stemma logo

Patriarch Emeritus

Pastoral Letters

 

Archives

 

 

 

Weihnachtspredigt 2006

Brüder und Schwestern

Frohe und gesegnete Weihnachten!
1. Euch Bewohnern dieser Heiligen Stadt Bethlehem, Euch allen, die Ihr uns in den Gebieten unseres Patriarchates in Palästina, Israel, Jordanien und auf Zypern treu seid, allen Bewohnern des Heiligen Landes, Juden, Drusen, Muslimen und Christen, allen arabischen Ländern und allen Christen in der ganzen Welt wünsche ich aus Bethlehem frohe und durch den Segen des Weihnachtsfestes geheiligte Tage!

Ich heiße Präsident Mahmoud Abbas und seine Begleiter herzlich willkommen. Wir bitten Gott, dass er euch Weisheit und Mut verleihe, um in den schwierigen internen Spannungen, in denen wir leben, eure Aufgaben zu erfüllen und in naher Zukunft die Tage der Gerechtigkeit zu sehen, von denen der Prophet sagt: „In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich für David einen gerechten Spross aufsprießen lassen. Er wird für Recht und Gerechtigkeit sorgen im Land... Jerusalem kann in Sicherheit wohnen.“ (Jer 33,15-16)

2. Ja, Brüder und Schwestern, trotz dieser schwierigen Situation, die sich durch unsere inneren Auseinandersetzungen noch verschlechtert hat, wird es wieder Weihnachten. Mit all dem wollen wir zusammen über die Worte des Heiligen Paulus nachdenken, die er uns in seinem Brief an die Philipper schreibt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit“, denn „die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten“ (Tit 2,11): das „Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).

Paulus fügt hinzu: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt“, soll mit allen gelebt sein, ohne Ausnahme und in allen Situationen: in den Gemeinden, in der Stadt, in Euren Beziehungen zwischen den verschiedenen Kirchen und den verschiedenen Religionen.

Und der Apostel fügt für uns in unserer schwierigen Situation hinzu: „Sorgt euch um nichts“. Alle Sorgen, die von der Besatzung und ihren Konsequenzen herrühren, die Mauer, das Fehlen der Freiheit, die Arbeitslosigkeit, das durch Unterdrückung leidende Gemeinschaftsleben, die durch Militärgesetze getrennten Familien, die seit kurzem hinzukommenden inner-palästinensischen Auseinandersetzungen... mit all dem „sollt ihr euch keine Sorgen machen“. Diese Worte sagen, dass ihr stark bleiben sollt, euch nicht unter der Last beugen lassen sollt, wissend, dass im Leben eines jeden Gläubigen an jedem Tag Weihnachten ist. An jedem Tag und in jedem Ereignis wird die Güte Gottes in jedem Gläubigen geboren, der seine Gnade annimmt. Mit dieser Gnade kann er allen Sorgen ins Gesicht sehen. „Sorgt euch um nichts“: Diese Aufforderung will sagen, dass die Sorgen kein Anlass sein sollen, euch zum Bösen zu verleiten und euch vergessen lassen, dass ihr das Böse mit dem Guten besiegen könnt und  dadurch mit der euch geschenkten Güte Gottes das Böse durch das Gute begleichen und es durch euern Widerstand beenden könnt. So könnt ihr Leben schaffen und nicht Tod, Gerechtigkeit und nicht die Aufrechterhaltung der Besatzung. So könnt ihr ein Ende der Besatzung schaffen, statt sie auf euch lasten zu lassen.

Die Konsequenz der Güte ist Frieden: „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren“ (Phil 4,7).  Der Friede Gottes übersteigt alles Verstehen, weil er von Gott kommt. Er übersteigt alles Verstehen, ist aber die Quelle des Lebens in den Sorgen dieser Welt. Er kann Streitende zweier Parteien auf Wege wahren Friedens zurückführen.

3. Dieser geistliche Weg, der vom Apostel Paulus beschrieben wird, ist sicherlich nicht der Weg, der in weltlichen Konflikten befolgt wird, ebenso nicht in dem Konflikt, der uns seit Generationen im Heiligen Land spaltet. Trotzdem ist die Menschheit und jeder Mensch dazu aufgerufen, sich die geistlichen Wege bewusst zu machen, um Licht und Weisheit zu finden, die uns aus der Einbahnstraße des Todes herausführen. Alle sind eingeladen, ihr Gewissen zu prüfen und sich dem Licht der Güte zuzuwenden, das Gott einem jeden von uns schenkt. Alle, auch die politischen Führer, die Feinde auf beiden Seiten, die Milizen, die Extremisten und Terroristen... Alle, die sagen, dass sie im Namen Gottes sprechen, dass sie Frieden wollen, sie sind alle eingeladen, ihr Gewissen zu prüfen, um auf einen neuen Weg zu gehen, der das Blutvergießen und Morden und in diesen Tagen auch die neuen internen Auseinandersetzungen beendet. So kann es Frieden geben und jeder Mensch wird seine Würde wieder erlangen, ohne weiterhin Blut zu vergießen. Dies gilt für die Palästinenser in ihren internen Kämpfen oder das israelische Militär, das weiterhin Palästinenser in ihren Städten tötet.

