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Patriarch Emeritus

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Hirtenbrief
Seiner Seligkeit Patriarch Michel Sabbah
Lateinischer Patriarch von Jerusalem 

Die Zeit meines Aufbruchs ist nahe...
ich habe den Lauf vollendet, die Treue gehalten“

(2 Tim 4, 6 - 7)   

1. März 2008

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EINLEITUNG 

An meine Mitbrüder im Bischofsamt,
an die Priester, Ordensleute, Diakone
und alle vielgeliebten Gläubigen

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus“ (1Kor 1,3).

Da das Ende meines Dienstes im Amt des Patriarchen näher rückt und wir auch gemeinsam auf Ostern zugehen, richte ich diesen Brief an Euch. Die Fastenzeit ist immer eine Gelegenheit zur Erneuerung, zur Umkehr zu Gott, und Ostern lädt uns ein, mit Christus zu sterben, um auch mit Ihm zu leben. Ich wünsche Euch allen eine gnadenreiche Fastenzeit, erfüllt von neuem Leben im Angesicht Gottes, für Euer eigenes Wohl und das Wohl all derer, denen Ihr dient. Ich wünsche Euch ein Osterfest, an dem jeder von Euch zum „Neuen Menschen“ wird, erlöst und versöhnt mit Gott und mit den Menschen.
Ich richte diesen letzten Hirtenbrief an Euch, um Gott und jedem einzelnen von Euch zu danken. Ich möchte in diesem Brief auch einige Grundzüge des Lebens eines Gläubigen in diesem Heiligen Land, in der Diözese und in der gesamten Gesellschaft aufzeigen.
Am 19. März 2008 vollende ich mein 75. Lebensjahr und erreiche somit das in der Tradition der Kirche festgesetzte Pensionsalter. Ich lege meine Sendung voll Dankbarkeit für das mir geschenkte Vertrauen in die Hände des Heiligen Vaters zurück, der mir diese vor 20 Jahren anvertraut hatte. Ich danke Gott für all die Gnaden, die Er mir in meinem Dienst als Patriarch und als Priester gewährt hat. Mit dem heiligen Paulus kann ich sagen: „Die Zeit meines Aufbruchs ist nahe...ich habe den Lauf vollendet, die Treue gehalten.“ (2 Tim 4, 6 - 7), auch wenn mein Lauf noch nicht ganz vollendet ist und das Ende in der Zeit Gottes liegt. Ich gehe in Pension und lege also alle administrative Verantwortung nieder. Aber mein Gebet und mein Weg im Mysterium Gottes in diesem Heiligen Land dauern fort. Ich werde auch weiterhin die Leiden und Hoffnungen der Männer und Frauen dieses Landes, der Gläubigen aller Religionen, die es bewohnen, begleiten.
Ich danke Gott für all die Menschen, denen ich in dieser Zeit begegnen durfte, Menschen aus diesem Heiligen Land oder aus den zahlreichen Kirchen der Welt. Da die Kirche Jerusalems die Mutterkirche ist, da sei klein und in Not ist, und da sie immer am Kreuz ist, erreichten uns zahllose Botschaften und Pilger aller Kirchen, darunter auch an erster Stelle Botschaften der Kirche von Rom und des Heiligen Vaters, der uns bei zahlreichen Gelegenheiten seine Liebe, seine Solidarität und seine konstante Position bezüglich dieses Landes, seiner Kirchen und seiner zwei Völker ausdrückte. Die Wallfahrt Papst Johannes Paul II im Jahr 2000 war für uns die Krönung der Präsenz der katholischen Kirchen. Wir hoffen, daß die erwartete Wallfahrt S.H. Papst Benedikt XVI die Hoffung der Menschen in diesem Land erneuern wird, und den Kirchen, den Gläubigen aller Religionen, sowie den politisch Verantwortlichen dieses Landes eine neue Vision von Vergebung, Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden schenke. Auch zahlreiche ökumenische Delegationen und Pilgerfahrten aus verschiedenen Ländern, allen voran der Weltkirchenrat, kamen, um unsere Nachrichten zu erfahren, um uns anzuhören, und durch ihren Glauben und ihre Liebe unseren Glauben zu stärken.
Seit 1998 versammeln sich mit der Zustimmung des Heiligen Stuhls die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt oder ihre Vertreter zu einem jährlichen Treffen im Monat Januar, um in Jerusalem und mit der ganzen Kirche Jerusalems über alle pastoralen, politischen und sozialen Aspekte des Lebens unserer Kirche nachzudenken und zu beten. Ihnen allen möchte ich heute meine Dankbarkeit aussprechen.

I
Ein Blick auf meinen Dienst im Amt
des Patriarchen

Dankbarkeit
1.         Ich danke all jenen, die sich dem Dienst der Diözese widmen, allen voran dem Nuntius als ständigen Vertreter des Heiligen Vaters, den Bischof Coadjutor, den Weihbischöfen und Generalvikaren in Jerusalem, Palästina, Jordanien und Israel, bei der hebräischsprachigen Gemeinschaft und in Zypern. Ich danke allen Priestern und Angestellten, die mir bei den verschiedenen Diensten der Kurie direkt zur Seite gestanden sind. Ich danke jedem einzelnen Pfarrer für seine Treue und seine Hingabe in seiner Pfarre. Gemeinsam haben wir uns bemüht, in dem Weinberg des Herrn zu arbeiten, den die Kirche uns anvertraut hat.
Ich danke vor allem der Gruppe von Priestern des Patriarchats und von verschiedenen Ordensgemeinschaften, die 20 Jahre lang den Treffen der theologischen Kommission treu blieben, um die Ereignisse des öffentlichen Lebens in diesem Land durch ihr Gebet und ihr Nachdenken zu begleiten. Sie haben so beigetragen, die Position der Kirche zu definieren, insbesondere bezüglich des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern, der weiterhin das Leben der Diözese in Israel, Palästina und Jordanien prägt. Mit dieser Kommission habe ich meine Hirtenbriefe schreiben können. Ich danke ihnen und bitte Gott es ihnen zu vergelten.
Ich grüße alle Gläubigen in allen Teilen der Diözese. Ich danke ihnen für ihr Gebet und ihre Liebe in dieser Zeit meines Dienstes. Für alle erflehe ich die Fülle der Gnaden Gottes. Ich grüße die hebräischsprachige Gemeinschaft. Ich begleite sie mit meinem Gebet und wünsche ihr den Wachstum im Glauben, den Gott für sie vorsieht, damit sie in der israelischen Gesellschaft Zeuge Jesu sei, und mit der gesamten Kirche im Heiligen Land ein Träger der Versöhnung sei in dem Konflikt, der dieses zerreißt, Versöhnung, gegründet auf Vergebung, Gerechtigkeit, Frieden und Gleichheit für alle.

Im Dienst der Weltkirche
2.         Ich danke all jenen, die in der Kirche von Jerusalem und in ihrem Namen Dienste für die Weltkirche erfüllen: den biblischen Studienzentren, den Zentren ständiger Fortbildung, ebenso wie den Seminaren, die neben unserem eigenen diözesanen Patriarchatsseminar, hier Priester für die Weltkirche und für die Ortskirche ausbilden.
Auch der Empfang der Pilger aus den Kirchen aller Welt ist ein wichtiger Dienst, der von zahlreichen Ordensgemeinschaften ausgeübt wird. Dieser Dienst sollte entwickelt werden. Die Pilgerfahrten sollten einerseits ein Weg der Heiligung für den Pilger sein, der das göttliche Geheimnis an den heiligen Stätten berührt, andererseits sollten sie dem Pilger aber auch ermöglichen, den Menschen zu begegnen, die in diesem Land leben, Menschen aller Religionen, aber vor allem der christlichen Gemeinschaft, die die heiligen Stätten mit lebendigem Glauben umgeben.

Die Kustodie des Heiligen Landes
3.         Unter den Ordensgemeinschaften ist die der Kustodie des Heiligen Landes geschichtlich gesehen am längsten hier und besonders verdienstvoll. Die Franziskaner sind seit dem XIII. Jahrhundert in diesem Land, und seit damals beten sie hier und geben hier ihr Leben hin. 1342 hat ihnen der Heilige Stuhl diese Aufgabe formell anvertraut. Von Anfang an haben sie der Bevölkerung von Ort gedient, Pfarren und Schulen geschaffen, die es heute noch gibt. Wir können ihnen nur danken und all das Gute anerkennen, das sie in ihren Heiligtümern, Pfarrkirchen, Schulen und sozialen Werken den Männern und Frauen aller Religionen erwiesen haben. Neben all dem Guten gibt es hier ein Bedürfnis nach Erneuerung, zugunsten einer besseren Eingliederung in die Diözese und einen Dialog mit der Diözese bezüglich einer besseren „Inkarnation“ in der Kirche Gottes, der sie dienen.

