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JERUSALEM –  Pater Rafic Nahra ist der neue Koordinator für die Pastoral von Migranten und Pastoralvikar für Hebräisch sprechende Katholiken im Vikariat St. Jakob in Israel. In einem Interview mit TerraSanta.net spricht er über seine Karriere und seine neuen Aufgaben.

Innerhalb des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem hat Pater Rafic Nahra unlängst die Verantwortung als Pastoralkoordinator für Migranten und als Patriarchalvikar für Hebräisch sprechende Katholiken (was sich auf das Vikariat St. Jakob bezieht) übernommen. Er hat jahrelang in Jerusalem gelebt und folgt Pater David Neuhaus, der sich nach 12 Jahren im Dienst zurückgezogen hat.

Pater Rafic, geboren in Ägypten 1959 in eine libanesische Familie, emigrierte in seinen 20er Jahren nach Paris, wo er als Ingenieur arbeitete und dann den Weg ins Diözesanseminar einschlug. Er setzte seine theologischen Studien in Rom fort und wurde am 27. Juni 1992 in der französischen Hauptstadt zum Priester geweiht. Eine Studienreise in Jerusalem band ihn an das Heilige Land, wo er auch die katholische, Hebräisch sprechende Gemeinde kennenlernte. In Israel schloss er sein Masterstudium in „Jüdische Gedanken“ und erwarb ein Doktorat in jüdisch-arabischer Literatur. Seit drei Jahren ist er verantwortlich für die katholische Hebräisch sprechende Kehilla von Jerusalem.

Seit 2. September ist Pater Nahra Pastoralkoordinator für Migranten in der lateinischen Diözese von Jerusalem. Am 21. Oktober erhielt er die Zustimmung des Heiligen Stuhls zu seiner Ernennung zum Patriarchalvikar für Hebräisch sprechende Katholiken. Wir trafen ihn, um seine Geschichte zu erfahren und zu hören, was er für dieses neue Amt plant.

Pater Rafic, haben Sie diese beiden Positionen erwartet?

Nein , weil ich auch nicht erwartet habe, dass Pater David resigniert. Diejenigen, die Pater David kennen, wissen, dass er Tag und Nacht gearbeitet hat und dass er aus diesem Grund wegen der großen Erschöpfung resigniert hat. Mit dem Wissen, wie fordernd diese beiden Ämter sind, werde ich versuchen, die notwendige Unterstützung zu finden, um weitermachen zu können.

Passen die beiden Aufgabenbereiche immer zusammen?

Nein. Es sind zwei verschiedene Positionen, aber die Verbindung zwischen beiden kommt aus der Tatsache, dass wir unsere Arbeit begonnen haben mit Migrantenkindern, die israelische Schulen besuchen, die Hebräisch sprechen und deren Mentalität ähnlich ist der von israelischen Kindern. Ihre Eltern, besonders die Mütter, arbeiten viel und brauchen Unterstützung. In Jerusalem kam eine philippinische Mutter vor drei Jahren zu uns und sagte: „Meine drei Kinder kommen um drei Uhr aus der Schule und ich muss bis sechs Uhr arbeiten. Können Sie sie bitte betreuen, und ich hole sie um sechs Uhr?“ Wir stimmten zu und…. So begann alles. Eine ähnliche Anfrage kam von einer zweiten Familie und dann von anderen. So entwickelte sich das Projekt.

Die Arbeit für Migranten richtet sich nicht nur an Kinder, sondern an alle. Beinahe alle Migranten leben in der israelischen Gesellschaft. Daher ist es notwendig, dass die Menschen, die mit ihnen arbeiten, die israelische Gesellschaft kennen, die Sitten, die Mentalität. Es ist wichtig zu wissen, wie man kommuniziert. Aus diesem Grund helfen viele Priester aus dem Vikariat St. Jakob den Migranten.

Haben die zwei Aufgaben eine jüngere Geschichte?

Die Koordination der Pastoral für Migranten begann vor einigen Jahren. Der Leiter war Pater David und das Vikariat St. Jakob für Hebräisch sprechende Katholiken, die Geschichte reicht jedoch zurück in die 60er Jahre. Alles begann mit gemischten Paaren, die in Israel lebten: Ein Partner war Jude, der andere Christ. In der Zwischenzeit kamen Mönche, Nonnen und Volontäre. So begann alles als eine Arbeit, die Arbeit von St. Jakob, das seine eigenen Statuten hat. Die ersten Mönche begannen, die Gebete auf Hebräisch zu übersetzen. Heute haben wir ein vollständiges Gebetbuch auf Hebräisch. Die Geschichte des Vikariats St. Jakob begann auf diese Weise und entwickelte sich über die Jahre.

Wie sind Sie zum Vikariat St. Jakob gekommen?

