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Christen im Heiligen Land

Wer sind wir heute  ?

1. Wir sind 13 traditionelle Kirchen im Heiligen Land:

          Fünf Orthodoxe (griechisch, armenisch, koptisch, syrisch und äthiopisch), Sechs Katholische (römisch katholisch, griechisch, maronitisch, armenisch, syrisch und chaldäisch), und zwei Protestantische (Anglikaner und Lutheraner). Wir haben als Kirchen alle dieselbe territoriale Jurisdiktion in den drei Ländern, Israel, Palästina und Jordanien. Das Lateinische Patriarchat hat darüber hinaus die Jurisdiktion über Zypern.

In den drei Ländern Israel, Palästina und Jordanien beträgt die Zahl der Christen rund 400, 000 – davon die Hälfte in Jordanien, die andere Hälfte in Israel – Palästina.

Alle Katholiken (römisch katholisch., griechisch katholisch, und andere orientalische Riten) sind zusammen 170, 000 Gläubige.

Es gibt rund 600, 000 palästinensische und jordanische Christen in Palästina, Jordanien und in der Diaspora – das sind 12% der palästinensischen und jordanischen Gesamtbevölkerung in Palästina, Jordanien und der übrigen Welt.

2. Neben dieser traditionell arabisch christlichen Präsenz im Heiligen Land (Israel, Palästina und Jordanien) gibt es eine hebräisch sprechende Gruppe: christliche hebräisch sprechende Gemeinden (bestehend aus  Katholiken und Protestanten). An dieser Stelle sei jene große Zahl an Russen erwähnt, die mit verschiedenen Einwanderungswellen nach Israel kamen. Den Datenerhebungen aus israelischen Quellen zufolge, gibt es vier- bis fünfhunderttausend nichtjüdische Russen in Israel. Nichtjüdisch bedeutet, dass sie entweder Christen sind oder christliche Wurzeln haben. Verschiedene, aber begrenzte pastorale Aktivitäten werden an dieser Bevölkerungsgruppe  durchgeführt, entweder durch monastische Einrichtungen in Israel (Trappisten, Benediktiner, Salesianer, Kleine Brüder und Schwestern von Bethlehem vom Hl. Bruno) oder durch Priester, die sich ausschließlich diesem pastoralem Dienst widmen. Gleichzeitig sind jüdische religiöse Organisationen sehr aktiv in der „Judaisierung“ all dieser nicht jüdischen Russen. Außerdem gibt es eine dritte, internationale Gruppe (bestehend aus Arbeitern und Geschäftsleuten), die wahrscheinlich genau so groß ist wie die einheimische christliche Bevölkerung in Israel und Jordanien.

Ich möchte meinen Vortrag auf die arabischen Christen Palästinas und Jordaniens in den drei Ländern Israel, Palästina und Jordanien beschränken.

3. Die Realität in der wir heute leben, hat folgende Charakteristika:

Erstes Charakteristikum, wir sind ein integraler Bestandteil der Arabischen Welt. Manche von uns sind dies nicht; wie zum Beispiel die Armenier. Die Armenier leben   seit langer Zeit in der arabischen Welt, sie sprechen neben ihrer Muttersprache armenisch auch arabisch, und sie haben, als ethnische und christliche Gruppe, ihre Loyalität sowohl zu ihrem Heimatland Armenien, als auch zu dem arabischen Land in dem sie leben, bewahrt.

Diese Nuancen der Unterscheidung erinnern uns daran, dass wir  eine grundlegende Tatsache anerkennen müssen, wenn wir uns mit den Christen des Orients befassen: Wir gehören zur arabischen Welt und folglich auch zur muslimischen Welt. Wir sind Teil dieser Welt, und wir sind von Gott hierher gesandt. Als arabische Christen im Heiligen Land sind wir gerufen, sowohl in unserer arabischen Gesellschaft, als auch in der israelisch jüdischen Gesellschaft, Zeugen für Jesus zu sein. Daher pflegen wir den Dialog mit Muslimen und Juden.

Vor einigen Jahren wurde ein Komiteeins Leben gerufen, das aus Oberhäuptern der drei monotheistischen Religionen besteht. Trotz vieler Hindernisse arbeitet es seither. Es ist ein Versuch der andauern wird, denn wir alle, die Angehörigen dieser drei Religionen, brauchen ihn.

4. Zweites Charakteristikum: die Christen des Heiligen Landes leben in einer Konfliktsituation, dem israelisch – palästinensischen Konflikt. Er besteht in der  Besatzung palästinensischer Gebiete durch israelisches Militär und dem palästinensischen Widerstand gegen diese Besatzung in seinen verschiedenen Formen, gewaltsam und gewaltlos. Dieser Konflikt hat seinen Einfluss auf die ganze Region und auf alle Christen in der Region.

Der Konflikt ist nicht religiöser Natur. Es ist ein politischer und wirtschaftlicher Konflikt zwischen zwei Völkern, in dem religiöse Gefühle sehr präsent sind. Religion wird auch von manchen dazu benutzt, politische Positionen zu rechtfertigen oder um größeren Anreiz für  Streitigkeiten zu geben. Jerusalem befindet sich im Herzen dieses Konfliktes, denn es ist die Heilige Stadt für Juden, Christen und Moslem, und auch das nationale Symbol für Israelis und Palästinenser.