4. Der Konflikt in diesem Land dauert schon zu lange. Es ist Zeit, dass alle Verantwortlichen, die unser Schicksal hier auf Erden in ihren Händen halten, und die verantwortlichen Palästinenser und Israelis und die Vereinten Nationen sich dafür einsetzen, dass die lange Zeit des Mordens in unserer Geschichte ein Ende hat und eine neue Phase der Geschichte des Heiligen Landes anbricht. Dies ist es, was wir brauchen!

Von Bethlehem aus sagen wir allen Christen in der Welt: Frohe und gesegnete Weihnachten! Wir brauchen eure Gebete und eure Tatkraft, um eine neue Epoche unserer Geschichte zu beginnen. Viele fragen nach Neuigkeiten von uns, nach unseren schweren Prüfungen. Sie machen sich Sorgen um unsere Zukunft und unser baldiges Verschwinden in diesem Land. Die einen sehen uns in Gefahr, wegen unserer Beziehungen zu den Muslimen. Andere sehen uns zwischen zwei Mehrheiten erdrückt, den Muslimen und Juden. Ja, die Situation von Mehrheit und Minderheit macht Probleme. In unseren Beziehungen zwischen Muslimen und Christen haben wir noch kein perfektes Gleichgewicht erreicht, aber es werden viele Anstrengungen unternommen, um eines Tages die gewollte Stabilität zu erreichen. Aber die Frage der Christen im Heiligen Land ist heute nicht an erster Stelle eine Frage nach einer Minderheit zwischen zwei Mehrheiten und ebenfalls nicht eine Frage nach Beziehungen zwischen Christen und Muslimen. Die Frage der Christen und ihres Schicksals hat heute vielmehr mit dem lang andauernden Konflikt zu tun. Die wahre Gefahr, die heute unsere Präsenz und unsere Zukunft als Christen im Heiligen Land bedroht und einige unter uns zur Emigration bewegt, ist ganz einfach die Frage nach der alle bedrohenden politischen Instabilität, die Frage nach der Besatzung und all ihren Konsequenzen. Wer wirklich an unserem Schicksal interessiert ist und uns helfen will, findet dort das Feld, auf dem er zum Handeln eingeladen ist: politische Stabilität, Gerechtigkeit, Frieden, das Ende der Besatzung und Versöhnung. Helfen sie den beiden Völkern eine neue Ära des Friedens, der Gerechtigkeit und der Versöhnung in der Region zu beginnen, damit die Zukunft der Christen gesichert ist.

Es stimmt, dass wir in diesen Tagen Zeugen einer neuen Entwicklung im Konflikt sind: die Kämpfe zwischen den Palästinensern. Dies ist noch eine zusätzliche Gefahr für uns, wie auch für alle anderen. Weihnachten sagt uns: Frieden! Jeder ist eingeladen, in seinem Bruder die Würde zu sehen, die ihm Gott geschenkt hat. Gegen meinen Bruder und jeden Bruder Position zu beziehen, bedeutet gegen Gott Position zu beziehen, der meinen Bruder geschaffen hat und auch mein Schöpfer ist. Weihnachten sagt: Legt die Waffen nieder! Macht vom Dialog und eurer Vernunft Gebrauch! Der Bruderkrieg ist kein Weg zur gewollten Freiheit, sondern ein Weg, der zu mehr Tod, mehr Verwirrung und neuer Versklavung führt, die wir uns selbst auferlegen.

5. Wir bitten in dieser Heiligen Nacht für alle unsere arabischen Länder, vor allem die, die eine schwere Zeit durchstehen: der Libanon und der Irak. Wir bitten um Frieden für alle Menschen, um Weisheit und die Gabe, in jedem Menschen Gottes Liebe für ihn zu sehen. Wir bitten für die Gefangen, dass Gott ihnen die Freiheit schenke und sie zu ihren Familien zurückführt. Wir bitten für alle, die leiden, für die Kranken und für die, die die Freude am Leben verloren haben. Möge die Freude des Weihnachtsfestes ihre Herzen erfüllen mit einem Verständnis von dem Gott, der die Menschen liebt und einem jeden in seinen Prüfungen beisteht. Wir bitten Gott, dass er uns allen diese Gnade zu Teil werden lässt: als Friedensstifter zu leben, nicht Stifter des Krieges, Leben zu schenken und nicht den Tod, die Gnade des Weihnachtsfestes jeden Tag in unserem Herzen zu tragen. Amen.

+ Michel Sabbah, Patriarch

 

Home Page