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Patriarch Emeritus

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Pfingsten 2007

Predigt

Heute Morgen sind wir hier in Jerusalem im Heiligen Geist versammelt, in unmittelbarer Nähe des Obergemachs, in dem das erste Pfingsten stattfand, um zu beten, um zu danken und um unser Gebet zu erheben für unsere Kirchen, für unsere Gläubigen und für alle Einwohner dieser heiligen Stadt – jedweder Religion und Nationalität. Für sie alle bitten wir, dass der Heilige Geist, den Jesus seinen Aposteln sandte, unsere Herzen erfülle und uns in den Schwierigkeiten des Miteinanders in dieser Stadt leite.

Wir haben uns auch hier versammelt, um neun jungen Menschen das Sakrament der Firmung zu spenden. Sie werden auch sie, mit der ganzen Kirche Jerusalems, Träger des Heiligen Geistes in dieser Stadt sein.

Auch wir sind aus verschiedenen Ländern, von verschiedenen Kirchen und Religionen, wir sprechen verschiedene Sprachen und es fällt uns nicht immer leicht, einander als Brüder und Schwestern zu sehen, als Söhne und Töchter des selben Gottes, des Schöpfers und Vaters aller. Aber gerade von dieser unseren kleinen Gemeinde wünscht der Heilige Geist, daß wir hier in Jerusalem heute und jeden Tag einem jeden, ganz gleich welcher Kirche oder Religion er angehören mag, verkünden: wir sind und können Brüder und Schwestern sein. In einem Umfeld von Tod und Haß, eines wachsenden Extremismus, der trennt, haßt und tötet, sagen wir: Gott hat uns aus allen Kirchen, Religionen und Ländern gerufen, Brüder und Schwestern zu sein. Und mit seinem Ruf schenkt Er auch die Gnade.

In der Apostelgeschichte heißt es, daß am Pfingsttag „fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel“ (Apg 2,5) in Jerusalem waren. Auch heute leben hier in Jerusalem fromme Menschen aus allen Nationen, aus allen Religionen - Menschen guten Willens - aber ihre Stimme wird oft erstickt von denen, die meinen, dass der Tod der einzige Weg zum Leben ist.

Der Geist Gottes, der am Pfingsttag auf die Apostel herabkam ist auch heute in unserer Mitte gegenwärtig. Und das nicht nur unter uns Gläubigen hier in dieser Versammlung, sondern auch in dieser heiligen Stadt mit all ihren Einwohnern und in jedem Werk zugunsten des Lebens und der Würde der menschlichen Person. Denn der Geist Gottes läßt sich nicht beschränken auf diejenigen, die ihn empfangen. Er ist der Geist, der allen Leben schenkt und das Angesicht der Erde erneuert. Alle, Gläubige wie Ungläubige sind ausersehen als Empfänger des neuen Lebens, das der Geist Jesu bringt.

In der 2. Lesung der heutigen Lesehore spricht der heilige Irenäus vom Heiligen Geist, der „allen Menschen den Eingang zum neuen Leben öffnet“. Er vergleicht den Geist mit „ dem Tau des Herrn“ den wir brauchen, „damit wir nicht vom Feuer verzehrt und unfruchtbar werden“ durch unseren Haß und unsere todbringenden Entscheidungen.

„Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2, 4) In fremden Sprachen zu reden – das ist das Charakteristikum der Universalität und die Fähigkeit, alle anzunehmen, und mit allen zu kommunizieren. Eine solche Universalität ist auch allen noch so schwierigen Situationen gewachsen. Sie befähigt, jede menschliche Person anzunehmen und zu lieben, ob gläubig oder ungläubig, ob von meiner oder einer anderen Religion.

