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Predigt zur Mitternachtsmette 2017

Bethlehem, 24. Dezember 2017

Sehr geehrter Herr Präsident,

Hochwürdigste Herren,

Liebe Gläubige und Zuseher im Fernsehen

Möge der Herr Ihnen allen Frieden gewähren!

Wir sind wieder hierher nach Bethlehem gekommen, wo sich für die Jungfrau Maria, die Braut des Josef, die Tage der Geburt erfüllten , sie ihren erstgeborenen Sohn gebar, ihn in Windeln wickelte und in eine Krippe legte ( vgl. Lk. 2:7).

Die Kirche Gottes, verbreitet auf der ganzen Welt, wird wie die Hirten in dieser Nacht von der Stimme der Engel gerufen und wird erleuchtet vom strahlenden Stern von Bethlehem. Und so erkennt und betrachtet sie in solcher Kleinheit, in solch offensichtlich gewöhnlicher Geringfügigkeit, den gnädigen Akt Gottes, der dieses Kind – dieses kleine Zeichen – in unsere Welt und in unsere Geschichte gelegt hat, dessen Anfang augenscheinlich gering ist, aber dessen kommendes Königreich sicher siegreich sein wird.

Genau dieses Kind ist der Wunderbare Ratgeber, der Starke Gott, der Vater in Ewigkeit, Der Fürst des Friedens (Je 9:5). Und doch scheint er klein und arm, versteckt und bescheiden. In dieser Nacht ist Er – und durch sein ganzes Leben bis zu seiner Kreuzigung – die wahre Senfsaat, die in der Erde gelegt wurde; Er ist die verborgene Hefe im Mehl, das Weizenkorn, das auf die Erde fällt, um Frucht zu bringen.

Ja: Die Geburt des Herrn ist ein bescheidener Anfang (primordia salutis nostrae, der Beginn unserer Erlösung, wie Papst Leo der Große sagen würde). Es ist ein kleines Zeichen, ein diskretes Geschenk, so bescheiden, klein und zart wie die Liebe, wenn sie wahrhaftig ist. Wenn wir heute Abend Gloria singen wollen, wenn wir den Frieden bekommen wollen, wenn wir Stärke erkennen wollen, dann ist es der Ruhm, der Friede, die Kraft der Liebe, die uns gegeben, vertraut und anvertraut ist, wie dieses Kind.

Daher möchte ich selbst mich heute Abend, mit der Kirche, deren Bischof ich bin, und mit Ihnen allen, von diesem Zeichen fragen lassen, zulassen, dass ich von der Prophezeiung mehr als vom Geburtsfest herausgefordert werde, diesen Samen empfangen zu können, damit er Frucht bringe. Es gibt ein Risiko, das ich vermeiden möchte: das Risiko, Weihnachten auf ein Fest zu reduzieren, so schön und teuer, wie wir es gerne haben, aber das stumm und bedeutungslos geworden ist, beinahe selbstverständlich durch die traditionelle Wiederholung. Die Geburt Christi ist eine Prophezeiung, die einerseits die Handlung Gottes enthüllt und andrerseits uns zu einer konkreten Antwort auffordert. Wenn ohne die Aktion Gottes Weihnachten unmöglich ist, dann ist ohne unsere Aktion Weihnachten sinnlos. So wie für die Hirten ist auch Weihnachten für uns der Ruf zu einer Reise, einer Reise zurück.

Gewöhnlich ist es das Kind, das wächst, es ist das schwache, das stark sein möchte, das arme, das reich sein möchte. Unsere Geschichte verläuft so. Großartigkeit und Stärke sind unsere Träume. Sie sind der verborgene Wunsch, der uns alle in unseren täglichen Beziehungen, aber auch in internationalen Beziehungen antreibt. Es ist ein ständiger Kampf in uns, zwischen uns und um uns. Es ist ein Krieg, den Herodes jeden Tag kämpft, um größer zu werden, mehr Raum zu besetzen, Positionen und Grenzen zu verteidigen, Unglücklicherweise ist es auch eine Geschichte unserer Tage.

Ich brauche hier nicht zu wiederholen, was ich schon oft in verschiedenen institutionellen Treffen gesagt habe, worum wir in diesen Tagen leben. Ich habe es deutlich gesagt und brauche es hier nicht zu wiederholen. Aber ich kann, und ich muss es jenen empfehlen, die die Macht haben, über unsere Zukunft zu entscheiden, den Politikern, den Mut zu haben, kein Wagnis und Risiko zu fürchten, keine Angst zu haben, alleine zu sein, nicht eines jeden Vision abzutun. Heute mehr denn je brauchen wir von ihnen eine reale und seriöse Politik. Trotz vieler Enttäuschungen in der Vergangenheit und in diesen Tagen, mit Nachdruck, hören Sie nicht auf, eine Vision zu haben, sondern im Gegenteil, lassen Sie sich mehr denn je vom Schrei der Armen und Gequälten aufrütteln, weil Gott der Herr „den Schrei der Gequälten nicht vergisst“ (Ps9:13).