Innerhalb dieses Konfliktes, sind wir, die Christen,  zugleich Palästinenser und auch Christen. Als Palästinenser und Christen nennen wir drei Dinge, die untrennbar zusammengehören. Erstens:  Besatzung ist ein Unrecht, das beendet werden muss. Besatzung muss zurückgewiesen werden. Wir müssen uns an allen notwendigen Opfern beteiligen, um unsere Freiheit zurück zugewinnen und der Besatzung ein Ende zu setzen. Widerstand gegen die Besatzung ist ein Recht und eine Pflicht. Zweitens: der Widerstand kann gewalttätig oder gewaltlos sein. Wir als Christen rufen zu einem gewaltlosen Widerstand auf. Drittens: unsere Position gründet auf  folgenden fundamentalenchristlichen und humanitären Prinzipien: alle Menschen haben vor Gott den gleichen Wert. Sie haben dieselben Rechte und Pflichten. Niemand darf, sei es aus politischen oder religiösen Gründen, dem anderen unterworfen werden. Jeder hat das Recht, in Sicherheit zu leben und die Form seiner politischen Unabhängigkeit zu wählen, Israelis und Palästinenser in gleicher Weise. Deswegen rufen wir zu einem Ende der Besatzung auf, und zur Sorge für das Gemeinwohl, die Sicherheit und den Frieden beider Völker, Israelis und Palästinenser.

5. Die Situation heute:

Im Juli und Anfang August dieses Jahres 2006 herrschte Krieg im Libanon. Seit Monaten gibt es gewaltsame israelische Militäraktionen in Gaza, als Vergeltung für die Gefangennahme eines israelischen Soldaten. Seit dem Jahr 2000 bis heute werden bei täglichen israelischen Militäroperationen  palästinensische Häuser zerstört, Palästinenser gefangen genommen oder getötet. Zur selben Zeit gibt es gewaltsame Vergeltungsschläge seitens palästinensischer Milizen.

Die palästinensische Autonomiebehörde ist stets um Friedensgespräche bemüht. Die Israelis lassen sich Zeit; sie ziehen es vor, mit ihren Repressalien in  den Palästinensergebieten fortzufahren, bis alle Äußerungen der Gewalt ein Ende haben. Sie scheinen es nicht eilig zu haben, wenn es um Friedensgespräche oder Frieden geht.

Der soziale Aspekt dieser Situation: die „Mauer“, die die palästinensischen Städte umgibt, hat diese zu Ghettos und Gefängnissen gemacht. Die „Mauer“ und die israelischen Militär-Checkpoints machen das soziale und wirtschaftliche Leben jedes einzelnen Palästinensers von Tag zu Tag schwerer.

Stimmen, Bewegungen für ein Ende der Gewalt, für die Fortsetzung der Friedensgespräche, gibt es viele in Israel, aber sie  reichen nicht aus, um eine Wende herbeizuführen. Bis jetzt haben jene, die eine Fortsetzung der Gewalt und die gewaltsame Unterdrückung der Palästinenser befürworten, die stärkere Stimme.

Was ist die längerfristige israelische Absicht in diesem Konflikt ? Das ist schwer zu erfassen. Was erklärt wird, ist das Bedürfnis nach Sicherheit. Aber alle Militäraktionen, die bis jetzt unternommen wurden, haben zu mehr Unsicherheit geführt. Was ist die Absicht der internationalen Gemeinschaft ? Das ist noch weniger klar.

Von alldem, was wir bisher erfahren und gesehen haben, können wir sagen, dass es  viele Erklärungen, Analysen, Gespräche und Abkommen in Madrid, Oslo, Camp David gegeben hat, .... aber trotzdem treten wir auf der Stelle: wir sind in ständigem Konflikt, unter Besatzung und leben unter sozialen Bedingungen, die sich Tag für Tag, durch Gewalt, Zerstörung, Tod, Hass, Unsicherheit und ein hartes wirtschaftliches und soziales  Leben verschlechtern.

Was ist zu tun? Mann sollte fest und entschieden auf Friedensverhandlungendrängen, um das Kernproblem des israelisch-palästinensischen Konfliktes zu lösen. Das allein wird Sicherheit bringen und den Dialog zwischen den beiden Völkern wiederbeleben. Es wird darüber hinaus der Region und der Welt Frieden geben.

6.  Unser christliches Leben

Das Lateinische Patriarchat hat in der gesamten Diözese 63 Pfarreien. Die Franziskanische Kustodie des Heiligen Landes betreut 10 davon, die Karmeliten eine. In den übrigen 52 Pfarreien, sowie in den verschiedenen Bereichen des Patriarchats arbeiten 90 Diözesanpriester. Der Klerus ist ziemlich jung. Außerdem haben wir ein blühendes Seminar mit durchschnittlich 2 bis 3 Neupriestern in jedem Jahr.