Die Ordensleute
4.         Ich danke den Ordensfrauen und - männern. Ihre Gegenwart in unserer Diözese spielt eine wichtige Rolle. Manche sind direkt in Pfarren, pastoralen Aktivitäten, Schulen oder soziale Werke eingebunden. Andere sind von ihrer Berufung her im Dienst der Weltkirche, wie schon oben erwähnt, in den biblischen Studienzentren Jerusalems, die Weltruf genießen, in den Zentren ständiger Fortbildung, und im Empfang und der Begleitung der Pilger aus allen Kirchen. Durch die universelle Berufung all dieser Institutionen hat ein Teil ihres geistlichen und intellektuellen Reichtums auch einen lokalen Aspekt und dient allen Diözesen der Kirche Jerusalems.
Die kontemplativen Männer- oder Frauenklöster sind ein Segen für die Diözese und das Land. Sie sind hochgelegener Stätten des Gebetes. Sie müssen immer mehr zu Orten der Schulung zum Gebet werden, ein Gebet, das den Glauben der Menschen vertieft und stärkt und sie lehrt, besser zu dienen und ihrer Gesellschaft treuer zu sein.

Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem
5.         Ich danke dem Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem, dem Großmeister, dem General-Gouverneur und allen Statthaltern, die ich in den 20 vergangenen Jahren kennenlernte, für ihre Liebe und ihre Unterstützung für das Patriarchat, seinen Klerus, und all seine Werke und Gläubigen. Papst Pius IX wollte den Orden mit der Wiedererrichtung des Patriarchates von Jerusalem erneuern und hat ihm die spirituelle und materielle Unterstützung der neuen Diözese übertragen. Er hat diese Neuorganisation dem ersten Patriarchen, Joseph Valerga, im Jahre 1848 anvertraut. Seit damals hat der Orden seine Mission zugunsten des Patriarchats Generation um Generation erfüllt und das bis zum heutigen Tag. Ich danke allen Mitgliedern und Verantwortlichen des Ordens und erbitte für sie die Gnade und den Segen Gottes.

Das pastorale Leben
6.         Die pastorale Arbeit in unserer Diözese ist vor allem von den heiligen Stätten und vom Evangelium geprägt, das dort offenbart und niedergeschrieben wurde. Unsere Katechese ist gleichzeitig Fortsetzung und tägliches Neuentdecken des Evangeliums. Wir haben die Gnade, an den heiligen Stätten zu leben, und hier ständige Pilger zu sein. Jeden Tag das Evangelium, das wir empfangen haben, neu zu entdecken und unser Leben nach den Lehren Jesu zu gestalten - das ist die Evangelisation der Pfarrer und Ordensleute in diesem Land. Es ist wahr, dass in unseren Ländern und Pfarren alle gläubig sind. Alle Christen kennen Jesus Christus. Aber alle kennen nicht ausreichend Sein Evangelium und müssen es betrachten, damit ihr Leben davon durchdrungen sei. Die Pfarrer und Ordensleute haben die Pflicht, die Christen auf diesem Weg zu leiten, damit ihr tägliches Leben in ein lebendiges Evangelium umgewandelt werde.
Die pastorale Arbeit der Diözese in diesen letzten Jahren war vor allem von der Synode der katholischen Kirchen des Heiligen Landes gekennzeichnet, die 1993 begann und im Jahr 2000 mit dem Besuch Papst Johannes Paul II beendet wurde. Diese Bemühung um einen Neuanfang in der Kirche war vor allem vom Glauben, der Vision und der Ausdauer von Msgr Rafiq Khoury getragen, dem Verantwortlichen für die Pastoral und Katechese der Diözese. Es war keine isolierte Initiative, sondern eine Zusammenarbeit mit allen katholischen Kirchen des Heiligen Landes. Sie hat nicht alle erwarteten Früchte getragen, aber es ist doch Neues in unseren Diözesen entstanden. Ein gemeinsamer Pastoralplan war eine der Früchte. Ein interrituelles katholisches Pastoralkomitee wurde geschaffen, das aus 72 Mitgliedern besteht, Priestern, Ordensleuten, Laien, Vertreter all unserer Diözesen: Lateiner, Melkiten, Maroniten, Syrier, Armenier und Chaldäer, in den drei Ländern, Palästina, Israel und Jordanien, deren Auftrag es ist, zu studieren, auf welche Weise der gemeinsame Pastoralplan in unseren verschiedenen Diözesen umgesetzt werden kann.
Zwei wichtige Folgen der Synode sollten noch hervorgehoben werden: zunächst, das Auftreten von engagierten Laien, die ihre Verantwortung in der Kirche gemeinsam mit dem Klerus tragen können, und dann ein neuer Geist der Kommunio zwischen den Kirchen und der Wunsch weiterhin gemeinsam zu arbeiten. Deshalb wurde, abgesehen vom gemeinsamen Pastoralplan und dem interrituellen Pastoralkomitee, auch ein interritueller Klerikerrat gegründet. Wir haben begonnen, jedes Jahr in der ersten Juliwoche interrituelle Exerzitien für alle Priester unserer Diözesen anzubieten. Gleichzeitig mit der Synode wurde auch die Versammlung der katholischen Bischöfe des Heiligen Landes gegründet, was den Geist der Kommunio und der Zusammenarbeit weiter gestärkt hat.
Unter den Initiativen, die zu einem neuen Leben in der Diözese beitragen, sind auch die Katechismuskommissionen zu erwähnen, die in Jerusalem und Amman effizient organisiert wurden. Die Liturgiekommission hat, abgesehen von den in der Diözese bereits erschienenen liturgischen Büchern, das Messbuch der Wochentage und das Brevier auf Arabisch übersetzt. In Amman in Jordanien ist das Zentrum Regina Pacis für behinderte Menschen besonders zu erwähnen, das von Msgr Selim Sayegh gegründet wurde. Im Rahmen dieses Dienstes hat sich ein bedeutender Dialog zwischen Moslems und Christen in verschiedenen Städten Jordaniens entwickelt. Es ist gleichzeitig ein Zentrum für junge Menschen, bietet Einkehrtage und verschiedene Veranstaltungen an. Ein weiteres Projekt bereitet sich in Jordanien vor, nämlich eine katholische Universität, deren Grundstein, so hoffe ich, bald gelegt wird. Es gab noch zahlreiche andere pastorale Initiativen der Pfarrer und Bischöfe, die Gott durch seine Gnade unterstützte und es auch weiterhin tun wird.
Auf regionaler Ebene hat die CELRA (Konferenz der Bischöfe des lateinischen Ritus in den arabischen Ländern), die in der Folge des 2. Vatikanums bereits 1965 gegründet wurde, ihre Arbeit fortgesetzt. Erfreulich ist auch die neue Zusammenarbeit mit dem Rat der Katholischen Patriarchen des Orients (CPCO). Seit 1991 findet ein jährliches Treffen statt, das bereits 9 Hirtenbriefe an die Gläubigen gerichtet hat, in denen die wichtigsten Themen des christlichen Lebens an sich und der Beziehungen der Christen mit den Religionen und Staaten behandelt wurden.

