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Patriarch Emeritus

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FOTO: ANDREAS GUTENBRUNNER„Wer tot ist, hat keine Angst mehr vor dem Tod“

Patriarch Michel Sabbah.
Patriarch Sabbah ist Palästinenser und steht seit 1988 der lateinischen (römisch-katholischen) Kirche von Palästina, Israel, Jordanien und Zypern vor. Er setzt sich unermüdlich für Gerechtigkeit und Frieden ein. Der Patriarch ist auch Präsident der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. Am 30. September und 1. Oktober 2006 war Sabbah auf Einladung der Ritter vom hl. Grab zu Jerusalem in Oberösterreich. Das Interview führte Josef Wallner, Redakteur der KirchenZeitung der Diözese Linz. (Es ist eine Zusammenfassung mehrerer Gespräche).

Michel Sabbah, der lateinische Patriarch von Jerusalem, über den israelisch- palästinensischen Konflikt und was Christen in Europa für den Frieden tun können.

Durch den Libanonkrieg ist Palästina etwas aus dem Blickfeld geraten. Wie ist nun die Situation der Palästinenser?
Sabbah: Ganz normal. Normal meint, dass täglich getötet wird, dass täglich Gefangene gemacht werden und täglich Häuser zerstört werden. Das verstehen wir in Palästina unter normal. Die Menschen leiden sehr viel unter dem israelischen Militär. Trotz Verhandlungen von Madrid und Oslo – wir sind immer am selben Punkt: die Palästinenser haben keine Freiheit...
Geschockt durch die Selbstmordattentate hat die israelische Regierung begonnen die Mauer zu bauen, und wenn die Gesellschaft in Israel auch tief gespalten ist – die Befürwortung der Mauer eint sie ….
Sabbah: Mauern schaffen keine Sicherheit. Nur wenn man den Palästinensern Freiheit gibt, wird Israel sicher sein.
Und die Erfahrung mit den Selbstmordattentätern?
Sabbah: Wir verurteilen die Selbstmordattentäter, und auch die Hamas sagt, dass ihre Leute am Leben bleiben sollen. Doch schauen sie auf das Leben der Menschen im Gaza Streifen. 1,25 Millionen Palästinenser – darunter 70 Prozent unter 21 Jahren sind auf engstem Raum eingeschlossen und von allem abgeschnitten – vor allem von der Hoffnung auf Zukunft. Die Leute leben, sind aber in Wirklichkeit tot. Wer tot ist, fürchtet sich nicht vor dem Tod. Es sind tote lebende Leute.
Sehen Sie irgendeine Richtung, in die sich der Konflikt bewegt?
Sabbah: Wir wissen nicht, was die Israelis wollen. Es schaut aus, als ob es keine Hoffnung gäbe, gleichzeitig gibt es Stimmen, die Frieden wollen.
Gibt es eine realistische Chance auf Frieden?
Sabbah: Die Gewalt der Palästinenser ist nur eine Ausrede für die Israelis. Auch wenn die Hamas Israel anerkenne würde, würde es keinen Frieden geben. Die Israelis stoppen die Gewalt nicht, täglich gehen sie nach Palästina, verhaften, töten und zerstören Häuser. Trotz allem: Eine Lösung ist möglich ist, wenn man will. Es geht um den Willen. Alle Probleme lassen sich lösen: das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge, der Status von Jerusalem, die Siedlungen. Doch zur Zeit ist kein Wille da. Nicht der Friede ist kompliziert, der Wille fehlt.
Kann Europa, können Menschen in Europa etwas beitragen, dass wieder mehr Wille zu Frieden entsteht?
Der Konflikt ist nicht nur unser Konflikt, ist nicht nur eine Angelegenheit zwischen Israel und Palästina: Es ist auch Euer Konflikt, weil er im heiligen Land stattfindet. Christen sind verpflichtet etwas für die Versöhnung zu tun.
Und was?
Wir brauchen Leute, die von beiden Seiten gehört werden. Wir brauchen Menschen, die mit Israelis und Palästinensern befreundet sind. Sie müssen den Palästinensern sagen: Ihr braucht einen Staat, aber der Weg dazu führt nicht über Selbstmordattentate. Sie müssen den Israelis sagen: Mit dem Militär kann man Kriege gewinnen, aber keinen Frieden. Die Israelis haben seit 1948 alle Kriege gewonnen, aber leben weiterhin in Angst.
Nach der Regensburg-Rede des Papstes ist es zwischen muslimischen und christlichen Palästinensern zu Spannungen gekommen?
Wir sind ein Volk: Christen und Muslime sind in gleicher weise Palästinenser, und es stimmt nicht, dass Christen in Palästina verfolgt werden. Nach der Ansprache des Papstes in Regensburg habe ich mit Abu Mazen, (dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas) telefoniert und er hat mir umgehend zugesichert: Habt keine Angst, wir schützen euch. Einige Kirchen wurden aber beschädigt, in Nablus zum Beispiel, von vier stadtbekannten jugendlichen Unruhestiftern. Doch die palästinensischen Autoritäten unterstützen uns.
Dennoch gibt es auch im alltäglichen Zusammenleben in Palästina Probleme zwischen Christen und Mulsimen…

Sabbah: Im großen und ganzen haben die Leute gute Beziehungen, aber in jeder Gesellschaft, wo es eine Mehrheit und eine Minderheit gibt, religiös oder nicht religiös, kommt es zu Problemen. Wir sind keine Engel, die Moslems sind keine Engel – aber die Probleme sind zu lösen. Erschwerend ist aber wirklich, dass wir zur Zeit keine staatliche Autorität haben.
Der israelisch-palästinensische Konflikt ist ohne Religion nicht zu verstehen …
Sabbah: Das ist der tiefste Grund des Konflikts: dass Gott in besonderer Weise in Jerusalem anwesend ist. Wir Christen respektieren die Erwählung des Judentums, wir respektieren, dass Jerusalem den Muslimen heilig ist – Jerusalem gehört allen: Juden, Christen und Muslimen. Die Wahrheit ist: Gott will, dass Jerusalem Stadt Gottes wird, eine Stadt der Erlösung und des Friedens, und zwar für alle Menschen in der Welt. Gott steht über den Religionen, über Islam, über Judentum und Christentum, niemand kann für sich exklusiv Jerusalem in Anspruch nehmen. Wenn ich Gott gegen meinen Nachbarn einsetze, dann bin ich kein Christ.

Linz 01/10/2006

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