In jeder Pfarrei hat das Lateinische Patriarchat eine Schule. Diese Schulen widmen sich vor allem der Persönlichkeitsbildung und religiösen Erziehung, dem ökumenischen und interreligiösen Dialog mit den Eltern der Schüler, Berufungspastoral für Diözesanpriester und Priester mehrerer Ordensgemeinschaften. Die Schulen sind sehr wichtig in unserer Pastoralarbeit, und haben daher auch Priorität in finanzieller Hinsicht.

7. Unsere Zukunft als Christen im Heiligen Land
            Viele Studien von westlichen Wissenschaftlern blicken pessimistisch in die Zukunft. Sie sehen uns Christen im Heiligen Land schon nach ein paar Generationen verschwunden. Es hat den Anschein, das sich die christliche Minderheit im letzten Stadium ihres Überlebenskampfes in der muslimisch-arabischen Welt befindet.

Die Emigration setzte bereits im vergangenen  Jahrhundert ein. Heute sind die arabisch-palästinensischen Christen in Lateinamerika, die im 19. Jahrhundert emigrierten, zahlenmäßig weitaus stärker, als in ihrem Heimatland. Dasselbe trifft auf Christen in den Vereinigten Staaten und Kanada zu. Dieselben Gründe, die zur Auswanderung führten, sind derzeit immer noch präsent, nur unter anderen Umständen: ökonomische, soziale Schwierigkeiten, dazu die politische Instabilität.

Manche amerikanische Beobachter oder Kongressabgeordnete, versuchen auf einer mutmaßlichen  Verfolgung der Christen durch die Muslime, als eine der Hauptursachen für die Emigration zu beharren. Es ist richtig, dass in unserer palästinensischen Gesellschaft Schwierigkeiten existieren, der Hauptgrund dafür ist, das die Besatzung die Bildung einer starken öffentliche Autorität verhindert (im Vergleich zu Jordanien, zum Beispiel, wo eine starke Regierung herrscht, treten Zwischenfälle dieser Art nicht auf).
Außerdem haben ein mangelndes Gleichgewicht der Beziehungen zwischen den Völkern auf der internationalen Ebene, die Ungleichheit im Austausch ihrer Güter, der internationalen Kriege und die Einmischung in die Angelegenheiten anderer Völker, in denen sich die muslimische Welt durch das Abendland (= Christen) unterdrückt fühlt, zur Gründung verschiedener muslimischer Widerstandsbewegungen, extremistischer wie gemäßigter, geführt, die einen direkten Einfluss auf die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen haben.

Schlussfolgerung: Unsere Zukunft?
Wir wollen, so gut wir können, leben, wachsen und uns entwickeln. Einige von uns verlassen das Land.  Aber jene, die bleiben, werden leben und wachsen. Als Kirche beharren wir auf unsere Aktivitäten in den Schulen und auf einem authentischen Katechismusunterricht, der im Glauben gründet und durch ein tiefes spirituelles Leben genährt wird, aus dem die Christen ihre Kraft beziehen, um an allen Aktivitäten der Gesellschaft teilzunehmen.

Das bereits existierende Schulsystem ist zahlenmäßig ausreichend. Es muss in katechetischer Hinsicht verbessert werden. Es benötigt verschiedene technische Verbesserungen auf dem naturwissenschaftlichen Sektor, obwohl in den drei Staaten, in denen wir leben, die wissenschaftliche Ausbildung unserer Schulen erwiesenermaßen zu den besten gehört. Was dringend benötigt wird, ist eine Erneuerung des Katechismusunterrichtes, der eine direkte aktive Beziehung zwischen persönlicher Frömmigkeit und der Übertragung dieser Frömmigkeit in wahre Liebe einschließen muss, um dem Aufbau der Gesellschaft in allen Bereichen dienlich zu sein, sei es im Konflikt oder im Frieden, sei es im Tod, im Gefängnis, bei Zerstörung, bei Verweigerung des Widerstandes und bei verschiedenen Schwierigkeiten, die Teil des Lebens in einem politischen und militärischen Konflikt sein können.
Wir müssen qualifizierte Christen vorbereiten, auf die grundlegenden Bedürfnisse ihrer Gesellschaft antworten können, im Dialog zwischen den Religionen, in der Lösung von Konflikten, in den Medien und der Finanzwelt, und manchen wesentlichen neuen Wissenschaften, die für den Aufbau einer neuen Gesellschaft nötig sind.

Damit setzen wir unsere Arbeit fort, unsere Betrachtung und unser Gebet, um getreu unserer Berufung, die Christen im Heiligen Land und jeden Menschen dort, mit unserer christlichen Liebe zu begleiten.

Wir wissen, Sie wissen, das Sie, Mitglieder des Ritterordens vom Heiligen Grab, unsere Partner sind in dieser Berufung  und in dem  Auftrag der Ausbildung  der Christen im Heiligen Land, sowie darin, dem Land des Herrn ein neues Gesicht zu geben, so dass es wahrhaftig für die Welt und für sich selbst ein Land der Versöhnung, des Friedens und der Gerechtigkeit werde.

                                                               + Michel Sabbah, Patriarch
       Linz, 29 September 2006

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