde
dieses diffizile Problem in den politischen Diskussionen immer hintangestellt,
denn wenn Jerusalem ein Problem darstellt, dann kann es auch die Elemente für
eine echte Lösung aller Probleme des Heiligen Landes liefern. Der Friede
beginnt in Jerusalem. Es stimmt zwar, dass diese Heilige Stadt
unkontrollierbare und unkontrollierte Emotionen weckt, und dass die gegenwärtige
Situation einer gelassenen Reflexion über die Berufung dieser Stadt und deren
prophetische Sendung nicht gerade förderlich ist. Man muss jedoch, ohne zu
vergessen, auf welch gefährlichem Gebiet wir uns vorwärtsbewegen, dazu fähig
sein, das Geheimnis Jerusalems bis ins Detail zu erforschen, um die von ihm
ausgehenden Appelle und Möglichkeiten zu verstehen. In Jerusalem reichen
Geschichte und Heilsgeographie einander die Hand und vereinen sich, um immer
neue Formen des Lebens hervorzubringen.
Jerusalem ist reich an
theologischen Möglichkeiten, die zu ergründen man fähig sein muss – zum
Wohle aller, die diese Stadt lieben. Eine solche Theologie kann sich nur von
den konkreten Gegebenheiten in Jerusalem ausgehend entwickeln. Jerusalem muss
vor den Mythen gerettet werden, die den Blick auf seine tatsächlichen
Wirklichkeiten verhindern. Was sind diese konkreten Wirklichkeiten?
A.
Die Wirklichkeiten Jerusalems
Die Wirklichkeiten
Jerusalems können den folgenden schlagwortartigen Begriffen zugeordnet
werden:
-
Zwei
Völker (das
israelische und das palästinensische): Die Präsenz dieser beiden Völker in
Jerusalem ist bei weitem kein Trugbild. Es genügt, zu Fuß die Jerusalemer
Altstadt zu durchqueren, um den arabischen und palästinensischen Charakter
der Heiligen Stadt mit ihrem typischen orientalischen Gepräge (das sich mit
dem von Kairo, Damaskus, Beirut und anderer Städte der arabischen Welt
vergleichen lässt) zu entdecken. Und man muss nur durch die neuen Straßen
West-Jerusalems gehen, um sich der israelischen Wirklichkeit in diesem Teil
der Stadt bewusst zu werden, mit all der Mannigfaltigkeit, die die Vielfalt
des jüdischen Volkes charakterisiert und widerspiegelt. Die Zugehörigkeit zu
Jerusalem ist für beide Völker etwas, das mit ihrem tiefsten nationalen
Selbst untrennbar verbunden ist.
-
Drei
monotheistische Religionen
(Judentum, Christentum, Islam): Die drei monotheistischen Religionen kommen in
Jerusalem miteinander in Berührung. Und eine jede von ihnen ist zutiefst
davon überzeugt, dass Jerusalem zu ihrer religiösen Identität gehört, und
zwar insofern, als sie ohne diese Bezugnahme auf Jerusalem weder sich selbst
verstehen noch verstanden werden kann. Man kann Jerusalem ohne diese drei
Religionen ebenso wenig verstehen, wie man diese ohne Jerusalem verstehen
kann. Die Symbole dieser Zugehörigkeit sind die Aqsa-Moschee für die
Muslime, die Klagemauer für die Juden und die Auferstehungsbasilika für die
Christen. Und diese Gegenwart ist überaus lebendig. Es genügt, Jerusalem zu
den jeweiligen Festen der drei Religionen zu besuchen, um dies feststellen zu
können.
-
Verschiedene
christliche Kirchen:
In Jerusalem sind verschiedene christliche Kirchen zu Hause: Die orthodoxe
Gemeinschaft (griechisch-Orthodoxe), die Gemeinschaft der orientalischen
Orthodoxen (Armenier, Kopten, Syrer), die katholische Gemeinschaft (sechs
verschiedene katholische Kirchen), die protestantische Gemeinschaft (hauptsächlich
Anglikaner und Lutheraner).
Eine jede dieser Kirchen beruft sich auf eine Geschichte, Erinnerung, Kultur,
Sprache, Liturgie, Theologie, Spiritualität, Struktur, auf ein Erbe... Die
Gegenwart der meisten dieser Kirchen unter der Kuppel der
Auferstehungsbasilika hat einen hohen symbolischen Wert. Sie sind verschieden,
aber alle zur Einheit in Christus aufgerufen.