Unsere Kirchen benötigen das neue Leben, das der Geist schenkt, um zuerst in Jerusalem für Jesus Zeugnis abzulegen, und von Jerusalem aus bis an die Enden der Erde. Er hat uns an diesen Ort gerufen, wie damals die Apostel. Die Berufung der Kirche Jerusalems, und demnach jedes einzelnen von euch, die ihr gerufen seid, hier zu leben, ist es, aus Pfingsten ein Ereignis zu machen, welches das alltägliche Leben aller Menschen erneuert. Unsere Berufung ist schwierig, wie die unseres Meisters. Sie besteht darin, unserer kleinen Schar von Gläubigen zu verkünden, daß der Geist Gottes nicht auf die Quantität schaut, sondern auf unsere Bereitschaft, Ihn zu empfangen. Unsere Berufung ist es, einander zu lieben wie die erste Gemeinde dieser heiligen Stadt, und durch diese Liebe immerzu offen zu bleiben für den Heiligen Geist. Das ganze Land braucht den Heiligen Geist, braucht das neue Leben, das Er schenkt, ein Leben in Gerechtigkeit, Frieden und Sicherheit. Dies ist der Dienst, den die Kirchen diesem Land erweisen müssen.

Denn der Lebensrahmen, den unsere politischen Führer uns bieten, ist geprägt von Ratlosigkeit und Schwäche. Ungerechtigkeiten dauern an und provozieren eine Atmosphäre der Gewalt, die jeden Tag schlimmer wird und allein den Extremisten dient. Unsere politischen Führer stehen alleine da, ohne Gott, in der Stadt Gottes, und legen das Heil ihrer Völker in ihre eigenen Kräfte, in Macht, Armee, Haß und Extremismus. Die frommen Menschen Jerusalems, die Gläubigen dieser Stadt aus allen Religionen können in Demut und Stille den Geist Gottes gegenwärtig setzen. Sie können die Verantwortlichen von ihrer Ratlosigkeit und Schwäche befreien und ihnen den Weg des Lebens für die Völker dieses Heiligen Landes und dieser Region zeigen.

Es braucht Männer des Mutes, die bereit sind, ihren Posten und vielleicht auch ihr Leben zu opfern, damit die Leute, die sie gewählt haben, leben können. Nur ein solcher Mut wird Lösungen für den Gordischen Knoten dieses langen Konfliktes zwischen den Bewohnern dieses Landes finden können. Es ist das Land Gottes, das Land des Geistes und nicht nur Land der Menschen.

Der Heilige Paulus ruft uns dies in der 2. Lesung aus dem Brief an die Römer ins Gedächtnis (Röm 8, 8 – 17). „Der Geist Gottes wohnt in euch“ sagt er, und das ist für jeden von uns gültig. Und er fügt hinzu: „Denn alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so daß ihr euch immer noch fürchten müßtet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ Der Geist befreit uns und schenkt uns Leben.

Wir zählen auch auf das Gebet Jesu, der immer, in jedem Augenblick der Geschichte bei uns ist: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit.“ (Joh 14, 16 – 17)

Brüder und Schwestern, wir begrüssen heute junge Menschen in unserer Gemeinde, die auch den Heiligen Geist empfangen werden. Sie werden zu Trägern des Heiligen Geistes in ihren Familien, in ihren Schulen, unter ihren Kameraden und Freunden, aber auch im ganzen Heiligen Land. Sie sind neue Träger des Geistes der Freiheit, der Wahrheit und neuer Kraft, die sich auf die Liebe stützt und die dieses Land so sehr braucht. Beten wir, daß sie dem Geist des Lebens, den sie heute empfangen, treu bleiben können. Beten wir für ihre Eltern, daß sie sie leiten und ihnen helfen, den Geist Gottes in ihnen zu bewahren. Beten wir für die ganze Stadt Jerusalem, für das Heilige Land, Israelis und Palästinenser, Juden, Christen und Moslems, daß alle in dieser heiligen Stadt den Geist Gottes erkennen und ihm folgen mögen. Amen.

Michel Sabbah, Patriarch
Jerusalem, 27 Mai 2007

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