Das ökumenische Leben
7.         Jesus betete für die Einheit seiner Jünger. Er sah die Schwierigkeiten der Sendung, die Er ihnen anvertraute, voraus. Deshalb betete Er: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir“ (Joh 17, 11). Dieses Gebet begleitet uns auch weiterhin und bleibt ein Gebot, das sich an die Kirchen, Bischöfe und Gläubigen richtet. „Damit sie eins sind wie wir“. Dieses Gebet drückt Seinen Willen aus. Eins sein, wie Er und der Vater eins sind, ist eine zwingende und theologale Pflicht. Wenn also unsere Jurisdiktion uns hindert, eins zu sein, so kann unsere Liebe zueinander uns die Gnade erwerben, eins zu sein in der Wahrheit und so ein Zeichen und eine Quelle der Einheit für die Völker des Heiligen Landes zu sein.
In Jerusalem gibt es 13 verschiedene und z.T. getrennte Kirchen. Die Patriarchen und Bischöfe der verschiedenen Kirchen Jerusalems, Katholiken, Orthodoxe und Protestanten, treffen sich häufig, beinahe monatlich, so dass sich eine größere Verbundenheit und Solidarität zwischen unseren Gemeinschaften entwickeln konnte. Im Jahr 2000 konnten wir gemeinsam einen Moment der Einheit leben, als wir auf dem Platz der Geburt Christi den Beginn des 3. Jahrtausends verkündeten, und einen ökumenischen Hirtenbrief veröffentlichten, der von den 13 Oberhäuptern der Kirchen von Jerusalem unterzeichnet war. Abgesehen von zahlreichen Dokumenten, die von uns allen unterzeichnet sind, und den gemeinsamen Botschaften für Ostern und Weihnachten, die wir an unsere Gläubigen und die Welt richten, sind auch zwei Dokumente über den Status von Jerusalem zu erwähnen: das erste datiert vom November 1993 und das zweite vom September 2006.
Unsere Treffen und gemeinsamen Erklärungen haben das Wohl aller Christen aller Riten zum Ziel, besonders auf dem Gebiet des Friedens und der Gerechtigkeit, in den schwierigen Umständen des Konfliktes, in dem wir alle leben. Ich möchte an dieser Stelle meinen Brüdern Patriarchen und Oberhäuptern der Kirchen Jerusalems meinen Dank aussprechen für ihre Freundschaft und ihre Zusammenarbeit in all den vergangenen Jahren seit Beginn meines Dienstes.
Auf der Ebene der christlichen Kirchen sind die katholischen Kirchen der Region seit 1990 Mitglieder des Kirchenrates des Nahen Ostens, der auch weiterhin ein Ort der Brüderlichkeit, des Austausches und der Zusammenarbeit zwischen allen Verantwortlichen der Kirchen des Nahen Ostens und der 15 Millionen arabischer Christen dieser Region ist.
Die ganze Kirche Jerusalems mit ihren 13 Gemeinschaften konnte eine besondere Beziehung zum Weltkirchenrat und eine fruchtbare Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Gerechtigkeit und des Friedens im Heiligen Land und der ganzen Region entwickeln. Eine erste Frucht ist das „Begleitprogramm“ der Volontäre aller Kirchen der Welt, für die Zusammenarbeit mit Israelis und Palästinensern im Konflikt und für die Begleitung der Palästinenser an Orten der Konfrontation und der Beschneidung ihrer Freiheit. Außerdem konnte in Jerusalem ein ständiges Büro für die Entwicklung ökumenischer Beziehungen zwischen den christlichen Gemeinschaften geschaffen werden.

Die universale Berufung des Heiligen Landes
8.         Das Heilige Land ist ein Land mit einer universalen Berufung. So wollte es Gott, denn Er wollte sich hier offenbaren, und zwar nicht nur einem Volk, sondern der ganzen Menschheit. Dies bezieht sich auf der politischen Ebene auf die beiden Völker, die hier leben, Israelis und Palästinenser, und auf alle Gläubigen, Juden, Christen, Moslems und Drusen. Dies bezieht sich aber auch auf die pastorale Aktivität jeder Diözese und des Lateinischen Patriarchates, dem ich diese vergangenen Jahre diente. Die pastorale Aktivität und das Gebet des Pfarrers, des Ordensmannes, der Ordensfrau oder des Laien beschränken sich nicht auf die Grenzen der Pfarre, sondern jeder muss immer die gesamte Diözese im Blick bewahren, das ganze Land mit all seinen Einwohnern, und die gesamte Welt, die der Herr hier in unserem Land retten wollte.

II
Die Berufung des Christen im Heiligen Land

Eine kleine Herde
9.         Im Heiligen Land und in der Kirche von Jerusalem sind zahlenmäßig wenige Christen. Dies ist nicht ausschließlich Folge von geschichtlichen oder sozialen Umständen. Diese Tatsache hat einen direkten Bezug zum Geheimnis Jesu in diesem Land. Vor 2000 Jahren kam Jesus hier her, und auch er blieb mit seinen Aposteln, seinen Jüngern und den wenigen, die an ihn glaubten eine kleine Herde. Heute, 2000 Jahre später, ist Jesus weiterhin „unerkannt“ in seinem Land, und Jerusalem, die Stadt der Erlösung und die Quelle des Friedens für die Welt, bleibt eine Stadt, die die Erlösung noch nicht angenommen hat und noch nicht ihren Frieden gefunden hat. Die Christen sind in dieser Situation eine kleine Anzahl von Zeugen Jesu in Seinem Land.
In diesem Land klein sein, bedeutet einfach, so zu leben, wie Jesus hier gelebt hat. Es bedeutet also nicht ein minderwertiges Leben zu führen, ausgegrenzt oder geprägt von Furcht und Lähmung. Wir wissen, warum wir klein sind, und wir wissen welches unser Platz in der Gesellschaft und in der Welt ist. Wir nehmen teil am Mysterium Jesu und bleiben bei Ihm am Kalvarienberg, gestärkt und gestützt in der Hoffung und der Freude der Auferstehung, die wir leben und mit allen teilen. Das Senfkorn ist das kleinste von allen, sagt uns Jesus, aber wenn es wächst und zu einem Baum wird, „kommen die Vögel des Himmels und nisten in seinen Zweigen“ (Mt 13, 31 - 32). Das gleiche gilt vom Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuert (vgl Mt 13, 33).
Die Tatsache, dass Jerusalem die Stadt der Erlösung und des Friedens für die Welt ist und nicht nur für sich selbst existiert, und die Tatsache, klein zu sein, prägt die Berufung jedes Christen im Heiligen Land: die Berufung Zeuge zu sein, die Berufung zu einem schwierigen Leben, heute wegen des politischen Konflikts, und Morgen weil das Leben ein ständiger Kampf bleiben wird, damit wir gutes Salz seien, nützlicher Sauerteig, Licht in der Gesellschaft und eine Erlösung, die sich Tag für Tag vollendet im Geheimnis Gottes.
Jede Gesellschaft zählt auf die Anzahl ihrer Bürger, ihrer Soldaten und ihrer Waffen. Wir Christen, mit oder ohne Quantitäten, zählen zuerst auf den Glauben jedes einzelnen von uns. Jesus sagt: mit eurem Glauben könnt ihr Berge versetzen. Der Staat sagt: mit der Technologie, mit der Anzahl von Waffen und Menschen kann man die Erde unterwerfen, Straßen legen und Berge abtragen, und dennoch bleibt die Unfähigkeit, Frieden zu finden. Wir hingegen betrachten das Wort Jesu: „Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein“ (Mt 17, 20 - 21). Deshalb versuchen wir, bei allem Respekt für nützliche menschliche Mittel, unseren Glauben an denjenigen, an den wir geglaubt haben, zu festigen und zu vermehren.
Die geringe Anzahl an Gläubigen muss erstens durch den Glauben wettgemacht werden, zweitens durch die Ausbildung, die jeden Christen unentbehrlich macht im Aufbau oder Wiederaufbau seines Landes, und drittens dadurch, dass sich jeder Christ seiner Verantwortung für seine Gesellschaft bewusst wird und so auch bereit ist, alle nötigen Opfer zu bringen, um sie aufzubauen oder wiederaufzubauen. Diese Ausbildung der Christen ist eine Verantwortung der gesamten Gemeinde, nicht nur der Verantwortlichen in der Kirche, denn in der Gemeinschaft der Gläubigen trägt ein jeder die Sorge des anderen.
Neben den bestehenden Ausbildungsinstitutionen der Kirche (die verschiedenen Lehreinrichtungen, die religiöse Erziehung, die verschiedenen apostolischen Bewegungen zur Fortbildung und zahlreiche Laienorganisationen mit sozialem Charakter) haben manche Gläubige, Kleriker oder Laien, damit begonnen, der Ausbildung eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, die den Christen trotz seiner zahlenmäßigen Unterlegenheit befähigt, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Zu erwähnen ist hier die bedeutende Arbeit, die auf diesem Gebiet von der Universität von Bethlehem im Allgemeinen geleistet wird, und in der Abteilung für religiöse Studien im Besonderen. Erwähnenswert sind weiters das Zentrum As-Sabeel für die Analyse und christliche Vision der aktuellen politischen Situation, das Zentrum Al-Liqa für den interreligiösen Dialog, das Laienkomitee, das Laien ihre Verantwortung als Christen im öffentlichen Leben vermittelt, die Jugendgruppe Wusul, die zum Ziel hat, auf elektronischem Weg eine Verbindung zwischen arabischen Christen auf der ganzen Welt herzustellen, die Laienkatechismusgruppe am Sonntag in Jordanien, und die HCEF, Holy Land Christian Ecumenical Foundation, dessen erstes Ziel bei seiner Gründung darin bestand, die Emigranten zu sammeln und dazu zu führen, durch ihre Gedanken, Werke und Mittel im Land des Herrn weiterhin zu wirken, um trotz der Distanz Zeugen Jesu im Land des Herrn zu bleiben und zum Aufbau ihrer Heimatländer beizutragen.