-
Zwei
Welten (Ost und West):
Hinter den zwei Völkern, dem israelischen und dem palästinensischen, stehen
sich zwei Welten gegenüber: der Osten und der Westen. Wir wissen, dass das
Aufeinandertreffen dieser beiden Welten in Jerusalem nicht einfach gewesen ist
(Kreuzzüge, Kolonisierung, Palästinenserproblem…). In Jerusalem ist die
Grenze zwischen Ost und West keine Wassermasse (das Mittelmeer), sondern
lediglich eine schmale Straße, die Ost-Jerusalem von West-Jerusalem trennt.
Sind die beiden Welten da, um miteinander zu sprechen? Um zusammen zu leben?
Um sich zu bekämpfen? Man kann dem auch noch die Nord-Süd-Dimension
Jerusalems hinzufügen. Fordert all dies nicht zum Nachdenken auf?
-
Die
gesamte Menschheit:
Aufgrund der Pilger aus aller Welt ist Jerusalem eine Stadt mit einer
universalen Berufung. Sie ist nicht nur für ihre Einwohner von Interesse,
sondern geht die gesamte Menschheit etwas an. Daher kann sie die Menschen
nicht gleichgültig lassen.
-
Gott
und der Mensch:
Vergegenwärtigt man sich noch einmal die Wirklichkeiten Jerusalems, kann man
sich nicht mit seiner horizontalen Dimension zufrieden geben, vor allem
deshalb nicht, weil diese einzigartige Dimension direkt aus der vertikalen
Dimension erwächst. Jerusalem ist die Stadt, die Gott dazu auserwählt hat,
in einen Dialog mit den Menschen einzutreten. Obwohl es nicht so aussehen mag,
bleibt Jerusalem eine Stadt, die von diesem Mysterium geprägt ist.
Auf der Grundlage all dieser
Wirklichkeiten muss eine politische Lösung gesucht werden. Aber die Politik
ist nicht unsere Sache. Wir bleiben lieber im Bereich der Theologie.
B.
Jerusalem, ein locus theologicus
Jerusalem ist keine gewöhnliche Stadt mit Problemen im Bereich des
Wohnens, des Verkehrs und der Städteplanung. Sie ist vielmehr eine
einzigartige Stadt, in der ein Wort gesprochen und geschenkt wurde. Man kann
ohne Zögern sagen, dass Jerusalem ein locus
theologicus ist, und zwar insofern, als diese Stadt ein Ort der
Offenbarung ist und ein Anhaltspunkt für die theologische Reflexion (wie das
Wort Gottes, die lebendige Tradition...). Die theologische Reflexion schöpft
aus ihr eine Inspiration, die es ihr ermöglicht, in das Geheimnis Gottes, des
Menschen, der Geschichte im Allgemeinen und der Heilsgeschichte im Besonderen
einzutreten. Die Wirklichkeiten Jerusalems machen aus ihr ein theologisches
Forschungsgebiet erster Klasse. Genau dort findet die Suche nach Antworten auf
die großen Fragen, die die Menschheit heute bewegen, ihren vorbestimmten Ort.
Ohne dem Zeit- und
Ortsfetischismus ins Netz gehen zu wollen, kann man sagen, dass Gott sich zu einer
Zeit geoffenbart hat, um die
Zeit zu heiligen, und dass er sich an einem
Ort geoffenbart hat, um den Ort
zu heiligen, um aus beiden die Zeit und den Ort seiner Offenbarung zu machen.
"Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger
Boden" (Ex 3,5). In Jerusalem wurde ein göttliches Wort gesprochen.
Dieses Wort ist aktuell und an alle Menschen gerichtet, die heute leben. Über
sein Geheimnis muss im Lichte der Bibel, der lebendigen Tradition, der Dynamik
der Heilsgeschichte und auch der konkreten Wirklichkeiten nachgedacht werden,
die sich uns darbieten. An diesem letzten Punkt möchten wir verweilen.
