25. Dezember 2016

Weihnachten

Seht: der Herr steht schon vor der Tür! (Jak.5:9)

Weihnacht ist der Eintritt des Gottessohnes in die Welt: Christus kommt in die Welt, er kommt zu seinen Menschen. Und vor Ihm ist alles ein Öffnen und Schließen von Türen. In der Zeit , die auf das Jahr der Barmherzigkeit folgt, können wir Weihnachten interpretieren als die Tür, die Gott offen hält, um zu den Menschen hinaus zu gehen und sie einzuladen, mit ihm in Gemeinschaft einzutreten.

Zu Weihnachten ist zuallererst das Tor Gottes geöffnet, aus dem der Sohn kommt, Emmanuel, Gott-mit-uns. Der Himmel öffnet sich: von der Geburt bis zur Taufe des Herrn ist alles ein Öffnen von Toren des Himmels, durch die die Engel ein- und ausgehen und das Kommen des Geistes ankündigen und vorbereiten. Am wichtigsten: das menschliche und göttliche Herz des Sohnes öffnet sich. Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: „Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen, an Brand- und Sündopfern hast du keinen Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle -, um deinen Willen, Gott zu tun. (Heb 10:5-7). Christus öffnet die Tore seines Lebens weit um zu sagen: Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und die Weide finden (Joh:19:9). Er ist in Person Gottes eigenes Tor, der Gerechte tritt durch es ein (PS 128:20).

Dem offenen Tor Gottes entsprechen offene Türen von Männern und Frauen, die willens sind, Ihn eintreten zu lassen: das Herz von Maria und Josef, mit dem „Ja“ ohne zu zögern; die Türen des Hauses von Elisabeth und Zacharias; die großzügige Reise der Hirten und der Heiligen Drei Könige, von Simeon und Anna….

Es gibt aber auch Türen, die verschlossen sind: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh. 1:11). Verschlossen waren die Herzen des Herodes, die Häuser derer, die keinen Platz für ihn hatten, das Leben derjenigen, die ihre Besitztümer beschützen, ihre Projekte realisieren und ihre Ideen durchsetzen müssen.

Ich mag dieses Bild der Tür: es weckt, erinnert, lädt ein, das Risiko der Freiheit auf sich zu nehmen, die sich öffnet oder schließt und so den Frieden möglich oder unmöglich macht, den wir erwarten, die Begegnung, die rettet. Die Geburt von Christus ist wirklich nicht die magische oder sentimentale Feier, die wir eingesperrt in unseren Häusern erleben, gesichert in persönlichen, familiären oder sozialen Bereichen. Es ist nicht die Freude, genauso privat wie unabhängig und gleichgültig, über das Entkommen aus der harschen Wirklichkeit des Alltagslebens, einer bunten und glitzernden Ablenkung innerhalb eines sehr düsteren Lebens.

Weihnachten ist die Ankündigung der Erlösung, die darauf wartet, angenommen zu werden, um Erfüllung zu finden. Wie Maria nach der Verkündigung des Engels, wie Josef nach seinem himmlischen Traum, wie die Hirten, nachdem sie den Gesang der Engel gehört hatten, wie die Heiligen Drei Könige, nachdem sie den Stern gesehen hatten, sind auch wir eingeladen, hinauszugehen, Engagement zu zeigen, unsere Bequemlichkeit hintan zu lassen und unsere Argumentation nach Bethlehem zu gehen, in eine neue Zeit des Lebens und des Friedens einzutreten, das Königreich, das Christus einleitet. Die Tür ist offen, unsere Freiheit ist eingeladen.

Es ist mir sehr wohl bewusst, dass wir alle Opfer eines wachsenden Gefühls der Unsicherheit und des Misstrauens sind. Hoffnungen auf Frieden werden zu oft enttäuscht, Gewalt in wiederkehrenden Angriffen, so viel rein rhetorische und wirkungslose Rede treibt uns dazu, uns zurückzuziehen, die Türen zu versperren, Überwachungssysteme zu installieren, weiter weg zulaufen und nicht zu bleiben und sich gegen Vertrauen und Hoffnung zu wehren.

Wir fürchten den Fremden, der an unsere Tür klopft und an den Grenzen unserer Länder steht. Verschlossene Türen, verteidigte Grenzen vor persönlicher und politischer Auswahl sind eine Metapher für die Angst, die unausweichlich die gewalttätige Dynamik unserer Zeit ausbrütet. Wir haben Angst vor dem, was in der Welt geschieht, mit unseren Hoffnungen, die hier wie in vielen anderen Ländern der Welt ertrinken inmitten von Korruption, in der Macht des Geldes, in konfessionell begründeter Gewalt, in Angst: in Syrien, im Irak, Ägypten, Jordanien. Aber auch im Heiligen Land wächst der Durst nach Gerechtigkeit, Würde, Wahrheit und wahrer Liebe. Wir aber verstoßen und verleugnen einander weiterhin und leben und denken, als ob nur wir hier wären und es keinen Platz für andere gäbe. „Es war für sie kein Platz in der Herberge“ (Luk. 2:7)

Unsere Ängste bestimmen unsere Auswahl und unsere Orientierungen. Wir sind müde und verwirrt durch das, was um uns geschieht und wir finden keine Richtung für unsre Reise. Wir finden den Stern nicht, der uns leitet.