Christsein in der Gesellschaft
10.       Der Christ muss sich selbst als Christ verstehen und annehmen. Was das bedeutet? Das bedeutet, das ganze Evangelium Jesu Christi, des ewigen und menschgewordenen Wortes Gottes anzunehmen und im täglichen Leben, in leichten und schweren Zeiten im Licht dieses Geheimnisses zu verwirklichen, was die Gesellschaft in die wir gesandt sind als etwas Unmögliches betrachtet.
Christ sein bedeutet ganz einfach, seinen Glauben zu kennen: die heiligen Schriften, die Tradition und die Lehre der Kirche und wissen an wen und was man glaubt. Es bedeutet, die christliche Moral zu kennen und zu leben; es bedeutet zu beten, die Sakramente zu leben, vor allem die Eucharistie, und darauf zu achten, dass die Gebete und das sakramentale Leben nicht nur formelle Handlungen und reine Äußerlichkeiten sind. Es sollten nicht einmal Gebetszeiten sein, die von der Gesellschaft isolieren, sondern wir sollten wissen, dass das Gebet und das sakramentale Leben eine ständig neue Kraftquelle sind, die den Christen in seine Gesellschaft „senden“ um ihr und all denen zu dienen, die Teil dieser Gesellschaft sind, welcher Religion sie auch angehören.
Christ sein bedeutet neben all dem, auch einen Blick des Glaubens auf die Ereignisse zu werfen. Es bedeutet, die Vorsehung Gottes und Sein Wohlwollen für alle Menschen zu sehen und das Wort Jesu im Gedächtnis zu behalten: „Nicht ein Haar wird von eurem Haupt fallen, ohne dass es euer Vater im Himmel zulässt.“ (vgl Lk 21, 18). Im Lichte dieser Vision, die Gott und den Menschen eint, definiert der Christ seine Standpunkte, sowohl was den Dienst und die Liebe betrifft, als auch was die Einforderung von Rechten betrifft. Sie gibt ihm die Weisheit und den Mut, sich den Schwierigkeiten und verschiedenen Formen der Unterdrückung von Seiten der Menschen zu stellen. Er wird sich nicht entmutigen lassen, sondern mit Ausdauer Widerstand leisten gegen jede Art von Unterdrückung und Gewalt, und in all den Bereichen wirken, in die Gott ihn ruft.
Christ sein bedeutet, das Gebot der Liebe inmitten seiner eigenen Gemeinschaft und allen Menschen gegenüber zu leben. Lieben heißt zunächst, das Antlitz Gottes in jedem Menschen zu erkennen, welcher Religion oder Nationalität er auch angehört und gleichgültig ob er mir und anderen Gutes oder Böses will. Denn er ist ein Geschöpf des einen und einzigen Gottes. Er ist Kind Gottes. Er trägt in sich die Herrlichkeit Gottes. Seine Würde kommt von der Würde Gottes. Daher verwandelt die Liebe alles, was wir einem Menschen tun, zu einem Tun für Gott, dem Schöpfer der Menschen.
Deshalb sagte Jesus auch: liebt alle und schließt niemanden aus, nicht einmal den Feind. Denn Er hat uns nicht gesagt: liebt die Freundschaft des Freundes. Im Gegenteil, diesbezüglich sagt er: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?“ (Mt 5, 46). Er sagt uns auch nicht: liebt das Böse im Feind oder die Unterdrückung, die er euch auferlegt. Aber er sagt uns: liebt Gott in jedem Menschen, denn er ist ein Geschöpf Gottes. Gott ist es, den wir lieben, im Freund oder im Feind. Wenn wir lieben, ahmen wir Gott nach in Seiner Liebe zu allen seinen Geschöpfen. Diese Liebe stärkt unsere Treue in der Liebe zum Freund und gibt uns die Kraft, dem Bösen des Feindes entgegenzutreten, und sogar, dieses Böse zu besiegen. Eine solche Liebe ist stärker als die Gewalt oder als jedes andere materielle Mittel, zu dem das Opfer greift, um die Feindschaft abzuwenden und der Unterdrückung ein Ende zu machen.
Dies alles bedeutet, dass Lieben auch Vergebung sein muss. Vergeben heißt, sein Herz von der Bitterkeit, dem Hass und dem Feuer der Rache zu reinigen. Es bedeutet nicht unbedingt, auf seine Rechte zu verzichten, insbesondere wenn es um die Rechte der Gemeinschaft wie Freiheit, Land oder Unabhängigkeit geht. Dies sind Fragen, in denen der Einzelne kein Entscheidungsrecht hat, denn es sind erstens Rechte, die eine Gabe Gottes sind, und die wir demnach bewahren müssen, und zweitens sind das gemeinsame Rechte, und der Christ kann nicht seine Gemeinschaft verraten, wenn sie ihre legitimen Rechte einfordert. Im Gegenteil! Er unterstützt sie in der Verteidigung ihrer Rechte und den notwendigen Bemühungen, um diese wiederzuerlangen.
Schließlich ist die Liebe auch Teilen und Kommunio. Bisher kannten wir in unseren Glaubensgemeinschaften die Nächstenliebe in der Form der Almosen oder selbst der großzügigen Spenden. Diese Form ist gut, wir müssen aber weitergehen und einen Geist des Teilens und der Kommunio anstreben. Dies bedeutet, dass in einer Gemeinde von Gläubigen jeder die Sorgen aller anderen wie seine eigenen trägt. Daher bemüht sich die Gemeinde nach dem Vorbild der Christen der ersten Kirche in Jerusalem, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben wird (Apg 2, 42 - 46; 4, 32- 34), jedem ihrer Mitglieder ein von Not befreites und auf spiritueller und materieller Ebene würdiges Leben zu ermöglichen.
Damit die Christen hier im Heiligen Land und auch in den anderen Ländern des Nahen Ostens bleiben, leben, wachsen und handeln können, müssen sie sich so annehmen, wie sie sind, das heißt als gläubige Christen, nicht nur als eine von den anderen unterschiedliche Gemeinde, oder als eine aufgrund ihrer Religion abgesonderte Gruppe der Gesellschaft. Es versteht sich von selbst, dass die Berufung des Christen nicht darin liegt, in einen Kampf mit der Gesellschaft einzutreten, oder angesichts der Ungerechtigkeiten oder verschiedenen Formen der Unterdrückung zu resignieren. Andererseits ist es dem Christen auch nicht erlaubt, sich an den Rand der Gesellschaft zu stellen und zu meinen: „Das Land gehört nicht mehr mir, andere kümmern sich darum und tragen dafür die Verantwortung.“ Ein wahrer Christ weiß, dass er lebendiger Teil der Gesellschaft ist, dass er sich den Herausforderungen stellen muss und dafür mit allen Gliedern der Gesellschaft die Verantwortung trägt.
Es ist einem Christen, der am öffentlichen Leben teilnimmt auch nicht erlaubt, seinen Glauben beiseite zu schieben und auf die geistliche Kraft zu verzichten, die Gott ihm als Christen gewährt, um so scheinbar freier seine Pflichten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu erfüllen. Zu bestimmten Epochen der Geschichte der arabischen Welt war dies zu beobachten: arabische Christen leisteten Beiträge von großer Bedeutung, ließen dabei aber von ihren christlichen Werten oder sogar von ihrem Glauben ab. Dies kann man auch heute noch bei manchen beobachten, und zwar unter dem Vorwand, den Fanatismus zu vermeiden oder nicht unnötig religiöse Sensibilitäten aufrühren zu wollen. Gewiss darf ein Christ seinen Glauben nicht in fanatische und provokative Haltungen münden lassen. Er ist aber gerufen, seine Gesellschaft mit den Gaben und den Quellen geistlichen Reichtums zu beschenken, die er empfangen hat. Seine Gesellschaft selbst erwartet dies von ihm, denn warum bliebe er sonst anders, wenn sein anderer Glaube dieser Gesellschaft nichts Neues bringt.

Das Land des Status quo
11.       Wir leben in einem Land des Status quo, was bedeutet: „Heute und in Zukunft bleibt alles so, wie es in der Vergangenheit war“. Dieses Gesetz wurde unmittelbar vor dem Krimkrieg adoptiert, in einem ottomanischen Erlass von 1852, und später von zwei internationalen Kongressen in den Jahren 1855 und 1878 ratifiziert. Es regelt Konfliktsituationen an bestimmten christlichen heiligen Stätten. Der Status quo legte fest, dass jeder das besitzt und verwendet, was er am Tag der Unterzeichnung der Internationalen Konvention besaß oder verwendete. Es ist ein nützliches Instrument, manchmal aber Quelle von Streitigkeiten. Das Schlimmste ist, dass dieses Gesetz, das auf Orte angewandt werden sollte, sich auf den Geist und die Personen ausgeweitet hat, und nach und nach eine gewisse Starrheit mit sich gebracht hat, die jede Erneuerung schwierig macht. Aus dieser mentalen Starrheit, die der Status quo bei manchen bewirkt, kommen die Spannungen in den Beziehungen zwischen Personen und Gemeinschaften.
Manchmal haben wir hier im Heiligen Land den Eindruck, teilweise unter der Erde begraben in der Vergangenheit zu leben und nur teilweise über der Erde in der Gegenwart. Dies lähmt Vision und Aktion in Kirche und Gemeinde und schafft Spannungen. Die Vergangenheit bedeutet unsere Wurzeln. Und die Wurzeln, die unter der Erde bleiben, müssen neue Blüten und Früchte hervorbringen. Wir brauchen, auf der Ebene der Mentalitäten, des Dialogs und der Beziehungen zwischen den verschiedenen Diözesen und Kirchen mit ihren zahlreichen Institutionen, Tatkraft und Erneuerung. Alle müssen glauben und sich leiten lassen können von der Vision des hl. Johannes in der Offenbarung: „ Seht, ich mache alles neu.“ (Offb 21, 5)

