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 Weihnachtsbotschaft 2006  

 1. Ich wünsche Ihnen allen Frohe Weihnachten.

Brüder und Schwestern in Palästina, Israel, Jordanien und Zypern. Ich wünsche Ihnen allen Freude, Gelassenheit, Ruhe und Frieden. In diesem Jahr kommt Weihnachten nach Bethlehem erneut in einer Situation von Gewalt und Frustration, mit Mauer und Kontrollposten, sowohl physisch als auch in den Herzen. Die Besatzung und der Entzug von Freiheit auf der einen Seite und Angst und Unsicherheit auf der anderen, gehen weiter. Gaza bleibt ein großes Gefängnis, ein Ort des Todes und der Zerwürfnisse unter den Palästinensern. Selbst Kinder sind dort umgebracht worden. Und alle, auch die internationale Staatengemeinschaft, sind nach wie vor unfähig, den rechten Weg zu Frieden und Gerechtigkeit zu finden. Die Angst vor der Zukunft hat die ganze Region eingenommen: Irak, Libanon, Syrien, Ägypten, Jordanien. Für alle steht die Zukunft auf dem Spiel. In all diesen offenen Wunden findet der weltweite Terrorismus reichlich Nahrung.

2. Dieses ist unser Blick von Bethlehem aus auf Weihnachten. Und dennoch ist die Weihnachtsbotschaft eine Botschaft des Lebens, des Friedens und der Gerechtigkeit. Der Prophet Jeremias sagt: „In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich für David einen gerechten Spross aufsprießen lassen. Er wird für Recht und Gerechtigkeit sorgen im Land. (...) Jerusalem kann in Sicherheit wohnen“ (Jer 33,15-16). Und Jesaja weitet seine Vision auf alle Nationen aus: „Der Herr bringt Gerechtigkeit hervor und Ruhm vor allen Völkern“ (Jes 61,11). Der Heilige Paulus seinerseits sagt uns in den zweiten Lesungen des Advents, dass der Weg zu Gerechtigkeit und Frieden nur über Nächstenliebe und Heiligkeit geht: „Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen (...), damit euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott“ (1 Thess 3,11).

Zudem hat die Kirche uns seit dem ersten Adventssonntag die Person Johannes des Täufers vor Augen gestellt, den Vorläufer Christi. Er predigte Buße, und die verschiedenen Volksgruppen kamen, um ihm zuzuhören und ihm Fragen über die Wege zur Umkehr und zum neuen Leben zu stellen. Selbst die Soldaten fragten ihn, was sie tun müssten, um gerettet zu werden: „Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!“ (Lk 3,14) 

3. Ein Leben in Bethlehem und seiner Umgebung ist heute sehr schwer zu ertragen, trotz der zahlreichen Solidaritätsbekundungen aus dem In- und Ausland. Ja, wir brauchen diese Solidarität und wir sind dankbar für die geschwisterlichen Botschaften, die wir aus der ganzen Welt erhalten haben. Aber unsere fundamentalsten Bedürfnisse sind Friede, Gerechtigkeit, Freiheit und das Ende der Besatzung. In diesem Punkt jedoch scheint die Welt ohnmächtig zu sein. Wir jedoch sagen: Jeder und alle, auch Soldaten und politische Führer, haben die Fähigkeit, Liebe, Heil und Leben zu schenken. Dafür jedoch bedarf es einer Bekehrung – vom Tod zum Leben, vom Bild des anderen als Feind und Mörder zu der Einsicht, einen Bruder und Lebensspender vor sich zu haben. 

Unsere politischen Führer müssen ebenfalls den Täufer fragen: „Und wir, was müssen wir tun, um das Heil für uns zu finden und für jene, die ihr Schicksal in unsere Hände gelegt haben?“ Auch sie müssen dieselbe Antwort hören: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!“ (Lk 3,14). 

Mögen sie die Stimme der Unterdrückten in diesem Heiligen Land hören, die Stimme derer, die gestorben sind und die jener, die weiterhin von Tod und Demütigung bedroht sind, denen Unrecht geschieht, um die Sicherheit der anderen Partei zu gewährleisten. 

Bethlehem sollte die Stadt des Friedens sein. Unglücklicherweise ist sie nun zum Gegenteil geworden, zu einer Stadt von Konflikt und Tod.

Das Leben und der Friede wären jedoch möglich und sogar leicht zu finden, wenn die Verantwortlichen den aufrichtigen und entschiedenen Willen dazu hätten. Das Heil liegt in der Annäherung der beiden Völker, nicht in ihrer Trennung. Hier liegt das Heil für Palästinenser und für Israelis, sowie für die ganze Region. Die beiden Völker sind fähig, gemeinsam in Frieden und Ruhe zu leben. Dann werden Tod, Mord, Rache, Ablehnung und Extremismus in dem Maße verschwinden, in dem sie keine Nahrung mehr durch Unterdrückung, Besatzung, Armut und Demütigungen finden. 

4. Weihnachten bringt der Menschheit die Freude. Es verkündet allen das Heil, und besonders jenen, die in Bethlehem und seiner Umgebung leben, Palästinensern und Israelis. „Lasst uns nach Bethlehem ziehen“, um zu sehen, was dort geschehen ist und was dort weiterhin geschieht (vgl. Lk 2, 15). Was sagt uns die Mauer heute, was sagen uns die Bewohner Bethlehems heute? Lasst uns nach Bethlehem gehen, damit auch wir hören, wie die Engel den Frieden auf Erden verkünden – Frieden für jeden Menschen guten Willens, Frieden für alle, die nach aufrichtiger Brüderlichkeit verlangen, die sich jedem Hass und jeder Feindschaft entgegenstellen. So werden wir in der Annäherung der beiden Völker sowohl Sicherheit als auch das Ende der Besatzung und damit die Freiheit finden. 

Für Sie alle, Brüder und Schwestern, bitte ich Gott, dass Sie die Weihnachtsbotschaft hören und leben mögen, die Botschaft des Friedens, der Freude und des neuen Lebens. 

+ Michel Sabbah
Lateinischer Patriarch von Jerusalem
Jerusalem, 20. Dezember 2006

 

 

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