Ich kam zum ersten Mal 1993 nach Jerusalem: ich blieb acht Monate zum Studium hier und besuchte das Heilige Land. Ich lebte bei den Jesuiten und studierte bei den Dominikanern. Ich hatte einigen Kontakt mit christlichen Gemeinden jüdischer Sprache. Ich kannte die Situation im Mittleren Osten schon, die wechselseitige Feindseligkeit und Ignoranz. Als Priester war ich davon sehr berührt und hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Ich war nie an Politik interessiert, aber aus einem menschlichen Standpunkt und als Christ begegnete ich Menschen, Freundschaften entstanden im Land und in mir reifte der Wunsch zurückzukehren. Ich wollte die Menschen zusammenbringen: Christen mit Juden und Arabisch sprechende Christen mit Jüdisch sprechenden Christen. Vor drei Jahren wurde ich zum Priester der Jerusalemer Gemeinde ernannt und eines der ersten Dinge, die ich vorschlug, war, ein paar Mal im Jahr Arabisch sprechende Kirchen zu besuchen. Wir machten das, und die Araber nahmen uns freundlich auf. Ich glaubte nicht, dass alles von vorne herein besser werden würde, aber wir gingen es langsam an. Die schwierige Kommunikation zwischen den Christen der beiden Parteien ist nicht primär politischer Natur, sondern ein Problem der Sprache und der kulturellen Unterschiede. Wir sprachen nicht die gleiche Sprache, und nicht jeder konnte Englisch. Die Aufgabe des Priesters ist es, durch das Beispiel zu führen: die auf der einen Seite und die auf der anderen müssen den Gläubigen beim Zusammenleben helfen. Wir sind alle Christen, und die Politik sollte diesen Aspekt nicht berühren.

Wie kam es nach Ihrem ersten Besuch im Heiligen Land zu dem Traum von der Rückkehr?

Als Priester in Paris sprach ich mit Kardinal Jean-Marie Lustiger, der mein Erzbischof war, über meinen Willen zurückzukehren. Er erklärte mir die Notwendigkeit, meine Rückkehr in einen ganz besonderen Rahmen einzubetten. So versprach ich ihm, mich in Projekten zu engagieren, die die Beziehung zwischen Juden und Christen betreffen. Ich ging zurück nach Jerusalem, um den Master in „Jüdisches Denken“ zu machen und setzte mit einer Dissertation in jüdisch-arabischer Literatur fort. Nach meiner Ankunft im Heiligen Land half ich, wo immer es notwendig war. Zwei Jahre lang half ich hier in Jerusalem palästinensischen Kindern beim Studium in der Altstadt im Institut der christlichen Schulbrüder. Ich feierte Messen in der maronitischen Kirche in Jerusalem (ich selbst bin maronitischer Herkunft). Dann begann ich in der Kehilla von Jerusalem zu arbeiten, anfangs durch Übersetzen von Gebeten, dann durch eine tägliche Messfeier. Vor drei Jahren übernahm ich die Leitung der Kehilla, die aus 80 Personen besteht, eine facettenreiche Gemeinde, so wie Jerusalem selbst.

Welche Schwierigkeiten haben die Hebräisch sprechenden Christen in Israel und was würden Sie für sie tun?

Ein Christ zu sein und in der israelischen Gesellschaft zu leben ist nicht per se ein Problem. Es gibt Schwierigkeiten, aber es ist möglich, sich in die Gesellschaft zu integrieren, wenn man stark ist und mutig. Eines der wichtigsten Dinge ist es, mit den jungen Leuten zu arbeiten. Wir haben eine Gruppe, die schon am Weltjugendtag teilgenommen hat, und die sich jeden Monat trifft. Unter den jungen Menschen haben wir die größten und die kleinsten. Wir wollen sie ausbilden und ihnen helfen, eine starke Identität zu finden, denn als Minderheit verliert man leicht seine Identität. Die israelische Gesellschaft ist sehr säkular. Wir sehen die gleichen Probleme wie in Europa, Säkularismus ist eine sehr starke Versuchung. Säkularismus in dem Sinn, dass man lebt, ohne Raum für Gott in seinem Leben zu haben. Wir möchten dagegen die Beziehung zwischen diesen jungen Menschen stärken, sie als Christen ausbilden und sicherstellen, dass sie sich in Zukunft in Pfarren engagieren. Aber das ist ein langer Weg.

Die jungen Menschen in unseren Gemeinden werden auch unterstützt, wenn sie den Militärdienst absolvieren müssen. Das ist eine sehr schwierige Phase, und wir wollen ihnen helfen, Christen zu bleiben und als solche zu leben. Es ist eine große Verantwortung. Junge Israelis müssen den Militärdienst absolvieren, man kann sie nicht bitten, die Kompanie zu verlassen. Wir müssen ihnen nahe bleiben, sodass sie den Glauben nicht verlieren. Und wir müssen die Politik aus dieser Aktion draußen lassen: wir wollen unseren jungen Menschen helfen, wahre Christen zu sein, obwohl sie in der israelischen Gesellschaft leben. Die Arbeit mit Migrantenkindern muss fortgesetzt werden, heute in Israel, und vielleicht entscheiden sich viele zu bleiben.