Die verschiedenen Konfessionen
12.       Im Heiligen Land ist die große Gemeinde der Christen nicht nur durch theologische Verschiedenheiten geteilt, sondern auch durch verschiedene Konfessionen. Ursprünglich sind diese durch besondere liturgische Traditionen entstanden, die eine eigene, einem spezifischen historischen und kulturellen Kontext entsprechende Weise sind, die Botschaft des Evangeliums zu empfangen, zu betrachten und zu feiern. Prinzipiell ist diese Vielfältigkeit der liturgischen und geistlichen Traditionen ein Reichtum für die Kirche, denn sie ergänzen sich gegenseitig und ermöglichen einen reichhaltigeren Ausdruck des unerschöpflichen Geheimnisses Gottes, das in Christus offenbart wurde. Aufgrund komplexer historischer Umstände haben sich diese liturgischen Gemeinden aber nach und nach zu Konfessionsgemeinden, und manchmal sogar zu ethnischen Gemeinden geformt. Die Leiter der Gemeinden mussten den politischen Autoritäten gegenüber die Loyalität ihrer Gläubigen beweisen, und die Christen sahen sich nunmehr veranlasst, mit den Zivilbehörden als Mitglieder ihrer Gemeinden im Nationalgebilde und nicht als einzelne Bürger umzugehen. Aus Gemeinden des Glaubens und der Liturgie wurden Gemeinden des Dienstes und der Interessen, die nicht nur die religiöse Identität ihrer Mitglieder beeinflussten, sondern auch ihre soziale und nationale Identität. Statt sich für einander zu öffnen und sich gegenseitig zu unterstützen, haben sich diese Gemeinden oft in sich selbst verschlossen, um ihre eigenen Interessen zu wahren. An manchen Orten und für manche Personen, seien es Laien oder Kleriker, ist so die Gemeinde zu einem trennenden Element und einer Hürde zwischen den Gläubigen geworden. Manchmal kommt es sogar zu Konkurrenz und Rivalitäten. Jede Gemeinde will größer und stärker als die andere scheinen, möchte die schönere Kirche haben, die größere Schule, usw. So hat schließlich der Mitchrist, Gläubiger einer anderen Gemeinde, nicht mehr seinen Platz als Bruder oder Schwester und als Christ in unserem Gebet, unserem Wohlwollen und unseren Werken. Er wird für uns zu einem Fremden.
Abgesehen davon ist in unserer heutigen Situation, angesichts unserer geringen Zahl und der zahlreichen und schwierigen Herausforderungen, Solidarität und Zusammenarbeit unumgänglich. Die christlichen Laien spüren diese Notwendigkeit oft mehr und drängen ihre religiösen Verantwortlichen zu einer größeren Einheit. Nur gemeinsam sind wir groß oder klein. Niemand kann ohne den anderen oder auf seine Kosten groß werden. Als Kirchen oder Gemeinden verschiedener Konfessionen sollten wir in unseren Beziehungen untereinander folgendes Prinzip leben: „Einerseits Treue zu uns selber, zu unserem Ritus, zu unserer Kirche, in der Gott uns die Gnade der Taufe geschenkt hat, und andererseits Liebe zu allen Brüdern und Schwestern anderer Riten außerhalb unserer Konfessionsgemeinschaft, und doch Teil der großen Familie Gottes.“ Die Haltung des Christen, jeder Gemeinde und jeder Konfession muss es sein, mit der Liebe Gottes zu lieben: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3, 27 - 28).
Die Synode der katholischen Kirchen des Heiligen Landes hat dazu beigetragen, einen neuen Geist der Solidarität und der Zusammenarbeit zwischen unseren Kirchen zu fördern, aber wir müssen weiter in diese Richtung gehen. Wir müssen in unseren Christen das Verständnis für ihren Ruf allen gegenüber wecken, seien sie von ihrer Gemeinde oder von einer anderen. Sie müssen entdecken, dass zuerst die Kirche kommt und dann erst die Konfessionsgemeinschaft. Sie müssen verstehen, dass die Kirche Gottes offene Tore hat für das Gebet aller Christen und sie alle neu aussendet in die gesamte Gesellschaft, zu jedem Gläubigen der ganzen Kirche und zu jedem Menschen jeder Religion.
Die Sekten und neuen christlichen Bewegungen sind Teil unseres christlichen Lebens und unserer politischen Realität. Von unserem christlichen Standpunkt aus gesehen säen diese Gruppen unter unseren Gläubigen Verwirrung im Glauben und nutzen ihre materielle und geistliche Armut aus, um unsere Spaltungen noch zu vertiefen. Vom politischen Standpunkt aus gesehen vertreten sie sowohl in Israel als auch in den arabischen Ländern Ansichten, die gestützt von scheinbar biblischen und religiösen Argumenten, nicht nur die politische Existenz des Staates Israel unterstützen, sondern auch das Unrecht, das dem palästinensischen Volk angetan wird. Dieser Umstand ist ein weiterer Ruf, der sich einerseits an die Christen richtet, damit sie sich der Reichtümer und Herausforderungen ihres Glaubens besser bewusst werden, und andererseits an die Hirten, näher bei ihren Gläubigen zu sein und für eine bessere biblische Ausbildung zu sorgen.

Die Christen und der Konflikt
13.       In unserer Gesellschaft gibt es einen bewaffneten Konflikt, und zwar durch die Besetzung der palästinensischen Territorien durch Israel und durch die Forderung Israels nach Sicherheit und Anerkennung. Wie alle Bewohner dieses Landes, Palästinenser und Israelis, sind die palästinensischen und israelischen Christen Teil dieses Konfliktes. Unter keinerlei Vorwand können sie sich auf eine Zuschauerrolle beschränken, während andere den Preis für die Freiheit zahlen und die damit verbundenen Opfer auf sich nehmen. Zuschauer bleiben bedeutet, am Rande stehen, den Männern und Frauen ihres Volkes fremd bleiben, was nicht der Berufung des Christen entspricht. Wie alle Palästinenser sind wir Opfer der Besatzung. Wie alle Palästinenser müssen wir den Preis zahlen, um unsere politische, wirtschaftliche, und - in Aspekten, wie dem freien Zugang zu den heiligen Stätten und zu Jerusalem - auch religiöse Freiheit wiederzuerlangen. Die Freiheit wiedererlangen, den Preis bezahlen und Widerstand leisten ist eine Pflicht. Wir glauben aber gleichzeitig an das Gebot der Liebe, und daher an einen Widerstand, der der Logik der christlichen Liebe entspricht, nämlich ein gewaltloser Widerstand, der fähig ist, die beiden Völker dazu zu führen, auf gleichberechtigte Weise Freiheit, Unabhängigkeit und Sicherheit zu genießen.
Der Konflikt in unserem Land scheint endlos und unlösbar. Abgesehen von dem oben Gesagten, ist die christliche Sichtweise in diesem Konflikt wie folgt: dies hier ist unser Land und es gehört zwei Völkern. Es ist aber zunächst das Land Gottes. Die Menschen prägen die Geschichte mit Blut und Hass oder mit Dialog und Zusammenarbeit, Sie tun dies bewusst oder unbewußt unter dem wachsamen Blick Gottes, des Herrn der Geschichte, der dieser Erde eine besondere Heiligkeit verliehen hat. Hier haben alle mit Gott zu tun, und das sagen uns unsere Heiligen Stätten sehr deutlich. Einer der Hauptgründe für den Konflikt sind die Heiligen Stätten, in denen sich die Gläubigen der drei Religionen an Gott wenden. An unseren Heiligen Stätten beten wir. Und dennoch bleiben sie Orte des Konflikts, des Todes, des Hasses...und das widerspricht der Natur und der Berufung des gesamten Heiligen Landes. In einem Land Gottes können nur die Wege Gottes zu einer Lösung des Konfliktes führen. Die Gewalt des Stärkeren oder des Schwächeren ist kein normaler und effizienter Weg, um zum Frieden zu gelangen. Der Friede im Land Gottes wird eine Gabe Gottes sein. Die Gläubigen der beiden Völker und der drei Religionen müssen daher durch ihre ehrliche Treue zu ihrem Glauben an Gott und durch ein Verhalten, das ihrem Glauben an einen Schöpfergott, der alle Geschöpfe liebt, entspricht, die Stunde Gottes vorbereiten, in der Er uns den Frieden wiederschenken wird.
Alle müssen gemeinsam leben: Brüder und Schwestern, Kinder eines selben Landes und mehr noch, Kinder und Geschöpfe Gottes. Dafür müssen sich aber alle als gleichberechtigt betrachten, mit denselben Rechten und Pflichten. Niemand kann mehr gelten als der andere, und niemand kann weniger gelten und dem anderen untergeordnet sein. Bis jetzt ist dies nicht unsere Realität, und dennoch müssen die Starken dieses Landes und selbst diejenigen, die mit Hilfe der Gewalt Widerstand leisten, zu diesem Standpunkt gelangen. Um Widerstand zu leisten, Gerechtigkeit und Frieden zu erlangen, darf das Opfer nicht zum Unterdrücker und Terroristen werden.