Aber das, was wir den Politikern sagen, sagen wir zuerst uns selbst. Denn, wie heute, suchen wir alle ein mächtiges und starkes Königreich, das uns beschützt und sicher fühlen lässt. Den Hirten und uns ist jedoch ein gegensätzliches Zeichen angeboten – ein verteidigungsloses und hilfloses Neugeborenes: All die Glorie, die die Engel sangen, die gesamte himmlische Armee, die in dieser Nacht mobilisiert wurde, ist fokussiert auf das in Windeln gewickelte und in einer Krippe liegende Kind. Wir sind dann eingeladen zu einer Umkehr von Logik und Verhalten. Wir sind eingeladen zu einer Metanoia, zu einem Wechsel von Mentalität und Perspektive: vom Großen zum Kleinen, von Stärke zu Schwäche, von Kraft zu Geschenk, weil Gott so handelt. Ich denke, diese Prophezeiung ist besonders wahr in unserer Zeit, und hier nicht nur für jeden einzeln, sondern für alle von uns Christen im Heiligen Land, die beunruhigt und vielleicht ängstlich sind wegen unserer geringer werdenden Anzahl, der Unzulänglichkeit unserer Mittel, und der Unsicherheit, die unser tägliches Leben kennzeichnet. Eingequetscht zwischen gegensätzlichen Mächten, manchmal Opfer einer Dynamik und Strategie, die größer ist als wir, möchten wir vielleicht auch dem Weg der Kraft und Macht folgen. Angst und Furcht könnten uns unsensibel für dieses Zeichen machen und uns veranlassen, Weihnachten in ein einfaches Fest der Identität und des Trostes zu verwandeln und auch in eine Suche nach Stärke und Macht, Reichtum und Besitz.

Weihnachten aber, indem es uns die Handlung Gottes enthüllt, zeigt uns, wer wir sind und wer wir als Christen sein müssen, hier und auf der ganzen Welt. Wir und auch unsere Kirche, mit der universalen Kirche, sind und müssen ein konkretes Zeichen der Macht der Liebe sein, ein bescheidener Anfang eines Königreichs des Friedens und der Wahrheit. Es wird nicht durch die Kraft der Waffen kommen, sondern durch eine Umkehr des Lebens. Wir müssen die Präsenz des Teilens und der Brüderlichkeit sein, vielleicht schwach, missverstanden und sogar umstritten, aber eine Prophetie und Proklamation der Anwesenheit von Gott selbst unter den Menschen, denn das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen (vgl. Kor 1:25).

Zu Weihnachten können wir mit dem Hl. Paulus sagen: wenn  ich schwach bin, dann bin ich stark, wenn ich klein werde, dann werde ich groß, wenn ich arm werde, dann bin ich reich in Seinem Angesicht, der als Reicher für uns arm wurde.

Bethlehem, das Heilige Land und die Kirchen, die hier leben, beten und leiden, müssen und können für die gesamte Kirche und für die Welt eine lebendige Erinnerung des christlichen Mysteriums vom Weizenkorn sein, das Frucht trägt, weil es stirbt. Die Präsenz der Kirche, das Zeugnis von Christen überall in der Welt, aber besonders hier, kann nur eine Präsenz von „Weihnacht“ (und „Ostern“) sein: Unser Leben und unsere Taten können nur konform sein mit dem Leben und den Taten Christi, klein und arm geboren, um Brot und Leben für die Menschheit zu werden. Mut daher, Kirche des Heiligen Landes! Mut, Brüder und Schwestern! Wir können hier weiterleben und bleiben, In Schwachheit und Armut, denn das sind die Wege Gottes, wenn er in die Welt kommen und die Menschheit segnen will. Lasst uns nicht traurig sein, denn die Freude des Herrn ist unsere Stärke!

Mut auch, ihr Autoritäten der Welt: Ihr könnt das Abenteuer von Frieden und Versöhnung versuchen, könnt aufgeben, nach Größe und Macht zu streben, und euch zu beugen, um dem Wohl der Menschheit zu dienen. Das Tor der Demut, das in die Geburtsbasilika Christi führt, ist auch das Tor zu wahrer Größe. Und wenn wir uns bald um das Kind von Bethlehem versammeln, um es zu berühren und zu küssen, lasst uns unser Herz und unser Leben in diese Geste legen und auch für uns selbst den Weihnachtsweg der Kleinheit und Bescheidenheit annehmen, den einzigen Weg zu Erlösung und Frieden.

+Pierbattista Pizzaballa
Apostolische Administrator

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