Es besteht Anlass zu der
Annahme, dass die oben genannten Wirklichkeiten Jerusalems kein
geschichtlicher Zufall sind. Die Tatsache der Präsenz zweier Völker, dreier
monotheistischer Religionen, verschiedener christlicher Kirchen, von Gläubigen
aus der ganzen Welt, die nach Jerusalem kommen als der tiefen Quelle ihres
Glaubens, wie auch die Wirklichkeit Gottes in seiner Beziehung zu den
Menschen, laden uns dazu ein zu glauben, dass Gott der Menschheit durch all
jenes etwas Einzigartiges sagen möchte, ein Wort, dessen die Menschheit an
der Schwelle zum dritten Jahrtausend zutiefst bedarf. Ist es gewagt zu
behaupten, dass diese Wirklichkeiten einen geheimnisvollen Aspekt der
Heilsgeschichte darstellen, die sich weiterhin einen Weg durch die konkrete
Geschichte der Menschen bahnt? Es ist in diesem Falle dringend notwendig, die
Botschaft wahrzunehmen, die Gott an die Bewohner der Stadt und durch sie an
die ganze Menschheit richtet. Die Rolle der Theologie besteht darin, sich
diesem Ort des Wortes zuzuwenden, um ausgehend von den großen Fragen des
heutigen Menschen und den Wirklichkeiten Jerusalems daraus die Appelle,
Dimensionen und Erfordernisse zu formulieren. Es gibt für die Theologie keine
erhabenere Aufgabe als diese.
Genau in Jerusalem finden die
großen Worte, die die Sehnsüchte der Menschen dieser Zeit zum Ausdruck
bringen, ihren tiefsten Sinn und ihre dringendsten Erfordernisse. Begriffe wie
Gott, der Mensch, die Andersheit, die Unterschiedlichkeit, Gerechtigkeit,
Friede, Wahrheit, Freiheit, Dialog, Versöhnung, Verzeihen, gegenseitiges
Akzeptieren usw. geben ihre universalsten und konkretesten Bedeutungen preis.
Und da genügt es nicht, Antworten gebetsmühlenartig zu wiederholen, sondern
man muss vielmehr kreative Antworten anbieten, die im Lichte des
Ostergeheimnisses, das den Charakter der Heiligen Stadt unverkennbar prägt,
bis zum tiefsten Grund der Dinge reichen.
Man sieht somit, dass die Lösung
des Jerusalem-Problems dessen geographische und politische Grenzen übersteigt.
Jede Lösung, die für Jerusalem gefunden wird, ist typologischer Art und
dient als Modell zur Lösung großer Probleme unserer Zeit. Diese Probleme
werden zuerst in Jerusalem gelöst werden. Es steht sehr viel auf dem Spiel,
und die Verantwortung ist immens. Die Welt ist in Erwartung.
Man muss sich natürlich
fragen, von welchem Jerusalem wir sprechen. Um zum Geheimnis Jerusalems Zugang
zu finden, genügt es nicht, die Gemeinplätze der politischen Propaganda zu
wiederholen und sich den primitivsten unmittelbaren Interessen zu beugen.
Jerusalem darf nicht von unseren Leidenschaften ausgehend definiert werden,
sondern ausgehend von seinem verborgenen Geist und dem Glanz seines
Mysteriums. Man darf Jerusalem nicht in die Niederungen unseres Geistes
herabziehen, sondern man muss sich auf die hohe Ebene seines Mysteriums
begeben. Unter dieser Bedingung kann die Stadt mit viel Großzügigkeit ihre
Gaben allen in reichem Maße zuteil werden lassen.
Schlussbemerkungen:
Für
eine Theologie der Gerechtigkeit und des Friedens
In seiner berühmten Enzyklika Pacem
in Terris gründet Johannes XXIII den Frieden auf der "Wahrheit,
Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit". Diese beinahe vierzig Jahre alte
Vision ist im Heiligen Land aktueller denn je. Sie erinnert uns daran, dass
diese Werte untrennbar miteinander verbunden sind. Die aktuelle Situation im
Heiligen Land fordert uns dazu auf, deren Sinn zu vertiefen, um deren
Erfordernisse zu erkennen. Dies gilt für die Zukunft des palästinensischen
und des israelischen Volkes ebenso, wie für die Zukunft der gesamten
Menschheit. Die Theologie hat die Aufgabe, dies wieder und wieder zu sagen. So
kann sie dazu beitragen, aus Jerusalem und dem Heiligen Land keinen
gemeinsamen Friedhof, sondern einen Ort des Lebens für alle zu machen. Man
muss es verstehen, wider alle Hoffnung doch zu hoffen.