Emigration
14.       Derzeit emigrieren Christen des Heiligen Landes und des ganzen Nahen Ostens. Sie sind nicht die einzigen, die so handeln. Moslems und Juden emigrieren auch, und sie tun es alle aus demselben Grund: der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis, der alle Länder der Region in politische, wirtschaftliche und soziale Instabilität zieht. In manchen Ländern wie im Libanon und im Irak sind daraus Tragödien geworden, die die Leiden und Prüfungen des Heiligen Landes übertreffen. Menschen emigrieren, um Ruhe zu finden und ihre und die Zukunft ihrer Kinder zu sichern. Unsererseits laden wir unsere Gläubigen ein, ihre Berufung als Christen hier im Heiligen Land anzunehmen, und nicht wegzugehen. Wir machen ihnen dabei keine Illusionen. Wir versprechen ihnen kein leichtes, sondern ein schwieriges Leben, und das für heute und für morgen. Manche, wenn auch nur eine kleine Anzahl, werden sich dieser Tatsache bewusst. Sie nehmen ihre Berufung an und akzeptieren es, hier zu bleiben und die Vorteile aufzuopfern, die sie durch das Auswandern erlangen könnten. Jedenfalls wird es immer einige von uns geben, die hier bleiben, um von Jesus in Seinem Land Zeugnis abzulegen, durch alle Entwicklungen der Geschichte hindurch, trotz Emigration und trotz kleiner Anzahl von Gläubigen.
Wir müssen aber unsere Aufmerksamkeit auch noch auf ein Weiteres lenken: die Christen hier im Nahen Osten sind die ersten Opfer der Weltpolitik, die die Christen tatsächlich oder scheinbar ignoriert, weil sie zahlenmäßig so gering sind und diese Tatsache noch nicht aufgewogen werden konnte, durch materielle oder geistliche Kraftquellen, die die Großen dieser Welt zwingen könnten, sie zu berücksichtigen. Spricht man in der Weltpresse von den Christen, dann um zu sagen, dass sie zwischen den zwei großen Mehrheiten, den Juden und den Moslems, erdrückt werden und von moslemischer Seite verfolgt werden. Dadurch wird uns Mitleid ausgedrückt. Die wahre Unterdrückung aber, deren Opfer wir sind, nämlich die politischen Machenschaften in unserer Region, wird nicht erwähnt. Für uns aber wäre das Ende des israelisch-palästinensischen Konflikts das einzige, was uns erlauben würde, in Frieden zu leben und im Land zu bleiben, und das ist nichts Unmögliches, wie man es uns glauben machen möchte. Dasselbe gilt auch für den Libanon und den Irak.

Christen und Moslems
15.       Wie jeder Christ auf der ganzen Welt normalerweise seinem Volk und seinem Land angehört, gehören auch die Christen in den arabischen Ländern, in Palästina und in Israel zu ihrem Land und zu ihrem Volk. Was die arabischen Christen in Israel betrifft, haben wir ihre Identität bereits definiert: sie sind Araber, sie sind Christen und sie leben im Staat Israel. Nach diesen drei Komponenten müssen sie selber die Standpunkte definieren, die sie im Alltag einnehmen.
Wie alle anderen Bürger sind Christen gleichberechtigte Bürger. Sie haben dieselben Rechte und Pflichten. Die Konstitutionen der Länder des Nahen Ostens erkennen dies an. Die Beziehungen mit den zivilen und religiösen Autoritäten sind gut. Auch auf der Ebene des Volkes gibt es ein Miteinander im säkularen Bereich, gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen wie Studium, Kultur, Handel, Politik, usw. Zwei Bereiche bleiben verschlossen, und wenn man daran rührt, wird es explosiv: Das Dogma und die Familie. Vermittlungsstrukturen ermöglichen in diesen Fällen, die Ruhe zurückzugewinnen. Der interreligiöse Dialog behandelt keine dogmatischen Fragen. Er hat soziale Fragen zum Thema, um ein besseres Zusammenleben und eine tiefere Zusammenarbeit zu ermöglichen. Natürlich kommt es zu Zwischenfällen zwischen Einzelpersonen, die manchmal auch größere Dimensionen annehmen und Moslems und Christen gegeneinander stellen. In diesem Fall achten die Regierungen, sowie die traditionellen Vermittlungsstrukturen darauf, die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um eine Versöhnung herbeizuführen. Man muss jedoch auch sagen, dass die Beziehungen zwischen Christen und Moslems noch nicht ein vollkommenes Gleichgewicht erreicht haben. Es handelt sich hier um einen langen und langwierigen Weg, den wir geduldig gehen müssen.
Durch das Auftreten von extremistischen religiösen Bewegungen erscheint ein gemeinsames Handeln von Moslems und Christen immer notwendiger, um gemeinsam dieses Problem anzugehen, das die ganze Gesellschaft bedroht.
Religiös-politische islamistische Bewegungen sehen die Lösung aller Probleme in der strikten Anwendung des Islam als Religion und als System des politischen und sozialen Lebens auf die gesamte Gesellschaft, Moslems und Nicht-Moslems gleichermaßen. Bezüglich dieser Strömung ist der christliche Standpunkt wie folgt: Erstens: sich mit den Moslems selber vereinen, wie wir schon oben sagten, um gemeinsam einen Extremismus zu bekämpfen, der Moslems und Christen gleichermaßen bedroht. Zweitens: falls sich diese Bewegungen eines Tages in der Gesellschaft durchsetzen, bliebe auch da noch ein Raum für den Dialog. Und falls dieser Dialog sich als nutzlos erweist, bleibt den Christen nur eines: sich nicht der Angst überlassen, sondern ihre Rechte als Bürger einzufordern und ihren christlichen Glauben zu bekennen. Sie müssen sich dabei vorbereiten, für ihren Glauben Zeugnis abzulegen, sei es durch ein tägliches Leben in Schwierigkeiten, sei es durch das Opfer des Lebens selber. Ein Zeitalter der Märtyrer, wie in den ersten Jahrhunderten der Kirche unter dem römischen Reich, würde die gesamte Gesellschaft reinigen. Es würde die Gläubigen in ihrem Glauben stärken und der ganzen Gesellschaft ein neues Aussehen verleihen.
Man muss sich jedoch auch fragen, warum solche extreme religiöse Bewegungen entstehen und wachsen. Erstens kann man dabei das wachsende Bedürfnis nach einem authentisch-religiösen Leben erkennen. Zweitens drücken diesen Strömungen eine Reihe von Reaktionen auf verschiedene Situationen aus: Reaktionen auf Ungleichheit zwischen Menschen, auf Armut und Ungerechtigkeit innerhalb der arabischen und moslemischen Gesellschaften; Reaktionen auf die Invasion der arabischen und moslemischen Gesellschaften durch den „Westen“ auf Ebene der Werte, der Moral und der sozialen Kommunikationsmittel; Reaktionen auf Einmischungen des „Westens“ auf politischer Ebene und schließlich, Reaktionen auf das Ungleichgewicht in den Beziehungen zwischen Völkern. All dies kommt zu den offenen Konflikten in Israel, Palästina und im Irak dazu.
Diese religiösen Strömungen mit ihrer ganzen Komplexität und der Bedrohung, die sie für Moslems und Nicht-Moslems sowie für die ganze Welt darstellen, werden sich letztendlich durchsetzen, wenn es der Innenpolitik der Arabischen Länder nicht gelingt, gerechtere und sicherere Gesellschaften zu schaffen, wenn es dem Islam nicht gelingt, sich von innen her zu erneuern um auf die religiösen Bedürfnisse der Gläubigen zu antworten und die Extremisten davon abzuhalten, die Religion umzukehren in Fanatismus und Gewalt, und wenn es auf Ebene der Weltpolitik nicht gelingt, die verschiedenen Formen von Kolonialisierung anderer Völker zu unterbinden.