Es ist keine soziologische Tatsache, es ist eher ein existenzielles Phänomen, „eine Psychologie des Feindes“, die fatalerweise zur Ideologie wird, einen aggressiven Lebensstil erzeugt, einen widersprüchlichen Weg, sich selbst vor die anderen zu stellen, ohne Hoffnung auf Zukunft. Von Haustüren zu Staatsgrenzen ist alles verschlossen, in Angst und Misstrauen, in Ausschluss und Krieg. Wir alle fühlen uns ausgeschlossen, blockiert, getrennt. Weihnachten erzählt uns jedoch von Freude und Frieden, der kommt, wenn wir guten Willens sind, unsere Türen zu öffnen; wenn wir den guten Willen Gottes teilen, der öffnet anstatt zu verschließen, der gibt anstatt zu nehmen, vergibt anstatt sich selbst zu rächen. Wir können uns von der Ideologie des Feindes zur Logik der Brüderlichkeit bewegen, getrieben von einem Gott, der an die Menschen glaubte, bevor wir ihm vertrauten. Wenn Gott keine Angst oder Verachtung für die Menschen hatte (non horruisti Virginis uterum, „Du hattest keine Angst, selbst Mensch zu werden“, heißt es in einem alten Hymnus der Kirche), dann können auch wir das mutige Vertrauen lernen, das anderen die Türen des Dialogs und der Begegnung öffnet. Erlösung und Frieden, Begegnung und Eintracht sind tatsächlich eine Gnade, die wir von ihm erbitten, den wir in dieser Heiligen Nacht Friedensfürst nennen. Aber sie werden authentisch und real, wenn sie von Händen und Herzen angenommen und getan werden und mutig und großzügig einen neuen Weg des Denkens eröffnen, ein neues Verhalten, neue Projekte, so tapfer und großzügig wie Christus war, als er kam, um unser Leben zu teilen, indem er uns Seines gab.

In diesem unserem Land und dieser unserer Welt, wo viele von Frieden und Leben reden, aber nur wenige sich entschließen, über die Schwelle von Engagement und Entscheidung zu treten, wiederholt Weihnachten die Einladung, die Türen für Christus zu öffnen, der sich selbst zu erkennen gibt, und den Menschen: Durch die Riten und Gebete dieser Heiligen Nacht kommt der Vater in Christus, seinem Sohn, wieder, um den Menschen zu treffen und ihn zu fragen: wo bist du? (Gen. 3:9), und ihn einzuladen in das Haus der Brüderlichkeit. Werden wir die Schwelle überschreiten? Es ist eigentlich kein Slogan. Es ist eine Einladung gerichtet an die Menschen und die Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft, an die Armen und die Mächtigen dieser Welt: Werden wir aus unseren Ausgrenzungen herauskommen, werden wir die Tür unserer Urteile und Vorurteile öffnen und werden wir Ihm begegnen, der uns ruft? Werden wir nach Bethlehem gehen und eine neue Reise beginnen, oder werden wir in unseren Palästen eingeschlossen bleiben, um unsere Macht zu schützen, unsere Interessen zu verteidigen, sogar bereit, die anderen auszuschließen, um unsere Positionen zu erhalten? Indem wir unseren Blick auf das Heilige Kind richten, werden wir erfahren, wie wir auf den Durst nach Gerechtigkeit  und Würde antworten, auf den Wunsch nach Liebe und Brüderlichkeit, auf die Notwendigkeit der Begegnung, oder werden wir unser Vertrauen in kurzfristige Politik oder militärische Strategien setzen?

Werden wir den Mut haben, uns vom Heiligen Kind provozieren zu lassen, unsere speziellen Interessen beiseite zu legen und den anderen als Bruder zu sehen, in der völligen Freiheit der Kinder Gottes, losgelöst von aller Gewalt, Unterdrückung und Arroganz?

Die Antwort steht nicht in den Sternen, sondern in unserer freien und verantwortlichen Wahl. Und während wir auf das Christuskind schauen, die Tür des Vaters öffnen, die keine Ablehnung schließen kann, wird das Vertrauen erneuert und die Hoffnung wiederbelebt und wir singen von neuem: In te domine speravi: non confundar in aeternum, Du bist unsere Hoffnung: wir werden nicht enttäuscht werden!

+Pierbattista

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