Der interreligiöse Dialog muss entwickelt werden, wie wir es jetzt schon machen. Wir haben zwei Projekte in Jerusalem, und in anderen Pfarren gibt es ähnliche Initiativen. Wir haben eine sehr offene Gruppe von Juden, die mit uns die Thora studiert. Außerdem haben wir eine sehr karitative Gruppe bestehend aus Juden, Moslems und Christen, wir sammeln Kleidung und geben sie den Armen. Nächstenliebe hat keine Religion. Das Projekt kann helfen aufzuzeigen, dass es nicht nur politische Probleme gibt. Wir können die Dinge zusammenbringen. Alles endet damit zu sagen: „Ich bin Christ“, „ich bin Moslem“, „Ich bin Jude“. Wir können Dinge gemeinsam machen und dieses Projekt ist der Beweis.

Wie ist die Koordination der Pastoral von Migranten?

Die größte Einwanderergemeinde in Israel ist die der Philippinos, aber es gibt auch viele Inder, Sri Lanker, Eritreer, Äthiopier, Polen und andere. In der Vergangenheit habe ich mit Migrantenkindern gearbeitet, und jetzt muss ich alle verschiedenen Gemeinden kennenlernen. Ich werde sie eine nach der anderen besuchen, an ihren Festen teilnehmen und ihre Probleme kennenlernen. Meine Arbeit ist es nicht, Priester zu sein an Stelle der Pfarrer, sondern ich werde der Koordinator sein, der ihnen hilft, sich mit der israelischen Gesellschaft zu verbinden.

Ich werde ein Team haben, das mich bei dieser Aufgabe unterstützt, um so eine Verbindung mit der Ortskirche zu schaffen.

Sie sind nach Paris immigriert und haben viele Länder besucht. Kann Ihnen Ihre persönliche Erfahrung bei der Beziehung zu Migranten helfen?

Ja, ich kam mit 20 nach Paris, ich lebte an verschiedenen Orten, und in meiner Familie gibt es orthodoxe Christen, Maroniten und Protestanten. Ich fand meinen Glauben bei den Protestanten, ich bin Maronit und wurde zum Priester des lateinischen Ritus geweiht. Grenzen ziehen mich an, ich mag das. Ich habe mich an einer Grenze immer wohl gefühlt, und jetzt hat mich das Leben hierher gebracht. 1993 kam ich ohne Erwartung. Und die Entdeckung der wechselseitigen Ignoranz und des Hasses zwischen den Menschen haben mich tief berührt. Von daher hat sich alles geändert.

Warum unterstützen Christen die Aufnahme von Migranten?

In der Bibel ist es so: Sogar das jüdische Volk hat eine Erfahrung, die ihnen helfen würde zu verstehen. Sie waren Fremde (Migranten) in Ägypten und haben viel gelitten. Der Herr befreite sie. Das ist die grundlegende Erfahrung der Menschen von Israel, die Sklaven waren und von Gott befreit wurden, um frei zu sein. Gott gab ihnen das Gesetz des Lebens und einen Weg. Oft sagt Gott Seinen Menschen in der Bibel, gut zu Migranten zu sein: „Erinnert euch daran, dass ihr Fremde ward in Ägypten.“ Jesus selbst sagt im Evangelium: „Ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen.“

Jesus hat Grenzen geöffnet. Die Art, wie wir heute organisiert sind, mit Identitäten, Nationen und Grenzen ist kein definitives Kriterium, um die Welt zu betrachten. Die Angst der Menschen ist verständlich, aber wenn ein Fremder kommt und an unsere Tür klopft, können wir ihm nicht sagen: „ Du gehörst zur Kategorie jener, die eine Gefahr sind.“ Wenn wir arme Menschen treffen, fordert Jesus uns auf, ihnen zu helfen. Arbeit mit Migranten heißt daher, sie zu unterstützen, ohne naiv zu sein. Die Medien berichten viel über Fremde, die Probleme machen, aber es gibt auch Einheimische, die Probleme bereiten. Wir müssen die Wahrheit sagen: In allen Ländern brauchen wir Migranten, weil sie, bedauerlicherweise, wenig verdienen und die Jobs machen, die sonst niemand macht. Sie anzusehen, als wären sie ein Problem, ist nicht fair. Sie leben schon unter schwierigen Bedingungen: Sie sprechen die Sprache nicht, sie haben keine medizinische Absicherung, sie arbeiten nicht. Der Papst lädt uns als Christen ein, die Türen zu öffnen und ihnen zu helfen.

Beatrice Guarrera für TerraSanta.net

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