Christen und Juden im Heiligen Land
16.       Trotz Konflikt, Tod und Hass, die allgegenwärtig sind, gibt es auch eine humanere Realität des Dialoges und der zwischenmenschlichen Begegnungen auf verschiedenen politischen und religiösen Ebenen. Zahlreiche lokale und internationale Initiativen ermutigen junge Studenten, palästinensische Christen oder Moslems und israelische Juden, einander im Rahmen ihrer Schulausbildung zu begegnen. Es gibt zahlreiche Initiativen für den Dialog zwischen Juden und Christen auch hier im Land. Im Patriarchat gibt es eine Diözesankommission für das Judentum, die Türen öffnen konnte für den Dialog und die Begegnung. Das Ziel der Kommission ist es, das Judentum und die Juden anzuhören und zu verstehen, und zwar durch das Zeugnis von Juden aus verschiedensten Teilen der israelischen Gesellschaft. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Zusammenleben und die verschiedenen Haltungen angesichts der ersten Realität unseres Landes, nämlich: Konflikt, Besatzung und Mangel an Sicherheit. Auch theologische Realitäten, die den Konflikt betreffen, kommen zur Sprache. Hier soll ein Dialog auf lokaler Ebene zwischen Menschen vor Ort, palästinensischen Christen und israelischen Juden wachsen. Es ist eine Gelegenheit, um als Gläubige gemeinsam nachzudenken und auszutauschen über die Realitäten, denen wir auf dem selben Erdboden, Palästina oder Israel, begegnen. Auch im Dialog mit dem Judentum von Seiten der katholischen Weltkirche, der vom Rat für die Einheit der Christen koordiniert wird, sind Mitglieder der lokalen Kirche eingebunden.

Die Herausforderungen des Dialogs
17.       Der lokale interreligiöse Dialog begann mit vielen Kontakten zwischen Moslems, Juden und Christen und führte schließlich in den vergangenen Jahren zur Errichtung des Rates der Religiösen Institutionen im Heiligen Land, indem die drei Religionen auf höchster Ebene vertreten sind. Dieser Dialog hat die Aufmerksamkeit der politischen Verantwortlichen auf sich gezogen und eine neue Realität im Heiligen Land eingeleitet: zum ersten Mal in der Geschichte begegnen einander die religiösen Führer der drei Religionen um gemeinsam über den Frieden in diesem Land nachzudenken. In diesem Dialog werden vor allem die Dimension des Glaubenden und sein Bezug zu Gott hervorgehoben. Wir wollen als Gläubige, die vor demselben Gott stehen, miteinander nachdenken. Weitere Punkte, wie gemeinsame Werte des Menschseins, Verschiedenheiten und Fähigkeit zur Versöhnung und religiöse Werte, wie Selbstlosigkeit in der Annahme und dem Respekt des Anderen, der gleichermaßen Geschöpf Gottes ist, durch Ausübung von Gerechtigkeit und friedensfördernde Maßnahmen, finden auch ihren Platz.
Es gibt jedoch in unseren von der Religion geprägten Gesellschaften noch Unreife, was die Annahme und den Respekt des anderen betrifft. Bisher haben noch nicht alle Christen, alle Moslems und alle Juden gelernt, zusammenzuleben und das gemeinsame Leben annehmbar und ruhig zu gestalten. Immer noch gibt es Extremismus, Unwissenheit oder Verhaftung in der Vergangenheit, und somit Quellen des Misstrauens, des Verdachtes und der Angst, Quellen der Aggressivität gegen Mitbürger einer anderen Religion.
Der Dialog zwischen den Führern und Eliten existiert. Er ist nützlich und muss geduldig fortgeführt werden. Was wir aber gleichzeitig brauchen, ist eine Schulung der jungen Generationen. Um die Gesellschaft zu befrieden und die mehr oder weniger umfassenden Spannungen auszuschalten, muss das Erziehungswesen in allen Instanzen verändert werden, sei das zu Hause, in der Schule, in den Orten des Kultes oder den Medien. Ein klarer und unmissverständlicher Ruf zu Annerkennung und Zusammenarbeit mit Andersgesinnten muss erklingen. Die neuen Generationen aller Religionen müssen hören, dass der Andere und die andere Religion kein Feind oder Fremder ist. Er ist ein Bruder, den man lieben muss und mit dem man zusammenarbeiten muss, um die Gesellschaft aufzubauen. Selbst für den Extremismus, der sich einerseits aus den Unwissenheiten der Vergangenheit nährt und andererseits aus den Ungerechtigkeiten und Ängsten der Gegenwart, kann durch ein solches neues Erziehungssystem teilweise Abhilfe geschaffen werden.

III
Ein Blick auf die Zukunft

An meine Priester
18.       Liebe Priester, ich danke Euch allen für Eure Liebe und Eure Gebete. Gott wird Euren großen Eifer belohnen. Möge Gott unser Seminar mit Seiner Gnade begleiten. Es geht treu seinen Weg und erfüllt seine Sendung vom Tag seiner Gründung im Jahr 1848 bis auf den heutigen Tag. Wir haben, Gott sei Dank, weiterhin Berufungen, zunächst aus Jordanien, dann aus Palästina und auch aus Israel. Ich danke der Gruppe von Priestern, die bereit waren, die Seminaristen zu begleiten und mit ihnen im Seminar zu leben.
Meinen Priester sage ich: bewahrt immer den Eifer, den ihr bis jetzt gezeigt habt. Heute kann man von jedem von Euch sagen, dass Ihr Eure Schafe kennt, und Eure Schafe Euch kennen. (vgl Joh 10). Dies ist eine große Gnade für Euch und für die Diözese. Allerdings gehen die Gesellschaft, die Pfarren und die Priester bedeutende Wandlungen durch und es kommt immer mehr zu Distanz zwischen den Pfarrern und den Pfarrangehörigen. Um wie in der nahen Vergangenheit auch weiterhin im Dienst nahe zu bleiben, verliert nie das Wesen der priesterlichen Sendung aus den Augen, nämlich Christus zu kennen und Ihn weiterzugeben. Der Priester des Patriarchats ist gerufen, Hirte einer Pfarre zu sein. Der Hirte einer Pfarre ist zuallererst Lehrer des Glaubens in der Schule, durch die Predigt, durch Besuche bei den Familien, durch verschiedene pastorale Aktivitäten und bei vielen weiteren Gelegenheiten.
Bewahrt Eure Freiheit und Eure Verfügbarkeit, um in jeder Pfarre, groß oder klein, Christus zu erkennen und Ihn weiterzuschenken. Zögert nicht, den schwierigsten Ort anzunehmen, ja sogar zu wählen. Die Gnade Gottes wird dabei größer sein. Bewahrt Eure Freiheit bezüglich der Orte und der Menschen. Möge nichts, weder Menschen noch Geld, weder Freundschaften noch Bauprojekte, ja nicht einmal Pastoralprojekte, Euch daran hindern, dorthin zu gehen, wohin Ihr gesandt werdet. Denn die Arbeit, die Euch anvertraut wurde, gehört nicht Euch. Es ist das Werk Gottes. „Mein Vater ist immer noch am Werk, und auch ich bin am Werk“ (Joh 5, 17), sagt Jesus, und wir sind Teil dieses Werkes Gottes in unserer Diözese. Sagt mit dem Evanelium: „Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17,10). Dort, wo Ihr hingestellt seid, seid Ihr Werkzeuge Gottes, und dort, wo man Euch bittet, Eure Arbeit unvollendet zu lassen, tut es: Gott weiß, wie Er das Werk vollenden wird, das Er durch Euch begonnen hat. Im Gegensatz dazu riskiert Ihr, wenn Ihr aus eigenem Willen darauf besteht, zu bleiben, nicht mehr gesandt zu sein und nicht mehr das Werk Gottes zu tun, sondern einfach Euer eigenes Werk. Die große Gefahr des Geweihten, der in den Weinberg Gottes gesandt wird ist, das Werk Gottes in ein persönliches Werk zu verwandeln. Dann beginnen die Schwierigkeiten, die Rivalitäten, der Ungehorsam, und dann versiegt die Gnade Gottes.
Wir brauchen all diese Neubauten, Pastoralzentren, Schulen, Kirchen und Pfarrsäle. Aber all dies darf nicht zu einem Hindernis werden, oder uns aus den Augen verlieren lassen, mit welchem Ziel wir bauen. Die Bedingung für solche Bauprojekte ist nicht nur das nötige Geld, sondern genügend Verfügbarkeit, um weiterhin Zeiten der Stille vor Gott verbringen zu können, Zeiten der Fürbitte für die Gläubigen und der Weitergabe des Glaubens. Wie Mose am Berg Nebo, der sich zwischen unseren Pfarren erhebt, betet auch ihr für das Volk.
Wir haben viele Steinbauten errichtet. Die Gläubigen aber wissen wohl zu unterscheiden zwischen einem Pfarrer der betet, und einem der nicht betet, und manchmal lassen sie ihn im Glauben, dass diese Bauten das Kriterium seines Erfolges sind.
Der Pfarrer ist für das Volk da, nicht umgekehrt. Die Menschen sind nicht da, um uns zu dienen. Wir sind es, die gesandt sind, um zu dienen. Jesus sagt: „Ich bin unter euch wie der, der bedient“ (Lk 22, 27). Daher müssen wir alle Gläubigen aller Ebenen und Schichten empfangen. Alle, ohne Rücksucht auf gesellschaftliche Stellung, Haben oder Wissen, An- oder Abwesenheit im pfarrlichen Leben, mit all ihren geistlichen und materiellen Bedürfnissen, alle, selbst diejenigen, die zur Last fallen und stören, sind Ziel unserer Sendung und unserer Liebe. Und die Armen unter ihnen, geprüft von allen Arten von Armut, sei es materiell oder spirituell, haben Vorrang. Zu ihnen allen sind wir gesandt, um ihnen zu helfen, Gott zu erkennen.
Es mag Situationen geben, in denen wir Menschen begegnen, bei denen Alles nutzlos scheint. Jede Änderung von Mentalitäten oder Personen ist scheinbar ein Ding der Unmöglichkeit. Aber für Gott ist nichts unmöglich und für den Gläubigen auch nicht. Wir müssen beginnen, und die Gnade Gottes wird das Werk zu Ende führen. Die Güte in den Menschen, die Gott selbst in sie gelegt hat, wird uns manchmal überraschen und unsere Erwartungen übertreffen. Heute säen wir, und morgen wird ein anderer ernten. Aber wenn wir heute nicht säen, wird es nie eine Ernte geben. „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen“ (1 Kor 3, 6).
Es gab eine Zeit lang unter den Priestern ein Aufkeimen von regionalistischen Gefühlen. Ich hoffe, dass dieser Geist heute ausgemerzt ist, um nicht wieder zu erwachen. Nichts darf Priester trennen, die im selben Weinberg Gottes arbeiten und die jeden Morgen dieselbe Eucharistie darbringen. Ich hoffe, dass gewisse menschliche Haltungen die Mission, die Gott uns aufgetragen hat, nicht in Mitleidenschaft ziehen wird, damit die Kirche lebendig bleibt und ihre Priester in ihrem Glauben, ihrem Gebet und ihrer Glaubenslehre wachsen können. „Brüder, seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung“ (1 Kor 1, 10).
Nehmt Eure Berufung ernst, erneuert jeden Tag das Ja, das ihr einmal gesprochen habt. Erneuert jeden Tag Euer Ja zu einer schwierigen Entscheidung, nämlich, jeden Tag sein Leben hinzugeben. Es kann durch Schwierigkeiten und Prüfungen zu einem täglichen Sterben werden. Die Zeiten der Stille vor Gott sollen dieses Ja zu allen Schwierigkeiten erneuern und stützen. Daher ist es unumgänglich, in unserem Leben der göttlichen Gegenwart genügend Zeit zu weihen, um neuen Mut zu schöpfen und um Gottes Willen in allen Ereignissen unseres persönlichen oder unseres öffentlichen Lebens zu erkennen. Denn die Vorsehung Gottes wacht über uns, und alles was Gott in unserem Leben zulässt, ist ein Wort, das Er an uns richtet. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass von der Weise wie wir unsere Berufung annehmen oder nicht, von der Weise wie wir sie leben, Leben oder Tod vieler Männer und Frauen, abhängt. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben“ (Joh 10, 10). Die Priester sind gesandt, um das Leben zu spenden.

Die Zukunft
19.       Die Zukunft der Priester hängt ab von der Furcht und der Verehrung, die sie den heiligen Dingen bezeugen, mit denen sie tagtäglich umgehen. Die Zukunft der Christen hängt ab von dem, was ihnen die Pfarrer geben.
Im Patriarchat arbeiten wir seid fast eineinhalb Jahrhunderten, und durch die Gnade Gottes sind die Früchte zahlreich. Aber es gilt, noch mehr Mühe aufzuwenden, um ein Leben in mehr Fülle zu spenden. Wir müssen die Familien schulen, dass sie nach dem Vorbild der ersten Kirche Jerusalems leben (vgl Apg 2, 43 - 47), geeint im Gebet, in der Lehre der Apostel, in der Eucharistie und im Teilen der Güter. Wir müssen auch die Mittel finden, um das Gebot der Liebe in all seinen Aspekten, im privaten wie auch im öffentlichen Leben zu leben, Liebe die Vergebung ist, Liebe die den Anderen in seiner Andersartigkeit annimmt, und zwar den Anderen von allen Religionen und Nationalitäten. Was das Teilen der Güter betrifft, müssen wir, wie schon gesagt, die Ebene der Almosen überschreiten, um zu Formen des Teilens zu gelangen, die sich gleichzeitig auf den Glauben und die notwendigen wirtschaftlichen Grundlagen stützen.
Wir müssen den Gläubigen in seine Gesellschaft „aussenden“, nicht wie das manchmal und bis heute geschehen ist, ohne seinen Glauben, sondern in der Kraft und dem Licht seines Glaubens. Manchmal haben wir eine geistliche Fortbildung privilegiert, die den Gläubigen auf die Kirche oder den Rahmen seiner Pfarre beschränkt hat und sie nicht genug ausgesandt in die Gesellschaft. Das Gebet in der Kirche (die Eucharistie, der Rosenkranz, der Kreuzweg, Prozessionen und alle anderen Devotionen) muss in eine Aussendung münden, hinaus aus dem Ort des Kultes und hinein in die gesamte Gesellschaft, wo die Menschen Gott suchen, damit wir zu Sauerteig, Salz und Licht werden.
In unserer Gesellschaft herrscht ein Konflikt. Es gibt zwei Völker, drei Religionen, und unser ganzes Land leidet unter der politischen Instabilität. Jeder Gläubige, jeder Mensch guten Willens, und die Pfarrer und Ordensleute allen voran, müssen alles tun, um diesen Konflikt zu beheben, und dies zum Gegenstand ihres Gebetes und ihrer Lehre zu machen.
Der Dialog zwischen den Religionen führt die Menschen einander näher. Man muss jedoch darauf achten, ihn nicht zu einem Abtausch schöner Worte verkommen zu lassen, oder gar seine Position zu verleugnen oder Angst zu haben, seine Identität zu unterstreichen, oder der Realität, so wie sie ist, entgegenzutreten. Die wahre Treue des Gläubigen liegt darin, seine ganze Gesellschaft zu lieben, beide Völker, und die Gläubigen aller Religionen, und die Ungläubigen, wenn es sie gibt. Hier gilt es in unserer Glaubenslehre, eine klare, explizite Öffnung herbeizuführen. Der Andere ist nicht der Feind. Er ist nicht der Fremde. Er ist Geschöpf Gottes. Er ist Sohn und Tochter Gottes. Vor Gott ist niemand Feind noch Fremder. Wenn wir uns an Moslems und Juden wenden, erwarten wir natürlich die gleiche Sichtweise. Aber selbst wenn wir das nicht erreichen, bleiben wir Menschen, die an Jesus Christus glauben und verhalten uns als solche: wir sehen, dass jeder ein Sohn oder eine Tochter Gottes ist, Gegenstand der Liebe Gottes und unserer Liebe.

SCHLUSSWORT

Ich beende meinen Dienst als Patriarch von Jerusalem für die Gläubigen des lateinischen Ritus. Ich werde diesen bald meinem Nachfolger, Msgr Fouad Twal, übergeben. Ich bitte Gott, ihm allen Segen und reiche Gnade zu gewähren, um die Mission dieses erwürdigen Patriarchats weiterzutragen. Noch einmal danke ich Gott und all jenen, die Er auf meinen Weg gestellt hat, um ihnen zu dienen und um durch sie Gnaden zu empfangen. Ich werde weiterhin in Jerusalem leben. Mein tägliches Leben wird weiterhin, so wie es bis heute der Fall war, im Rahmen des Patriarchates getragen sein. Persönlich bin ich ohne Geld im Patriarchat angekommen und beende mein Mandat ebenfalls ohne Geld. Ich habe keine Bankkonten. Ich schulde niemandem etwas. Auch mir schuldet niemand etwas. Das Patriarchat als Institution hat immer Defizit gemacht. Aber Gott hat dieses Defizit, diese Armut gesegnet, und Er wird das Patriarchat auch weiterhin in seinen materiellen Bedürfnissen begleiten, damit es seine spirituelle Mission erfüllen kann. Für all dies danke ich dem Herrn, und ich bitte alle, mich mit ihrem Gebet zu begleiten. Ich vertraue mich der Fürbitte der Seligsten Jungfrau Maria an und erflehe für alle den Segen des Allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, des einen und einzigen Gottes. Amen.

+ Michel Sabbah, Patriarch

Jerusalem, 1. März 2008

 

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